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17. April 2015, 08:51 Uhr

Wolfsburg-Pleite

Neapel sehen und ausscheiden

Von , Wolfsburg

1:4 im eigenen Stadion - dem VfL Wolfsburg wurden im Europa-League-Viertelfinale gegen den SSC Neapel die Grenzen aufgezeigt. Die Partie war ein Vorgeschmack darauf, was das Team in der Champions League erwartet.

Das Debakel stand längst fest, doch die Fans des VfL Wolfsburg sahen keinen Grund, ihrer Mannschaft die Unterstützung zu entziehen. Wie aus Trotz hoben sie noch einmal ihre Schals in die Höhe und stimmten das Lied von ewiger Treue an: "Grün und weiß ein Leben lang", sang das Publikum in der Nordkurve. Kurz danach war das Viertelfinal-Hinspiel der Europa League gegen den SSC Neapel vorbei und der VfL so gut wie ausgeschieden aus dem kleineren der beiden kontinentalen Wettbewerbe.

Nach der 1:4-Niederlage gegen den Tabellenvierten der Serie A haben die Wolfsburger kaum noch Chancen auf den Einzug ins Halbfinale. Sie wissen, dass es "eine Riesensensation" wäre, so sagte es Trainer Dieter Hecking, wenn sie den Drei-Tore-Rückstand im Rückspiel am kommenden Donnerstag (21.05 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch aufholen würden.

Eine Katastrophe ist das drohende Aus nicht unbedingt, dazu läuft die Saison zu gut. In der Liga hat sich der VfL in dieser Spielzeit als Herausforderer des FC Bayern positioniert. Die Qualifikation zur Champions League ist dem Tabellenzweiten aus Niedersachsen kaum mehr zu nehmen. Im Pokal sind die Wolfsburger noch einen Schritt vom Endspiel entfernt, im Halbfinale wartet in zwei Wochen Drittligist Arminia Bielefeld. Deshalb war es verständlich, dass die Fans am Ende des tristen Abends gegen Neapel keinen Aufstand probten.

Hecking gewinnt der Pleite sogar noch Gutes ab

Auch die Protagonisten ordneten die Niederlage angemessen ein. "Wir bleiben auf dem Boden, egal ob wir gewinnen oder verlieren", sagte Abwehrchef Naldo. Mittelfeldspieler Daniel Caligiuri gab sich kämpferisch: "Wir haben eine super Saison gespielt und sind noch nicht ausgeschieden."

Und für Hecking hatte das ungewohnte Misserfolgserlebnis - "gerade in dieser Deutlichkeit" - sogar eine gute Seite, wie er angab: Die Niederlage "schärft die Sinne", erklärte der Wolfsburger Trainer, sie erinnere die Mannschaft daran, dass sie "noch nicht am Ziel" sei trotz des Aufschwungs, den der VfL in dieser Saison hingelegt hat.

Doch ohne Zweifel tat das Spiel weh, es war eine Lehrstunde für die Wolfsburger. Sie mussten erkennen, dass es ein dramatischer Unterschied ist, ob es gegen Stuttgart, den Hamburger SV oder eine Mannschaft auf Champions-League-Niveau geht. Genau das ist nämlich der SSC Neapel, auch wenn sich Maradonas Erben schwer tun in dieser Saison.

Die Wolfsburger bekamen einen Eindruck davon, was sie in der kommenden Spielzeit erwartet, wenn sie selbst in der Königsklasse antreten. Und sie mussten feststellen, dass sie dafür längst noch nicht gerüstet sind. "Das Spiel kann uns in unserer Entwicklung weiterbringen", versuchte sich Trainer Hecking an einer positiven Deutung. Dafür muss die Mannschaft aus den Fehlern lernen, wegen derer das Viertelfinale gegen Neapel schon nach dem Hinspiel so gut wie entschieden ist.

Neapel bedankte sich für die Abwehrfehler

Immer wieder ließen Wolfsburgs Abwehrspieler den gegnerischen Angreifern zu viel Platz. Vor dem 0:1 durch Argentiniens Stürmerstar Gonzalo Higuaín nach einer Viertelstunde war Verteidiger Ricardo Rodriguez mehr damit beschäftigt, Abseits zu reklamieren, als Neapels Stürmer zu bewachen. Weil Higuaín den Ball mit dem Oberarm mitgenommen hatte, hätte das Tor nicht zählen dürfen. Der VfL verzichtete aber darauf, die Fehlentscheidung von Referee Antonio Mateu Lahoz zum Skandal zu erklären: "Wir sind weit davon entfernt, dem Schiedsrichter die Schuld an der Niederlage zu geben. Aber das Tor war irregulär", sagte Hecking.

Auch das 0:2 durch Marek Hamsik fiel nur, weil die Lücken in der Wolfsburger Abwehr so breit waren, dass der Mittellandkanal hätte hindurch fließen können. Naldo und Vieirinha ließen den Torschützen aus den Augen. Das dritte Gegentor entsprang einem Fehlpass von Josuha Guilavogui im Spielaufbau, Hamsik nahm dankend an. Beim vierten Treffer konnte Lorenzo Insigne ungestört auf Manolo Gabbiadini flanken, der wiederum freistehend einköpfte.

Hecking klagte, dass seine Mannschaft naiv gespielt habe nach dem frühen ersten Gegentor. "Wir haben geglaubt, wir könnten das Spiel gleich wieder drehen", sagte der Trainer. Doch weil die Wolfsburger wild nach vorne stürmten, öffneten sich hinten Räume, die wie gemacht sind für Weltklassespieler wie Hamsik und Higuaín.

Der VfL wird das Finale der Europa League am 27. Mai in Warschau wohl vom Fernsehsessel aus beobachten, weil er sich im bisher wichtigsten Spiel der Saison auskontern ließ. Weil er "ins Verderben gelaufen" sei, wie Hecking zugeben musste.

Ein Sieg gegen Schalke 04 am Sonntag (17.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) würde darüber nicht hinweg trösten. Den zweiten Platz in der Liga haben die Wolfsburger ohnehin fast sicher.

Zusammenfassung: Der VfL Wolfsburg hatte in der Europa League gegen den SSC Neapel keine Chance. In Sachen Cleverness muss das Team noch viel lernen - vor allem wenn es in der nächsten Saison in die Champions League geht.

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