Abstieg des VfB Stuttgart Aufschlag nach dem freien Fall

39 Jahre war der VfB Stuttgart erstklassig, nun ist der Verein abgestiegen. Gelingt jemals der Ausbruch aus der Abwärtsspirale - oder bleibt der Klub in der zweiten Liga gefangen?

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Aus Wolfsburg berichtet


Den Schlusspfiff brauchte keiner der 4000 mitgereisten Stuttgarter Fans, um zu wissen, was die Stunde geschlagen hatte: 39 Jahre am Stück war der VfB in der Ersten Bundesliga, nun geht es runter in Liga zwei. Die Auswärtsfahrten gehen jetzt nicht zu mehr zu den Münchner Bayern, nicht nach Schalke oder Dortmund - sondern nach Sandhausen, Aue und Fürth.

Schlimm genug für die schwäbische Fanseele, zu präsent sind noch die Erinnerungen an die letzte Deutsche Meisterschaft aus dem Jahr 2007. Doch diesen Abstieg, von dem nicht nur die Stuttgarter Verantwortlichen nach dem Spiel sagten, dass er sich schon "ein paar Wochen vorher" (Sportdirektor Robin Dutt) abgezeichnet habe, fanden offenbar viele Fans nicht so schlimm wie seine Begleiterscheinungen: Auch beim 1:3 in Wolfsburg schien der VfB nicht aufzutreten wie eine Mannschaft, die ihre letzte Chance nutzen will.

"Wir sind Stuttgarter und ihr nicht", hallte es nach dem Schlusspfiff aus der Gästekurve. Und dann wurde es wirklich ehrenrührig: "Ihr macht uns lächerlich." Derweil drehten die siegreichen Wolfsburger eine ausgedehnte Ehrenrunde, und der Stadionsprecher verkündete, dass es Freibier geben werde.

Der VfL, der mit der Saison ebenfalls nicht zufrieden sein kann, hat wenigstens im Endspurt noch die Kurve bekommen. So gelangen immerhin noch zwei Siege aus den letzten beiden Spielen. Die hätten auch den Schwaben den Klassenerhalt beschert, doch bei denen war die Dynamik eine ganz andere.

Fans des VfB Stuttgart
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Fans des VfB Stuttgart

Und so kassierte der VfB die sechste Niederlage in Folge und steigt mit sage und schreibe 75 Gegentreffern ab. Nach dem freien Fall kommt eben irgendwann der Aufschlag. Doch wer diese Mannschaft in Wolfsburg verteidigen sah, kann sich eigentlich nur darüber wundern, dass es nicht noch mehr Gegentreffer geworden sind.

Symptomatisch der erste Wolfsburger Treffer durch Maximilian Arnold: Der hatte zwar den längeren Weg zum Flankenball von Marcel Schäfer - schneller am Ball als Stuttgarts Innenverteidiger Emiliano Insúa war er trotzdem. Und auch beim zweiten Treffer durch André Schürrle brachte der VfB in der Vorwärtsbewegung ein echtes Kunststück zustande. Er ließ sich auskontern, ohne zuvor ernsthaft angegriffen zu haben.

"Fünf Jahre Negativentwicklung"

Und weil so etwas beim VfB öfter vorkommt, steigt er mit dem zweifelhaften Rekord ab, in dieser Saison insgesamt 14 Gegentore nach einem Konter kassiert zu haben. So etwas geht nur, wenn eine Defensive ohne jede Abstimmung und ohne jede Staffelung zu Werke geht. So etwas geht nur, wenn ein Kader so asymmetrisch zusammengestellt ist wie der des VfB, der seit Jahren versucht, eine überdurchschnittlich schwache Defensive mit einer überdurchschnittlich starken Offensivabteilung zu kompensieren.

In dieser Spielzeit gelang das nicht mehr, insofern traf die Analyse von Dutt schon zu: "Wir hatten in den letzten fünf Jahren eine Negativentwicklung, deren Tiefpunkt heute erreicht ist."

Auch die Fans hatten offenbar schon geahnt, wie dieser Tag enden würde. Das Transparent, das sie in der zweiten Halbzeit im Gästeblock aufhängten, war jedenfalls sorgsam formuliert: "Vereinsführung: keine sportliche Kompetenz, keine Perspektive, keine Aufarbeitung, keine Antworten."

Die werden in den kommenden Tagen folgen müssen. Stuttgart dürfte vor einem größeren Stühlerücken stehen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, der VfB Stuttgart habe bis zum Abstieg 41 Jahre am Stück in der 1. Bundesliga gespielt. Tatsächlich stieg der Klub in der Saison 1974/1975 aus der ersten Liga ab und erst 1977 wieder auf. Damit war Stuttgart 39 Jahre in Folge erstklassig. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
mansiehtnurmitdemherzengu 15.05.2016
1. Verdienter Abstieg
Ist ja nicht so, dass der Verein Pech gehabt hätte und unvorhergesehen der Verkettung unglücklicher Umstände zum Opfer gefallen wäre. Der VfB hat die letzten Jahre ja ständig den Tanz unter dem Damoklesschwert gesucht. Aber wen selbst zwei Mal Huub Stevens nicht aufgeweckt haben, der hat sich die 2. Liga wirklich erarbeitet.
deglaboy 15.05.2016
2. Der VfB kommt wieder!
Allein schon wegen dem vielen Geld in der Region und der schwäbischen Gründlichkeit.
widder58 15.05.2016
3. kompletter Sturz
nicht nur das der VfB Stuttgart abgestiegen ist, auch die Stuttgarter Kickers und der VfB II verabschieden sich aus der 3. Liga. Na dann auf ein Neues...
pirx64 15.05.2016
4.
Gefangen in der zweiten Liga? Na hoffentlich nicht, hoffe, wir sehen SCP 2.0 Jahrezehnte der arroganten Überheblichkeit im Ländle durch die schiere Finanzmacht werden jetzt hoffentlich abgestraft.
stozk 15.05.2016
5. Asymmetrischer Kader?
Überdurchschnittlich starke Offensive und schwache Defensive? Eher schwache Offensive und katastrophale Defensive.
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