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21. Mai 2013, 18:12 Uhr

Regionalliga Nord

Insolvenzen sorgen für Chaos im Abstiegskampf

Von und Dirk Schneider

Während sich Deutschlands Fußball-Elite auf das Champions-League-Finale Bayern gegen Dortmund konzentriert, kämpfen die Teams in den unteren Spielklassen ums Überleben. In der Regionalliga Nord sind gleich zwei Mannschaften insolvent, nun tobt ein skurriler Abstiegskampf.

Hamburg - Finanzielle Schwierigkeiten sind in unteren Ligen nichts Außergewöhnliches: Aachen, Osnabrück, Offenbach - viele Traditionsclubs kämpfen ums Überleben. Doch in der Regionalliga Nord sorgt die Insolvenz zweier Vereine nun für besonders große Aufregung.

Bereits in der Winterpause hatte der VfB Lübeck seine Zahlungsunfähigkeit angemeldet, mittlerweile läuft auch gegen den FC Oberneuland ein Verfahren - und das hat große Auswirkungen auf den Spielbetrieb. Kurz vor Saisonende wurden alle Ergebnisse des Bremer Vorortclubs annulliert.

Das Streichen der Ergebnisse ist besonders für den SV Wilhelmshaven schmerzhaft: Der Club hatte beide Spiele gegen Oberneuland gewonnen, verlor nun sechs Punkte - und damit den Vorteil gegenüber dem Mitkonkurrenten im Abstiegskampf, Victoria Hamburg. Der SVW liegt mit 27 Punkten (-13 Tore) auf dem 16. Tabellenrang und damit in der Abstiegszone. Einen Platz davor: der SC Victoria, aktuell mit 30 Punkten (-33 Tore).

"Wie viele Knüppel noch?"

Der Club aus Hamburg hatte seine Spiele gegen Oberneuland verloren, litt also nicht unter der Annullierung. Besonders unglücklich für Konkurrent Wilhelmshaven: Auch durch die Lübecker Pleite hatte der SVW bereits vier Punkte eingebüßt, Victoria hingegen hatte das Hinspiel verloren, das Rückspiel fand nicht mehr statt.

Beim SVW war die Empörung groß, da dem Club bereits vor Saisonbeginn sechs Punkte wegen Fehlern beim Transfer von Sergio Sagarzazus 2007 abgezogen worden waren. "Wie viele Knüppel will man uns noch zwischen die Beine werfen?", fragte SVW-Trainer Christian Neidhart in der "Wilhelmshavener Zeitung" und hielt "eine Klagewelle gegen den norddeutschen Fußball für unvermeidlich".

Prüfen lässt der Verein laut Pressesprecher Jörg Schwarz vor allem jenen Sechs-Punkte-Abzug der Affäre Sagarzazus, er werde "sich aber auch die Punktverluste bezüglich Oberneuland anschauen." Der von Wilhelmshaven beauftragte Rechtsanwalt Jürgen Scholz sagte: "Das ist insgesamt katastrophal für den deutschen Fußball." Er sieht die Verbände in der Pflicht: "Beim DFB und NFV wird viel bewegt und auch selbst viel verdient. Da kann man erwarten, dass Statuten und Ähnliches ordentlich formuliert werden." Der Zwangsabstieg der insolventen Clubs sei zwar zwingend, das Herausrechnen der Ergebnisse aber nicht.

Auch der Aufstiegskampf war betroffen

Klagen der Wilhelmshavener dürften jedoch den SC Victoria auf den Plan rufen, der vor dem NFV und ordentlichen Gerichten auf die Streichung der Oberneuland-Punkte bestehen dürfte. "Wir wollen nicht klagen", sagt Ronald Lotz. Der SCV-Manager macht aber auch klar, dass die Ergebnisse der Clubs, die ihre finanziellen Vorgaben "in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht umsetzen können", im Falle einer Insolvenz eben herausgerechnet werden müssen.

Auch auf den Aufstiegskampf hätte die Oberneuland-Insolvenz beinahe Auswirkungen gehabt. Tabellenführer Holstein Kiel verlor sechs Punkte aus seinen beiden Siegen gegen Oberneuland. Die Spitzenposition ging dadurch zwischenzeitlich an Verfolger Havelse verloren.

"Wir haben davon größtenteils auch nur aus der Zeitung erfahren. Die Lage im Verein war natürlich angespannt", sagt Kiels Pressesprecher Patrick Nawe. Nur durch einen Sieg im Spitzenspiel konnte sich Kiel vorzeitig die Meisterschaft und dadurch die Teilnahme an der Aufstiegsrunde in die dritte Liga sichern. "Wir haben uns nur auf dieses Ziel konzentriert und waren hochmotiviert", sagt Nawe.

Die Hoffnung für beide Clubs: Holsteins Aufstieg

Für den Verursacher des Abstiegschaos ist die Zukunft indes ungewiss. Oberneuland durfte zwar trotz der Insolvenz das Finale des Bremer Lotto-Pokals spielen, verlor dort jedoch gegen Außenseiter SG Aumund-Vegesack 0:4. Am Dienstag hat der Club den Spielbetrieb mit sofortiger Wirkung eingestellt.

"Sportlicher Erfolg ist zwar wichtig, aber entscheidender sind die wirtschaftlichen Eckdaten, die wir nun überprüfen", sagt Insolvenzverwalter Gerrit Hölzle: "Im Moment sieht es so aus, als ob der Verein ohne Sponsoren nicht weiter existieren kann. Aber wir sind noch in einem frühen Stadium des Verfahrens." Zur Situation in der Regionalliga sagte er: "Der Streit muss zwischen den betroffenen Vereinen und der Liga ausgefochten werden. Damit hat der FC Oberneuland nichts mehr zu tun."

Sowohl Victoria als auch Wilhelmshaven hoffen nun auf eine sportliche Lösung. Die aber wird es nur für einen geben: Holt "Vicky" beim feststehenden Meister Kiel einen Punkt, würde dem SVW nicht einmal ein Sieg gegen Oldenburg zum Klassenerhalt genügen. Eine Rettung für beide Teams gibt es nur, falls Kiel aufsteigt: "Dann wird es nur zwei Absteiger geben", teilte Jürgen Stepani, Spielausschussvorsitzender des Norddeutschen Fußball-Verbands, beiden Vereinen mit.

Eine Unbekannte aber hat auch diese Rechnung: Verpasst der Drittligist VfL Osnabrück den Aufstieg in die zweite Liga und oder erhält keine Lizenz für die neue Saison, wäre der 16. der Regionalliga doch abgestiegen.

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