Abstieg des VfB Stuttgart Die Geschichte einer Selbstüberschätzung

Vor einem Jahr träumte der VfB Stuttgart noch von Europa, nun ist er zum dritten Mal aus der Bundesliga abgestiegen. Nach dem tiefen Fall folgt der Umbruch - mit weniger Geld, aber etwas Hoffnung.

Andreas Gora / DPA

Aus der Alten Försterei berichtet


Ein Gesicht kann ein ganzes Spiel nacherzählen. Oder eine ganze Saison. Und manchmal ist die Geschichte dann dieselbe.

Thomas Hitzlsperger ist eigentlich in seinen besten Jahren. Aber Montagnacht, als sein VfB Stuttgart mit dem Abstieg aus der Bundesliga einen der dunkelsten Momente erlebte, sah Hitzlsperger aus wie der älteste 37-Jährige der Welt. Tief waren die Augenringe des Stuttgarter Sportvorstands. Leer war sein Blick. Hitzlspergers Gesicht sah aus, als höre es nie wieder auf, schockiert zu sein.

"Ich wusste, dass es passieren kann", sagte Hitzlsperger, "aber nun damit umgehen zu müssen, das ist hart." Neben ihm dröhnte Ballermann-Musik aus der Kabine von Union Berlin, wo gerade der erste Bundesliga-Aufstieg der Klubhistorie gefeiert wurde. Für Hitzlsperger war es der Soundtrack zum eigenen Niedergang. Der VfB Stuttgart ist zum dritten Mal nach 1975 und 2016 abgestiegen. Das 0:0 im Relegationsrückspiel beim Zweitliga-Dritten reichte nach dem 2:2 im Hinspiel in Stuttgart wegen der Auswärtstorregel nicht.

Eine einzige Torchance in der zweiten Hälfte

Das 0:0 vom Montag kann als Parabel auf die gesamte Spielzeit der Schwaben gedeutet werden: Mit viel Zuversicht begann der VfB gegen Union. Jeder im Stadion an der Alten Försterei konnte sehen, dass hier ein Team angereist war, das über Talent und Erfahrung verfügt - die Mischung, aus der eigentlich Erfolg gemacht wird. Am Ende sollte der VfB in fast jeder relevanten Statistik vorn liegen.

Aber als die ersten Rückschläge kamen, als Schiedsrichter Christian Dingert das direkte Freistoßtor von Dennis Aogo nach neun Minuten wegen Abseits zurücknahm und Anastasios Donis drei Minuten später die zweitbeste Chance vergab, da wurde auch immer sichtbarer, woran der VfB schon in der gesamten Saison krankte, die er mit jämmerlichen 28 Punkten abschloss: Er hatte keine Mannschaft beisammen, die auf den Abstiegskampf vorbereitet war.

Seit dem 16. Spieltag stand Stuttgart durchgehend auf Relegationsplatz 16. Und am Montag, als Union den VfB erst einmal hinabgezogen hatte auf das eigene Niveau der spielerischen Beschränktheit und der vielen Zweikämpfe, konnte Stuttgart sich daraus nicht mehr befreien. Nur eine einzige Torchance hatte der VfB in der zweiten Hälfte. "Union Berlin hat schon viel länger so Fußball gespielt und war besser darauf vorbereitet als wir", sagte Hitzlsperger.

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Vorbereitet war Stuttgart eigentlich auf das Ringen um den Europapokal. Vor einem Jahr beendete der VfB unter Trainer Tayfun Korkut die Saison als zweitbeste Rückrundenelf und auf Platz sieben. Für 35 Millionen Euro kaufte Hitzlspergers Vorgänger Michael Reschke ein für das Rennen ums internationale Geschäft. Er verpflichtete erfahrene Bundesligagrößen wie Gonzalo Castro oder Daniel Didavi sowie teure Talente wie Rechtsverteidiger Pablo Maffeo von Manchester City oder den Argentinier Nicólaz González. Gegen Union sollte der 20-Jährige das Führungstor verhindern, weil er bei Aogos Freistoß völlig unnötig ins Abseits lief. 60 Millionen Euro an Gehältern kostete der Kader 2018/2019.

Und so ist der tiefe Fall des VfB Stuttgart vom Europapokalanwärter zum Absteiger innerhalb eines Jahres auch die Geschichte einer Selbstüberschätzung. Auch Hitzlsperger, der erst im Februar vom Nachwuchschef zum Sportvorstand befördert worden war, konnte den Geburtsfehler dieser Saison nicht mehr beheben. Unbeschadet übersteht auch der Meistertorschütze von 2007 diesen Abstieg nicht. Vom erfolglosen Korkut-Nachfolger Markus Weinzierl trennte er sich erst, als ein 0:6 gegen den direkten Konkurrenten Augsburg keinen Ausweg mehr ließ. Interimstrainer Nico Willig verlor nur eines seiner fünf Spiele. Auf den U19-Coach zu setzen, war die richtige Entscheidung. Hitzlsperger aber traf sie zu spät. "Wir haben zu viele Fehler gemacht", sagte er und nahm Willig dabei ausdrücklich aus, "jetzt sind wir in der zweiten Liga."

Dort steht der VfB vor einem Umbruch - mit weniger Geld. Rund 48 Millionen Euro kassiert Stuttgart aktuell aus TV-Erlösen und internationaler Vermarktung durch die DFL. In der zweiten Liga dürfte die Summe um fast die Hälfte reduziert werden. Der Gehaltsetat soll auf 40 Millionen Euro schrumpfen, was aber für die zweite Liga noch viel wäre. Der Kader muss umgebaut werden: Weltmeister Benjamin Pavard geht für 35 Millionen Euro zum FC Bayern. Ozan Kabak, der 19 Jahre junge Innenverteidiger, der im Winter für 11,5 Millionen Euro von Galatasaray kam, besitzt keinen Vertrag für die zweite Liga und soll via Klausel für 15 Millionen Euro gehen können. Die Verträge von Aogo, Kapitän Christian Gentner und Andreas Beck laufen aus.

"Eine Horrorsaison - von Anfang bis Ende"

Aber neben der Pavard-Ablöse gibt es auch Hoffnung für den VfB, denn es sind bereits kluge Personalentscheidungen getroffen worden: Mit dem ehemaligen Dortmund- und Arsenal-Chefscout Sven Mislintat hat Stuttgart einen renommierten Talenterkenner als Sportdirektor verpflichtet, mit Tim Walter von Holstein Kiel einen spannenden Trainer. Dazu soll sich der VfB mit Paderborns Mittelfeldspieler Philipp Klement einig sein, der in der abgelaufenen Saison 16 Treffer erzielt und sechs vorbereitet hat.

Als Stuttgart 2016 abgestiegen war, entstand um den Verein eine Euphorie aus Trotz: Die Mitgliederzahlen wuchsen und Dauerkarten wurden fleißig gekauft. Am Ende stand der Wiederaufstieg. Drei Jahre später ist Stuttgart ein erschöpfter, an sich verzweifelnder Klub. Das Gesicht von Nico Willig verriet das ganz gut am Montagabend: "Es war eine Horrorsaison - von Anfang bis Ende. Das hier ist der Tiefpunkt für den VfB", sagte der scheidende Interimstrainer. Und dann rang er mit den Tränen: "Es tut mir leid für die Fans und die Region. Ich hoffe einfach, dass der VfB wiederkommt."

Union Berlin - VfB Stuttgart 0:0
Union: Gikiewicz - Ryerson, Friedrich, Hübner, Reichel - Abdullahi (82. Gogia), Prömel, Schmiedebach, Zulj (90.+3 Parensen), Hartel (65. Mees), Andersson
VfB: Zieler - Pavard, Kabak, Badstuber, Aogo - Ascacibar - Gentner, Akolo, Zuber (68. Castro) - Donis (60. Didavi), González (46. Gomez)
Schiedsrichter: Dingert
Gelbe Karten: Friedrich, Schmiedebach - Gentner
Zuschauer: 22.012

insgesamt 75 Beiträge
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transsib_reisen 28.05.2019
1. Willkommen Union!
Wunder, dass es solch eine Grottenmannschaft wie Stuttgart überhaupt noch in die Relegation geschafft hat. Ich sehe freien Fall wie bei Kaiserslautern und Karlsruhe voraus. Und das ist gut so, diesen Verein VfB braucht kein Mensch. Willkommen Union!
brandmauerwest77 28.05.2019
2. Hätte
nie gedacht, dass man sich als Stuttgarter mal Gerhardt Mayer-Vorfelder zurückwünscht. Der wird sich dreimal im Grab umdrehen angesichts des Elends, was seine Nachfolger angerichtet haben. Schande über Sie.
appendnix 28.05.2019
3. Wert zweitklassig spielt,
muss sich nicht wundern, wenn er in der zweiten Klasse spielen muss. Was ich da gestern an Spielaufbau und Spielidee gesehen habe reicht höchstens für das Mittelfeld, der 2. Bundesliga. Den Ball einfach nach vorne dreschen und hoffen, dass sich schon irgendwas da vorne ergeben wird, kenn ich eigentlich ausreichend aus der Kreisliga. Gruß aus Stuttgart
golfstrom1 28.05.2019
4. Stuttgart
Wie der Artikel schon gut beschrieben hat, sehe auch ich Stuttgart noch nicht ganz aussichtslos. In den vergangenen 10 Jahren war Stuttgart sicher neben dem HSV der Verein in der ersten Liga mit der geringsten Kontinuität in der sportlichen Führung. Trainer und in den letzten Jahren auch Manager gaben sich die Klinke in die Hand und das Resultat dafür ist die extreme Instabilität in den vergangenen 5 Jahren mit zwei Abstiegen. Aber mit dem Wechsel bei den Verantwortungsträgern kann ich mir gut vorstellen, dass unter Hitzlsberger, der diesen Verein wirklich lebt, bessere Entscheidungen getroffen werden und der VFB in 2-3 Jahren auch wieder im oberen Drittel der Bundesliga zu finden ist. Das Problem dieser Saison waren meiner Meinung nach die Trainer. Mit Korkut und Weinzierl war man auf dieser Position nicht gut besetzt und beide waren nicht in der Lage das gute Potential im Kader wirklich auszuschöpfen. Stuttgart spielte weit unter seinen Möglichkeiten und war erst unter Willig phasenweise in der Lage sich zu stabilisieren. Was spielerisch möglich ist mit dieser Truppe war auch in beide Relegationsspielen zeitweise erkennbar. Es gab in beiden Spielen Phasen in denen Union drückend unterlegen war, aber der VfB konnte diese Phasen nicht effektiv nutzen um sich einen Vorsprung, und damit eine Beruhigung der Nerven, herauszuspielen. Union hat es clever gemacht und ist in diesen Phasen der Unterlegenheit ruhig geblieben und hat den VfB mehr und mehr sein Spiel aufgedrängt und damit aus dem Konzept gebracht. Und je länger Hin- und Rückspiel liefen, desto unsauberer spielte der VfB.
didiastranger 28.05.2019
5. Der VfB wurde
zweimal in Berlin beschissen von den Schiris. Das klare Handspiel des Berliners im Strafraum wie gegen Hertha.Allerdings ist es vielleicht ganz gut für den Club. Aber Schiri Beschiß hat auch schon Dortmund hinnehmen müssen. Die Schiris sind wie eine Mafia. Sie krönen den Meister und die Absteiger. Wie das Land so die Schiri. Beschiß von oben bis unten.
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