Chaos beim VfB Stuttgarter Seifenoper

Nach dem Rücktritt von Trainer Jos Luhukay beim VfB Stuttgart ist die Stimmung der Fans auf dem Nullpunkt. Sie glauben, dass die seit Jahren andauernde Krise nicht enden wird, solange Wirtschaftsexperten das Sagen haben.
Jos Luhukay

Jos Luhukay

Foto: Uwe Anspach/ dpa

Der VfB Stuttgart ist eine große Nummer. Mit 46.500 Mitgliedern zählt er zu den zehn größten Sportvereinen der Republik. Zu den ersten beiden Heimspielen gegen St. Pauli und Heidenheim kamen 60.000 und 52.200 Zuschauer, am Samstag werden Tausende ihr Team nach Kaiserslautern begleiten. Der Verein für Bewegungsspiele von 1893 bewegt also nach wie vor die Massen.

Doch die Stimmung bei den Fans und Mitgliedern steht derzeit im absoluten Gegensatz zu diesen Zahlen. Es ist gar nicht mal so sehr die Heimniederlage gegen Heidenheim, den No-Name von der Ostalb, der früher gegen die Zweite Mannschaft spielte, die für Depri-Stimmung sorgt. Auch der Weggang von Coach Jos Luhukay, der überregional für Aufregung gesorgt hat, führt vor Ort eher zu Achselzucken. Trainerwechsel sind hier keine großen Aufreger. Die Schwaben haben elf Trainer in sieben Jahren verschlissen.

Schlimmer scheint für die Stuttgarter Fans der Blick in die Zukunft zu sein. Wer sich durch die Fanforen klickt und bei Fans anruft, stößt auf einen breiten Konsens. Es ist das Gefühl, dass es mit den gegenwärtigen Strukturen und den gegenwärtigen Vereinsbossen nur noch weiter abwärts geht. Oder wie es im Blog "Vertikalpass" satirisch heißt : "Schlechte Zeiten, schlechtere Zeiten", sei eine "vom VfB Stuttgart produzierte Seifenoper, die seit 2007 im deutschen Profifußball aufgeführt wird." Und die so bald nicht abgesetzt wird.

Fotostrecke

Jos Luhukay: Der Aufstiegsexperte steigt aus

Foto: imago

Tatsächlich ist die Krise beim deutschen Meister von 2007 der Normalzustand. So wie eine Bäckereikette neben Vertriebsexperten, Controllern und Budgetspezialisten eben auch gelernte Bäcker braucht, kann ein Fußballverein nur gut geführt werden, wenn sich Menschen mit dem Kerngeschäft, dem Fußball, auskennen.

Beim VfB sind der Trainer und der Sportdirektor allerdings die Einzigen, die etwas von Profifußball verstehen. Doch die Halbwertszeit ihrer Arbeitsverträge ist kurz. Kein Wunder also, dass auch der zurückgetretene Coach Jos Luhukay nur an den kurzfristigen Erfolg dachte. Sowohl Fredi Bobic als auch Robin Dutt, die Vorgänger des neuen Sportvorstands Jan Schindelmeiser, versprachen, den Rat von Ex-Profis einzuholen. Doch diese legten entweder ein Fußballverständnis aus den Achtzigerjahren an den Tag. Oder sie fragten sich binnen kurzer Zeit, was sie in der Geschäftsstelle sollten, wenn dort keiner etwas mit ihnen anzufangen wusste.

Bei der nächsten Mitgliederversammlung am 9. Oktober dürfte es also hoch hergehen, schließlich halten viele Mitglieder vor allem die Strukturen für ein Problem. Einen Präsidenten hat der VfB seit dem Abstieg nicht, in drei Wochen soll ein Nachfolger gewählt werden. Wolfgang Dietrich, ehemaliger Sprecher des umstrittenen Bahnprojekts Stuttgart-21 gilt den Ultras, aber auch vielen Menschen im Rathaus, als wenig integrativ. Doch viel bemerkenswerter scheint, mit welchen Argumenten VfB-Aufsichtsrat und Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth den einzigen Kandidaten lobt. Der sei "ein erfolgreicher Manager mit Ecken und Kanten". Auch die letzten beiden Präsidenten, Bernd Wahler und Gerd Mäuser waren in ihren Brotberufen erfolgreich. Ihre Fußballkompetenz hingegen war überschaubar.

Das wäre auch kein Problem, wenn die auf anderen Ebenen vorhanden wäre. Doch der Vorstand besteht neben Schindelmeiser aus einem Finanz- und einem Marketingfachmann. Faktisch ist beim VfB derzeit also der Aufsichtsrat das Machtzentrum, doch der besteht aus drei Wirtschaftsvertretern, deren Betriebe gleichzeitig als Sponsoren fungieren. "Das sind alles Global Player mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein", sagt ein Vereinsinsider. "Ein Sportdirektor ist für die erst mal jemand, der früher mal einen geraden Pass spielen konnte. Den nehmen die nicht ernst."


Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wurde das Blog "Vertikalpass" fälschlicherweise "Brustring" genannt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten ihn zu entschuldigen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.