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Diskussion um Videobeweis "Ihr macht unser Spiel kaputt"

Schwache Kölner haben 0:5 gegen entfesselte Dortmunder verloren. Der BVB führt nun die Tabelle an, der FC stürzt immer tiefer in die Krise. Die größte Aufregung aber gibt es um den Videobeweis. Hat er noch eine Zukunft?

Es waren viele Dinge, die zusammenkamen, als sich die Fans auf der Dortmunder Südtribüne nach einem kurzen Jubel über Pierre-Emerick Aubameyangs Elfmetertor zum zwischenzeitlichen 3:0 einem Zustand des kollektiven Unbehagens hingaben. "Ihr macht unser Spiel kaputt", sang die gelbe Wand, und die Kölner auf der anderen Seite stimmten sofort ein.

Diese Reaktion nur wenige Augenblicke nach dem Moment der Freude war mehr als der Ausdruck der grundsätzlichen Verärgerung vieler Stehplatzbesucher über die Auswüchse des ultrakommerziellen Fußballs. Sie enthielt eine Botschaft, die so noch in keinem Stadion artikuliert wurde: Der Videobeweis gehört jetzt auch zu dem modernen Schnickschnack, der abgelehnt werden muss.

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BVB-Sieg gegen Köln: Dortmund wie im Rausch

Foto: Martin Rose/ Bongarts/Getty Images

Dem Strafstoß war eine korrekte Entscheidung des Videoassistenten vorausgegangen, der BVB erhielt einen Handelfmeter, den die Kollegen auf dem Platz übersehen hatten. Doch offenbar wollten sie den Elfmeter gar nicht mehr haben, an diesem Tag, an dem den Unparteiischen im TV-Studio erstmals seit Beginn des Projektes ein gravierender Fehler passiert war. Sie haben gegen das eigene Regelwerk verstoßen.

"Wir werden Protest gegen die Wertung der Partie einlegen", sagte der Kölner Sportdirektor Jörg Schmadtke, nachdem der Videoassistent kurz vor der Halbzeit den Treffer zum 2:0 für gültig erklärt hatte, der erst gefallen war, nachdem die Partie bereits abgepfiffen war. Die Tatsachenentscheidung - die überdies kein glasklarer Fehler war - hätte bestehen bleiben müssen.

"Die Attitüde des schlechten Verlierers"

Zwar handelt es sich hier um eine technokratische Sichtweise, denn das Ganze geschah innerhalb von Zehntelsekunden, der Ball wäre auch ohne den Pfiff im Tor gelandet. "Kein Mensch hatte irgendeine Chance, an den Ball zu kommen, der Ball war einfach drin", sagte Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Aber wenn es um Regeln geht, helfen solchen Einwürfe nichts. Watzke erhob trotzdem schwere Vorwürfe gegen die Kölner: So ein Protest stelle, "wenn man 0:5 verloren hat, wenn man komplett chancenlos in diesem Spiel gewesen ist, eine Attitüde des schlechten Verlierers" dar.

Wer den FC nicht leiden kann, mag dem zustimmen. Ebenso gut kann man Watzke aber auch die Attitüde des schlechten Gewinners vorwerfen. Denn die Kölner argumentierten bei genauerer Betrachtung schlüssig und glaubwürdig und im Sinne der ganzen Liga. Das ganze Drama ereignete sich in den letzten Sekunden der ersten Hälfte, "wenn wir mit dem 0:1 in die Pause gehen, bleibt die Hoffnung, das Spiel zu kippen", sagte FC-Trainer Peter Stöger.

Sogar sein Dortmunder Kollege Peter Bosz merkte an, dass er "in der ersten Halbzeit nicht zufrieden" gewesen sei, bis zur Fehlentscheidung des Videoassistenten wirkten die Dortmunder verwundbar. Vor allem aber erklärten die Kölner, dass sie mit ihrem Protest dazu beitragen wollen, verlässliche Grundsätze zum Vorgehen der Videoassistenten zu entwickeln.

Die Spiele werden gerechter, es fühlt sich aber nicht so an

Die Offlinetests der Vorsaison hatten zu der Prognose geführt, dass der Videoassistent ungefähr in zwei Situationen pro Spieltag eingreifen würde, eben nur bei ganz klaren Fehlern, die keine Diskussionsspielräume lassen. Nun wird aber ungefähr zweimal pro Spiel eingegriffen, immer wieder auch in den berühmten "Kann-man-muss-man-aber-nicht"-Situationen, die eigentlich von der neuen Technik unberührt bleiben sollten. "Wenn wir anfangen, den Oberschiedsrichter einzuführen, dann wird es schwierig", lautete Schmadtkes Kritik an dieser Praxis.

Das Gefühl, dass hier eine neue Instanz der Willkür herrscht, wird immer dominanter. Am Sonntag begrüßten nicht einmal mehr Fans der begünstigten Mannschaft die Interventionen. Schmadtke und Stöger sind eigentlich große Befürworter der Technik, nun nutzten sie diesen für das Projekt vielleicht düstersten Spieltag seit seiner Einführung, um ihre Schwächen anzuprangern. Schon am Samstag hatten die Assistenten vor den Bildschirmen das grobe Foul des Wolfsburger Torhüters Koen Casteels am Stuttgarter Christian Gentner milder bewertet als viele Beobachter.

Zwar macht der Videobeweis die Spiele in ihrer Gesamtheit gerechter. Das Problem dabei: Es fühlt sich nicht so an. Und das liegt daran, dass die Assistenten einen merkwürdigen Übereifer entwickelt haben. Sie greifen einfach viel zu oft ein. In Momenten ohne echte Eindeutigkeit und nun sogar in einer Situation, als das Spiel gar nicht mehr lief.