VfB-Pleite in der Champions League Lehrstunde bei den Barcelona Globetrotters

Chancenlos beim FC Barcelona: Im Achtelfinal-Rückspiel musste Stuttgart mitansehen, wie sich der Titelverteidiger an sich selbst berauschte. Das Künstler-Kollektiv ist auch dieses Jahr Top-Favorit auf den Sieg in der Champions League - und wünscht sich nun die Bayern als Gegner.

Aus Barcelona berichtet


Abfällige Sprüche wird man von Andres Iniesta wohl nie hören. Nicht einmal nach einem solchen Spiel, das reichlich Gelegenheit bot, sich über den Gegner lustig zu machen. In der Nacht, in der der Titelverteidiger zu den euphorischen Gesängen seiner Anhänger im Stadion Camp Nou wie im Triumphmarsch ins Viertelfinale der Champions League spazierte, berauschte sich das Kollektiv Barça an sich selbst, ohne Schadenfreude. Das klang mit den Worten von Iniesta nach einem Spektakel mit vier Toren so großspurig wie der Kassenbericht eines katalanischen Gemüsebauern. "Wir haben wieder ein gutes Gefühl, es läuft wieder rund, das Viertelfinale hilft, dass wir uns mehr zutrauen", sagte der Mittelfeld-Stratege des FC Barcelona.

Kein Wort der Genugtuung kam ihm nach der Demonstration der Stärke über die Lippen. Keine Spur von Häme, etwa in Richtung Real Madrid oder des FC Sevilla, die an Lyon und Moskau gescheitert waren und Spaniens Fußball in eine Identitätskrise gestürzt hatten. Bei Barça sprach man nicht einmal über die elektrisierende Chance, den Titel zu verteidigen und das Endspiel im Stadion des Erzrivalen Real spielen zu können. Dabei schimmerte am Mittwoch etwas vom Glanz jenes Barcelonas durch, das Fußball-Europa vergangenes Jahr mit totaler Spielkontrolle fest im Klammergriff hielt.

Alexander Hleb hätte fast laut gelacht, wenn ihm nicht so elend zu Mute gewesen wäre. Der Weißrusse sah so blass aus wie alle Stuttgarter, die konsterniert aus dem Stadion schlichen. "Die sind hier immer so. Trotzdem, Barça wird es als erste Mannschaft schaffen. Ich glaube an ein Finale Barcelona gegen Arsenal", sagte Hleb, der beide Teams aus eigener Erfahrung bestens kennt. Weil er es in Barcelona aber nicht schaffte, liehen ihn die Spanier für ein Jahr nach Stuttgart aus. Im Sommer soll er nun nach Barcelona zurückkehren. Vielleicht dachte Hleb an diesem Abend daran, dass es auch dann schwer für ihn werden wird, einen aus dieser Mannschaft zu verdrängen, die so perfekt verwirrende Kombinationen auf den Rasen zaubert.

Keine Chance gegen den Außerirdischen

"Messi", sagte er, "der kann noch viel besser spielen". Die Konkurrenz in Europa darf sich also auf etwas gefasst machen. Wie in einem Lehrfilm führten die Stuttgarter vor, wie man gegen Barça nicht spielen darf. "Wir hatten zuviel Angst, das war eine Demontage. Wir sind alle sehr sauer und frustriert", sagte Hleb und klang so, als habe er den Abschied vom VfB gedanklich schon vollzogen: "Stuttgart muss noch viel lernen." Man darf sich allerdings fragen, ob es etwas mehr Mut und Leidenschaft und weniger Ehrfurcht überhaupt geholfen hätten gegen einen, der spielt wie ein Außerirdischer. "Niemand", ahnte Stuttgarts Mittelfeldspieler Zdravko Kuzmanovic, "kann diesen Messi halten."

Die Stuttgarter konnten den Weltfußballer nicht bremsen. Sie versuchten es nicht im Ansatz ernsthaft. Der Argentinier nutzte die Räume, die man ihm ließ. Bald sahen 88.500 Zuschauer eine Zweiklassengesellschaft beim Katz-und-Maus-Spiel zu. Nicht nur die Schlussphase glich einer Demütigung. Im Basketball touren die "Harlem Globetrotters" um die Welt und erfreuen die Menschheit mit ihren Kunststücken. Im Fußball erfüllt Barcelona das. Vor allem Messi.

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Barcelona vs. Stuttgart: Messi zaubert, Barça jubelt
Überall war er. Vorne, hinten, in der Mitte und natürlich vor dem Tor. "Er spielt jetzt mehr zentral, dadurch rückt er näher ans Tor", erklärte Iniesta. Ähnliches hätte man wohl von Jens Lehmann gehört, wenn der Torwart der Schwaben gesprochen hätte. Doch er flüchtete stattdessen nach seinem letzten großen internationalen Auftritt in den Mannschaftsbus, ohne ein Wort zu sagen. Im Sommer wird der 40-Jährige die Stuttgarter verlassen. Dieses letzte internationale Spiel mit dem VfB wird haften bleiben. Lehmann schimpfte, tobte, meckerte, sah gelb und wandelte am Rande eines Platzverweises. "Der", sagte Stuttgarts Vorstand Sport, Horst Heldt, "hat sich wenigstens aufgeregt". Der Rest bestaunte Messi.

Etwa beim 1:0 in der 13. Minute als ihn drei, vier Gegner nicht halten konnten, beim Pass zum 2:0 durch Pedro Rodriguez (22.), bei seinem 3:0 (60.) und dem 4:0 durch Bojan Krkic, an dem er auch beteiligt war. "Ich muss der Mannschaft gratulieren, wir haben viele Dinge richtig gemacht. Messi ist einfach überragend, seine Eltern haben etwas Gutes gemacht", sagte Barcelonas Trainer Josep Guardiola und wünschte sich gleich den nächsten deutschen Gegner: "Ich würde gerne gegen die Bayern und Louis van Gaal spielen, auch wenn sie stärker sind als vergangenes Jahr." Im April 2009 waren die Bayern im Camp Nou 0:4 untergegangen.

Für die Stuttgarter, die nach dem 1:1 im Hinspiel noch an ein Wunder hatten glauben dürfen, wird das kaum ein Trost sein. Sie finden sich mit einem Schlag irgendwo im Niemandsland wieder und müssen sich der lähmend schweren Frage stellen, welche Ziele es fortan noch gibt. In der Bundesliga ist der Abstieg abgewendet, nach oben geht nach der 1:2-Niederlage bei Schalke kaum noch etwas. Was also tun gegen die drohende Sinnkrise? "Wir müssen unbedingt die richtige Reaktion zeigen", sagte Trainer Christian Gross. Am Samstag kommt Hannover 96 nach Stuttgart. Bei denen spielt zum Glück kein Messi.

FC Barcelona - VfB Stuttgart 4:0 (2:0)
1:0 Messi (13.)
2:0 Pedro Rodriguez (22.)
3:0 Messi (60.)
4:0 Krkic (89.)
Barcelona: Victor Valdes - Dani Alves, Pique, Puyol, Maxwell - Busquets (66. Ibrahimovic), Toure, Iniesta (88. Krkic) - Messi, Henry (78. Milito), Pedro Rodriguez
Stuttgart: Lehmann - Celozzi (46. Gebhart), Niedermeyer, Delpierre, Molinaro - Träsch, Kuzmanovic, Khedira, Hleb - Pogrebnjak (70. Marica), Cacau
Schiedsrichter: Alain Hamer (Luxemburg)
Zuschauer: 88.543
Gelbe Karten: Lehmann, Pogrebnjak, Kuzmanovic

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