Neuer Trainer des VfL Wolfsburg Florian Kohfeldts zweite Chance

Florian Kohfeldt stieg mit Werder ab. Jetzt übernimmt er Champions-League-Teilnehmer Wolfsburg. Seine neue Station wird die Frage beantworten, ob die Vorschusslorbeeren für den Trainer gerechtfertigt waren.
Von Tobias Escher
Neuer Trainer des VfL Wolfsburg: Florian Kohfeldt

Neuer Trainer des VfL Wolfsburg: Florian Kohfeldt

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Hauke-Christian Dittrich / dpa

Der neue Trainer des VfL Wolfsburg heißt Florian Kohfeldt. Daran müssen sich nicht nur Wolfsburger Fans erst einmal gewöhnen, sondern auch die Anhänger des SV Werder Bremen. 20 Jahre lang war Kohfeldt Teil der Werder-Familie, erst als Torhüter der dritten Mannschaft, später als Jugend-, Co- und Cheftrainer. 2019 hat er den Klub fast nach Europa geführt. Zwei Jahre später musste er den zweiten Abstieg der Klubgeschichte verantworten.

Entsprechend kontrovers diskutieren Bremens Fans bis heute über ihren Ex-Trainer. Die einen sehen in ihm den Totengräber des Vereins, die anderen ein Trainertalent, das durch die Vereinsführung ausgebremst worden sei.

In Wolfsburg hat Kohfeldt die Chance, seinen Ruf geradezurücken. Statt um den Klassenerhalt zu kämpfen, darf er nun einen Champions-League-Teilnehmer betreuen. Kohfeldts weitere Karriere wird davon abhängen, ob er in Wolfsburg seinen präferierten Spielstil etablieren kann.

Bei Werder Bremen vom Traum zum Albtraum

Kohfeldts Trainerkarriere begann vielversprechend: Erst rettete er Werder Bremen vor dem Abstieg, dann führte er das Team fast nach Europa. Um Max Kruse herum baute er eine Mannschaft, die sowohl kontern als auch den Gegner dominieren konnte. Kohfeldt avancierte in dieser Zeit zu einem der gefragtesten Trainer Deutschlands.

Das lag nicht in erster Linie an den Ergebnissen, sondern an der Spielweise seiner Mannschaft. Kohfeldt stand für die Generation Laptoptrainer: Obwohl er es nie zum Profi gebracht hatte, erarbeitete er sich als Trainer ein profundes theoretisches und praktisches Wissen. Seine Mannschaft sollte taktisch flexibel agieren, minutiös passte er sein Team an den Gegner an. Gerüchte brachten ihn mit Hoffenheim, Borussia Mönchengladbach und sogar Borussia Dortmund in Verbindung.

Kohfeldt beim Training in Wolfsburg

Kohfeldt beim Training in Wolfsburg

Foto: Martin Rose / Getty Images

Dann ging es bergab. In der Saison 2019/20 konnte Werder nur über die Relegation die Klasse halten. Werder hielt trotzdem an Kohfeldt fest. In der darauffolgenden Saison konnte er den Abstieg nicht mehr abwenden.

Wer sich in Bremen umhört, hört unterschiedliche Versionen der Geschichte. Die einen sprechen Kohfeldt fast schon frei von Schuld: Er habe 2019 Kruse und ein Jahr später Davy Klaassen verloren; beide waren die Schlüsselspieler der Mannschaft. Andere sagen, er habe zunächst zu lange an seinem Spielstil festgehalten und später keine neue Idee entwickelt, die zur tatsächlichen Stärke eines Abstiegskandidaten passte.

Kohfeldt will Wolfsburg weiterentwickeln

Kohfeldt selbst betont, seine letzten beiden Jahre in Bremen hätten nichts mit dem Stil zu tun, den er eigentlich spielen möchte. Er hat sehr detaillierte Vorstellungen, wie seine Mannschaft das Spiel aufzubauen hat; Vorstellungen, die er in Bremen irgendwann nicht mehr umsetzen konnte.

In Wolfsburg trifft er auf Spieler, die ungleich talentierter sind als jene, mit denen er in Bremen zusammengearbeitet hat. Während Kohfeldt vergangene Saison mit Werder abstieg, qualifizierte sich der VfL Wolfsburg für die Champions League. Der VfL Wolfsburg hatte in jener Spielzeit vor allem mit dem Spiel gegen den Ball gepunktet.

Kohfeldts Vorgänger in Wolfsburg: Mark van Bommel

Kohfeldts Vorgänger in Wolfsburg: Mark van Bommel

Foto: Swen Pförtner / dpa

Von Trainer Mark van Bommel hatten sich die Wolfsburger Verantwortlichen eine Weiterentwicklung im Spiel mit dem Ball erhofft. Diese blieb jedoch aus. Wolfsburg hat zwar den dritthöchsten Ballbesitz der Liga, spielte aber viele Quer- und wenig Tiefenpässe. Nach acht Pflichtspielen ohne Sieg musste van Bommel gehen. Dennoch möchte Geschäftsführer Jörg Schmadtke das Projekt Ballbesitzfußball nicht aufgeben. Die Idee finde er »nach wie vor richtig und spannend, aber wir haben in der Umsetzung Probleme gehabt«.

Kohfeldt soll die Idee nun in die Praxis umsetzen. Auf seiner ersten Pressekonferenz sagte er, die Mannschaft habe vergangene Saison im Spiel gegen den Ball »eine unglaubliche Dynamik und Intensität« ausgezeichnet. »Meine Idee ist, auf dieser Basis offensive Lösungen anzubieten.« Kohfeldt will also die Synthese: Er will den Stil von Vor-Vorgänger Oliver Glasner weiterzuentwickeln, ohne den Kern zu verlieren, wie dies zuletzt unter van Bommel geschehen war.

Karriere am Scheideweg

Kohfeldt dürfte helfen, dass der Kader seiner Vorstellung vom dynamischen wie dominanten Fußball entgegenkommt. Wolfsburg verfügt über spielstarke Innenverteidiger, schnelle und dynamische Außenspieler und ballsichere Sechser. Vor allem dürfte sich Kohfeldt auf die Zusammenarbeit mit Wout Weghorst freuen. Schon in Bremen hätte er am liebsten mit einem klassischen Strafraumstürmer agiert. Niclas Füllkrug fiel jedoch zwei Jahre fast durchgehend aus, Ersatzmann Davie Selke enttäuschte.

Gegen Bayer Leverkusen (Samstag, 15.30 Uhr, live im SPIEGEL-Ticker) muss Kohfeldt noch auf Weghorst verzichten, auch Ersatzangreifer Luca Waldschmidt fehlt. Kohfeldt ist trotzdem guter Dinge. Den Gegner habe er bereits analysiert, die richtige Taktik sei zurechtgelegt.

Das ist der Fußball, wie Kohfeldt ihn liebt: Trainings leiten, Matchpläne entwerfen, seinen Spielern Prinzipien an die Hand geben. In seiner Prognose, bei der Mannschaft gehe es nun »viel über das Fachliche«, schwingt auch etwas Freude mit. Beim Traditionsverein Werder ging es immer um mehr als das Fachliche: Gespräche mit Medienvertretern und Sponsoren, Transfers als Politik, interne Debatten zwischen Mitarbeitern.

Kohfeldts Hoffnung dürfte sein, dass er sich im eher öffentlichkeitsfernen Wolfsburg auf Fußball konzentrieren kann. Für Kohfeldt wird der VfL die Antwort liefern, ob er tatsächlich eins der Trainertalente seiner Generation ist – oder nur ein Bremer Urgestein mit einem kurzen Höhenflug.

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