Vertragspoker Ballack die günstigste Lösung für Bayern

Michael Ballacks auslaufender Vertrag bereitet den Bayern-Bossen derzeit Kopfzerbrechen. Der 28-Jährige will sich noch nicht entscheiden, wo er nach der WM 2006 spielen wird. Die Bayern dagegen wollen eine schnelle Einigung. Eine weitere Zusammenarbeit wäre für beide Seiten am besten.

Von Pavo Prskalo


Nachdenklicher Ballack: Zukunft weiterhin offen
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Nachdenklicher Ballack: Zukunft weiterhin offen

Ballack hat die freie Auswahl. Sein Vertrag läuft am 30. Juni 2006 aus, er könnte den Deutschen Rekordmeister ablösefrei verlassen. "Das Schöne ist, dass ich in der Situation bin, wählen zu können", sagt Ballack und fügt hinzu: "Mich setzt niemand unter Druck." Internationale Top-Clubs wie Manchester United oder Real Madrid werben um den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Sogar Dynamo Moskau hat jüngst seine Fühler nach Ballack ausgestreckt. Doch was soll er bei diesen Vereinen?

Bald wird Ballack 29 Jahre alt und es wird wohl sein letzter großer Vertrag. Verständlich, dass er sich bei seiner Entscheidung Zeit lässt. Es geht um viel Geld. Fraglich ist, ob die Bayern in der Lage sind, genauso viele Millionen auf das Konto des wohl weltbesten Kopfballspielers zu überweisen, wie es Manchester oder Madrid wären. Nicht zu vergessen Moskau, das mit dem millionenschweren Vereinseigentümer Alexej Fedorytschew finanziell bestens aufgestellt ist.

Zugleich weiß Ballack aber auch, was er an den Bayern hat. "Ich spiele bei einem Top-Club, das weiß ich zu schätzen", erklärt der Ex-Leverkusener. In München ist er der Kopf der Mannschaft, der absolute Superstar. Seine Anweisungen auf dem Platz sind Gesetz. Die Medien schätzen ihn, die Fans mögen ihn. Eigentlich kein Grund ins Ausland zu flüchten. Zumal ihn dort unbekanntes Terrain erwartet. Eine neue Sprache, ein neues Umfeld und neue Teamkollegen - will Ballack das alles?

Das kalte Moskau wird ihn, der so gern Urlaub auf Sardinien macht, trotz Millionenofferte wohl nicht reizen. Eher schon Manchester, mit dem legendären Old-Trafford-Stadion und den sensationellen Fans. Aber dass deutsche Fußballer in England unter besonderer Beobachtung stehen, weiß man spätestens seit Jürgen Klinsmanns Gastspiel in Tottenham. Der Mediendruck auf Ballack wäre immens, ebenso wie die Konkurrenzsituation im Team. ManU-Publikumsliebling Paul Scholes (464 Spiele, 128 Tore) wird seinen Platz im offensiven Mittelfeld - Ballacks Lieblingsposition - zudem nicht kampflos räumen.

Jubelnde Real-Stars: Druck noch viel größer
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Jubelnde Real-Stars: Druck noch viel größer

Noch größer wäre der Rummel bei Real Madrid. Fans und Medien erwarten von den Spielern, dass sie ihrem Spitznamen "Los Galácticos" (Die Galaktischen) gerecht werden. Meisterschaft, Pokal, Champions-League - alle diese Titel muss Real Jahr für Jahr holen.

Das größere Problem für Ballack dürfte es aber sein, dass er bei Real nur einer von vielen Stars wäre. David Beckham, Ronaldo, Zinedine Zidane, Roberto Carlos und Co., hier müsste Ballack erstmal beweisen, dass er mit den ganz Großen mithalten kann. Im Gegensatz zu München wäre der 28-Jährige nicht der tonangebende Mann auf dem Platz - wenn er denn überhaupt auf dem Rasen stünde. Dass Zidane ihm trotz fortgeschrittenen Alters spielerisch überlegen ist, dürfte dem Fußballer des Jahres 2002, 2003 und 2005 nach den vielen direkten Duellen mit dem Franzosen bekannt sein.

All diese Punkte wird Ballack abwägen und am Ende wohl zu der Entscheidung kommen, dass es das Beste für ihn ist, in München zu bleiben. Zumal die Bayern-Verantwortlichen sich "bis zur Decke strecken werden", um Ballack zu halten, wie der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge betont. Um die Verhandlungen möglichst schnell über die Bühne zu bringen, hat der Club eigens Ballack-Berater Michael Becker eingeladen, am Asien-Trip der Bayern teilzunehmen.

Insgesamt 36 Millionen Euro soll Ballacks Gehalt von 2006 bis 2010 betragen. 6,5 Millionen Euro pro Saison, dazu 10 Millionen Handgeld für sein Autogramm unter den Vertrag. Dem Manager von Michael Schumacher, Willi Weber, ist diese Summe zu gering. "Ballack ist viel mehr wert", sagte er der "Bild"-Zeitung und ergänzte: "Ich würde den Bayern sagen: Unter 50 Millionen brauchen sie mich gar nicht mehr anzurufen."

Coach Magath: "Müssen uns umschauen"
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So weit will es Bayern-Manager Uli Hoeneß nicht kommen lassen: "Wir haben ein Gehaltssystem. Wenn wir das sprengen, dann will jeder das Doppelte kassieren." Dennoch wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als in diese Kategorien vorzustoßen, möchte er, dass weiterhin ein Spieler mit der Klasse eines Michael Ballack in seinem Kader steht. Denn davon gibt es nicht viele, und die wenigen überragenden Spielmacher sind teuer, wenn nicht unbezahlbar für Hoeneß. Erst jüngst blitzte der FC Chelsea mit einer 120 Millionen-Euro-Offerte für den Brasilianer Ronaldinho beim FC Barcelona ab. Auch der FC Liverpool ließ sich durch ein 50 Millionen Angebot von Chelsea-Clubboss Roman Abramowitsch für Mittelfeld-Ass Steven Gerrard nicht aus der Ruhe bringen.

"Sollte Ballack nicht verlängern, müssen wir uns halt umsehen", sagt Bayern-Trainer Magath zu der ganzen Diskussion. Den Bayern muss aber bewusst sein, dass sie für die Summe, die sie dem 57-maligen Nationalspieler bieten, keinen äquivalenten Ersatz finden werden. Top-Spieler wie Frank Lampard (Chelsea), Kaka (AC Milan), Deco (Barcelona) oder Francesco Totti (AS Rom) stehen bei ihren Vereinen langfristig unter Vertrag und sind dementsprechend nur für viel Geld zu haben. Und für viel weniger Geld als ein Michael Ballack werden auch diese Stars nicht bereit sein, ihre Schuhe zu schnüren.

Es ist zu erwarten, dass die Bayern alle Hebel in Bewegung setzen, um den besten Spieler der Liga in ihren Reihen zu halten. Eine Vertragsverlängerung mit Ballack wäre - trotz der hohen Summe, die im Raum steht - die kostengünstigste Lösung für die Münchner.



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