Vertragsverlängerung von Löw Das lange Warten auf das Jawort

Für Deutschland war die WM sehr erfolgreich, Joachim Löw zögert dennoch, das Team zur EM 2012 zu führen. Dabei sprechen mehr Gründe für als gegen eine Vertragsverlängerung - wenn da nicht Löws Sturheit wäre. DFB-Boss Theo Zwanziger hofft auf eine Zusage bis Ende Juli.

dpa

Von Jan Reschke


Joachim Löw sehnt sich derzeit nach Ruhe. Viel Ruhe. Und solange der Bundestrainer seine Ruhe nicht wiedergefunden hat, wird er nicht bekanntgeben, ob er auch künftig das Amt des Bundestrainers ausführen wird. De facto ist Löw derzeit ohne Beschäftigung. De facto haben Bastian Schweinsteiger und Co. keinen Trainer für das Länderspiel am 11. August gegen Dänemark.

Die "Bild"-Zeitung hatte in der vergangenen Woche verkündet: Löw macht weiter. Doch sicher ist das nicht. Der Bundestrainer sagte auf der WM-Abschlusspressekonferenz nur, dass er überlege, ob er "weiter diese Kraft und Energie hat, die Mannschaft weiterzuführen". Das sind bei Löw keine leeren Worte, um die Spannung auf die Spitze zu treiben oder sich von den Verbandsverantwortlichen noch ein paar Tage länger umschmeicheln zu lassen.

"Ich möchte keine Entscheidung treffen unter den ganzen Emotionen", sagte Löw. Lieber will er nüchtern analysieren, was für eine Vertragsverlängerung spricht - und was dagegen. Denn dagegen sprechen einige Gründe - trotz des dritten Platzes bei der WM, trotz weltweiten Lobes für die Spielweise der DFB-Elf, trotz Ermunterungen von allen Seiten.

Doch sobald wird sich Löw nicht entscheiden, DFB-Präsident Theo Zwanziger muss sich gedulden. Er ist nicht mehr Herr des Verfahrens. "Wir werden in den nächsten 14 Tagen zusammenkommen. Ich bin optimistisch, dass wir zur Präsidiumssitzung am 30. Juli eine grundsätzliche Einigung hinbekommen", sagte Zwanziger der "Bild"-Zeitung. Der Verbandschef hatte gehofft, dass sich Löw noch diese Woche zum DFB bekennen würde.

Kompetenzen müssen geklärt werden

Der wichtigste Grund, warum Löw beim DFB aufhören könnte, ist wohl seine Sturheit. Die geplatzte Vertragsverlängerung im Frühjahr, vor allem aber die Art und Weise, wie diese in der Öffentlichkeit verkauft wurde, nimmt Löw Zwanziger noch immer übel. Er geht öffentlich keinen Schritt auf den DFB-Obersten zu, der ihn bei jeder Gelegenheit mit Lob überschüttet. "An seinen Qualitäten gibt es gar keine Zweifel. Er leistet tolle Arbeit", sagte Zwanziger unlängst.

Finanzielle Aspekte sind für Löw nicht entscheidend, vielmehr will er sicherstellen, auch in Zukunft so arbeiten zu können, wie er es in der Vergangenheit getan hat. Mit einer außerordentlichen Machtfülle, die ihm der DFB wohl gewähren muss. Vor allem gilt es zu klären, wie die Zuständigkeiten zwischen der Nationalmannschaft und Nachwuchsteams verteilt werden. Zwar hatte Zwanziger im Streit um die Abstellungen von U-21-Spielern im Dezember 2009 deutlich für Löw Partei ergriffen und Sportdirektor Matthias Sammer zurechtgestutzt.

Doch Sammer gibt keine Ruhe. "Es ist für den DFB sehr wichtig, dass er zwischen Aufgaben unterscheidet, die in der Tagesaktualität einer Mannschaft liegen und damit in den Bereich des Trainers fallen und zwischen den Tätigkeiten eines Sportdirektors, der für die sportlich-strategische Ausrichtung im Verband zuständig sein muss", sagte Sammer jüngst der "Welt". Dass es dem Bundestrainer auch um diese Frage geht, bestätigt Sammer: "Löw wird verhandeln, wie er sich in Zukunft aufstellen möchte, und das Präsidium wird dann entscheiden, ob es seinen Weg für richtig hält."

Doch Löw kann momentan aus einer Position der Stärke heraus verhandeln, Zwanziger wird ihm kaum einen Wunsch abschlagen, wenn er seine eigene Zukunft als Präsident nicht aufs Spiel setzen will, denn im Oktober strebt er beim Bundestag in Essen seine Wiederwahl an.

Löw hat einen Prozess in Gang gesetzt

Es geht auch um Löws Personal. Die Trennung von Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff vom DFB ist mittlerweile schwerlich vorstellbar. Zwanziger sieht in ihm wieder "einen engen Vertrauten" und versichert, alle Zwistigkeiten seien ausgeräumt. Auch wenn Löw seine Zukunft zuletzt nicht mehr an einen Verbleib Bierhoffs geknüpft hatte, würde er die Weiterbeschäftigung begrüßen.

Neben seinem Verhältnis zur DFB-Spitze muss Löw vor allem klären, wie er sich seine künftige Tätigkeit vorstellt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte er jüngst: "Es gab schon oft Momente, in denen ich mir gewünscht habe, diese Mannschaft mal länger beisammen zu haben. Als Vereinstrainer kann ich über einen langen Zeitraum mit einer Mannschaft und auch individuell mit jedem einzelnen Spieler arbeiten."

Löw reizt es, sein fußballerisches Konzept in der täglichen Arbeit bei einem Verein umsetzen zu können. Es gibt nur ein Problem - sämtliche Trainerposten bei europäischen Spitzenclubs sind besetzt. Egal ob bei Real Madrid, Bayern München, Inter Mailand oder dem FC Barcelona. Darunter macht es Löw, früher unter anderem bei Fenerbahce Istanbul, dem Karlsruher SC und Austria Wien tätig, nicht mehr.

Löw will sein Projekt zu Ende bringen

Bei seiner Entscheidung wird der ehrgeizige, zielstrebige Löw der aktuellen Mannschaft sicherlich die größte Bedeutung schenken. Seiner Mannschaft. Löw hat einen Prozess in Gang gesetzt, er hat die Spieler vorangebracht und eine Spielidee entwickelt. In Teilen konnte man das Ergebnis bei der WM beobachten. Was noch fehlt, wurde gegen Spanien deutlich.

Löw ist dafür bekannt, konsequent zu handeln. Das hat er in der Vergangenheit im Fall Kevin Kuranyi oder Torsten Frings bewiesen. Und diese Charaktereigenschaft wird auch der entscheidende Faktor für eine Vertragsverlängerung Löws sein.

Er will sein Projekt zu Ende bringen. Den Fußball verwirklichen, den er an den Spaniern so bewundert. Und er hat mit diesem Team die Chance dazu. Die Spieler sind jung, lernwillig und fähig, sich zu entwickeln. Zwei weitere Jahre bis zur EM 2012 können viel bewirken. Diese einmalige Chance wird sich Löw nicht nehmen lassen.

Trotz aller Ruhe, die er gerade braucht.

insgesamt 1748 Beiträge
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Seite 1
donfuan, 08.07.2010
1. ...
Wenn man nicht mit Schiss in der Buchse aufläuft, kann man so ein Spiel auch gewinnen. Riesenchance verpasst - Schade.
BeckerC1972, 08.07.2010
2.
Zitat von sysopNach der Niederlage gegen Spanien herrscht Frust bei der DFB-Elf - doch auch Zuversicht für die kommenden Jahre. Wie sehen Sie die Zukunft des Bundestrainers und des Teams?
Na, ich hoffe mal, dass die gemeinsam weiter machen können. Die Truppe ist ja im Schnitt noch sehr jung, hier und da gibt es noch ein paar kleinere Baustellen (wir schnitzen uns einen linken Verteidiger) aber vom Potential her eine Riesentruppe. Komplett mit Stab und allem drumherum. Weitermachen, System verfeinern, Automatismen einbauen, sich RICHTIG einspielen - dann können die auch in 6 Jahren weiterhin unter den besten 4 aller Mannschaften bei allen Turnieren sein. Glückauf.
Statikus 08.07.2010
3.
Zitat von BeckerC1972Na, ich hoffe mal, dass die gemeinsam weiter machen können. Die Truppe ist ja im Schnitt noch sehr jung, hier und da gibt es noch ein paar kleinere Baustellen (wir schnitzen uns einen linken Verteidiger) aber vom Potential her eine Riesentruppe. Komplett mit Stab und allem drumherum. Weitermachen, System verfeinern, Automatismen einbauen, sich RICHTIG einspielen - dann können die auch in 6 Jahren weiterhin unter den besten 4 aller Mannschaften bei allen Turnieren sein. Glückauf.
Volle Zustimmung, ich blicke auch mit großem Optimismus in die Zukunft, so man sich denn mit Löw einigen kann. Zum Linksverteidiger: Ich würde da gern mal Aogo sehen.
loncaros 08.07.2010
4. Angriff
Wer soll für Deutschland stürmen wenn Klose 36 ist? Wir haben ja nicht mal einen sicher der den einen beim 451 besetzt, was ist erst los wenn plötzlich wieder ein 2 stürmer-system Mode wird?
galaxyaner 08.07.2010
5.
Zitat von BeckerC1972Na, ich hoffe mal, dass die gemeinsam weiter machen können. Die Truppe ist ja im Schnitt noch sehr jung, hier und da gibt es noch ein paar kleinere Baustellen (wir schnitzen uns einen linken Verteidiger) aber vom Potential her eine Riesentruppe. Komplett mit Stab und allem drumherum. Weitermachen, System verfeinern, Automatismen einbauen, sich RICHTIG einspielen - dann können die auch in 6 Jahren weiterhin unter den besten 4 aller Mannschaften bei allen Turnieren sein. Glückauf.
Na, wobei ich doch mal in den Raum stellen möchte: Ist der Trainer weiterhin der richtige? Welche Taktik sollte das gestern gewesen sein, die vorgegeben wurde? Lasst die Spanier sich kaputt laufen und dann schlagt zu? Zwei mal gehen wir, ohne jede Chance, gegen Spanien unter. Hat man aus 2008 nichts gelernt?
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