Videobeweis-Streit Drama, Schiri, Drama!

Was täten wir nur ohne Schiedsrichter? Sie machen Fußball manchmal so herrlich ungerecht, sie haben uns das Anti-Wembley-Tor und Tévez' Abseitstreffer geschenkt. Findet Jan Reschke - und liegt damit völlig falsch, kontert Peter Ahrens: Es braucht endlich den Videobeweis. Ein Disput.

REUTERS

Pro Videobeweis

Peter Ahrens

Der beste Beweis für die Notwendigkeit des Videobeweises ist ein Video. Wer sich die Szene des Bloemfontein-Tores aus dem Achtelfinale Deutschland gegen England noch einmal anschaut, genüsslich oder nicht, und danach noch gegen die Einführung einer zusätzlichen Kontrollfunktion oberhalb des Schiedsrichters ist - der ist entweder unrettbar national vollschland. Oder er hängt einem nostalgischen Fußballbegriff nach, der in diesem Fall jedoch nur ein hübsch klingender Ausdruck für komplette Heuchelei ist.

Dies ist ein Achtelfinale einer Fußball-Weltmeisterschaft, dies ist nicht FC Alsterbrüder gegen den FC Ottenstein. Hunderte Millionen Menschen schauen zu, die Teams haben sich jahrelang auf diesen Moment vorbereitet - und nur weil ein Mensch nicht das sieht, was alle anderen sehen, ist all die Vorbereitung, die ganze Quälerei für das Ziel Weltmeistertitel vorbei. Wir sind bei einer Veranstaltung, die bis in die Haarspitzen durchkommerzialisiert ist, in der zig Kameras jeden Winkel des Spielfeldes durchleuchten, in dem minutiös festgelegt ist, welcher Sponsor welchen Zentimeter Stadion penetrieren darf.

In einem solchen Umfeld aberwitzige Schiedsrichter-Entscheidungen zuzulassen, nennt man in der Wissenschaft wohl einen Atavismus - einen Entwicklungs-Rückfall. Das ausgerechnet der geschäftstüchtige Fifa-Boss Joseph Blatter, der die Vermarktung der Fußball-Weltmeisterschaften auf die Spitze getrieben hat, sich verweigert, das Management eines Fußballspiels der Moderne anzupassen, ist ein Treppenwitz. Wenn es danach geht, wie die Entscheidungsfindung in einem Spiel organisiert ist, sind wir ungefähr in dem Entwicklungsstadium, als Jungs eine Schweinsblase durch den Straßenlehm kickten.

Die Fifa kassiert Unsummen von den übertragenden Fernsehanstalten. Deren Hilfe bei strittigen Entscheidungen anzunehmen, dazu ist der Weltverband aber nicht in der Lage.

Die Fifa sagt gerne, sie wolle die Schiedsrichter schützen, der Videobeweis nehme ihnen die Hoheit über das Spiel, degradiere sie zu ausführenden Organen, die nur noch auf dem Platz exekutieren, was ihnen das Fernsehbild vorgibt. Unfug. Man frage mal den Unglücks-Referee José Larrionda im Anschluss an seine Entscheidung, was ihm lieber gewesen sei: Vor der ganzen Welt als der größte Schiedsrichter-Depp der Welt dazustehen. Oder nach schneller Rücksprache mit einer Art Oberschiedsrichter eine fatale Entscheidung zu korrigieren. Ohne Gesichtsverlust. Es stünde 2:2 zwischen Deutschland und England. Das Spiel ginge quasi von vorne los, kein deutscher Spieler hätte Anlass zur Beschwerde gehabt, und der Schiedsrichter könnte sich wieder ganz auf seinen Job konzentrieren, anstatt die gesamte zweite Halbzeit nur über seinen folgenschweren Fehler nachzugrübeln.

Es geht hier nicht um eine harmlose Abseitsstellung, es geht hier auch nicht um einen Elfmeterpfiff, bei dem auch vier Zeitlupen nicht eindeutig beweisen können, ob der Spieler tatsächlich im Strafraum gefoult wurde oder nur geschickt abgehoben ist. So etwas mag auch künftig dem Ermessen des Unparteiischen obliegen. Alles unbenommen.

Aber eine solche Fehlentscheidung, wie die am Sonntagnachmittag in Bloemfontein gefallen ist, diffamiert und entwertet die Weltmeisterschaft. Ein Profisport blamiert sich, und alle Welt ist Augenzeuge. Der Treffer von Frank Lampard ist eben kein Wembley-Tor gewesen, über das man sich Jahrzehnte später noch die Köpfe heiß reden kann.

Es ist die übelste Wettbewerbsverzerrung der WM-Geschichte seit dem Hand-Tor von Diego Maradona 1986. Der damalige Gegner hieß übrigens England.

Contra Videobeweis

Jan Reschke

Im Fußball geht es um viel Geld und viel Ehre. Die Forderung nach technischen Hilfsmitteln wie dem Videobeweis durch benachteiligte Teams ist daher nachvollziehbar - aber nicht im Sinne derer, die dem Fußball seine Daseinsberechtigung verschaffen.

Den Fans.

Die wollen Entertainment. Entertainment bedeutet Emotionen. Und die Fans werden durch ein steriles Spiel, nach dem es nichts mehr zu diskutieren gibt, gelangweilt. "Die Hand Gottes" von Argentiniens Diego Maradona bei der WM 1986 - es hätte sie nie gegeben. Das "Wembley-Tor" - nie gefallen.

Denn über was wird nach Spielen geredet? Schlüsselszenen.

Spektakuläre Tore, tolle Einzelaktionen von Spielern, Paraden. Aber auch: Abseitsentscheidungen, Elfmeterpfiffe, nicht gegebene Treffer. Will man darauf verzichten? Ich nicht.

Eines ist sicher. Sollte der Videobeweis im Falle von Torentscheidungen zugelassen werden, ist das nur der Anfang. Als nächstes würde der Videobeweis auf Abseitsentscheidungen ausgeweitet, dann bei strittigen Foulentscheidungen oder Elfmetern hinzugezogen.

Ist ein Fuß in der Tür, geht sie nicht mehr zu - nur weiter auf.

Zudem ginge durch die ständigen Unterbrechungen die Dynamik des Spiels verloren. Und wer dürfte den Videobeweis überhaupt ansetzen? Die beteiligten Mannschaften können es nicht sein, sie würden den Beweis als taktisches Mittel nutzen, um Zeit zu schinden. Es kommt also nur der Schiedsrichter in Frage. Die Diskussionen nach Spielen würden sich dann auf die Frage beschränken: "Hätte der Schiedsrichter in Szene XY auf den Videobeweis zurückgreifen sollen?" Langweilig.

Ich möchte Fußball, der Geschichten schreibt.

Man stelle sich vor: 120 Minuten sind im Finale der WM 2010 zwischen Deutschland und Brasilien gespielt. Elfmeterschießen. Deutschland muss den fünften Elfmeter verwandeln, damit Brasilien nicht gewinnt. Philipp Lahm läuft an, sein Schuss prallt an die Unterlatte, von dort mit vollem Umfang hinter die Linie und wieder aus dem Tor. Der Schiedsrichter gibt den Treffer trotzdem nicht. Brasilien ist Weltmeister. Ungerecht? Natürlich.

Doch diese Geschichte würde in den nächsten 100 Jahren immer wieder im Zusammenhang mit einem Elfmeterschießen bei einer WM erinnert. Keine Frage, ich wäre traurig, sollte Deutschland auf diese Weise den Titel verpassen. Aber der Weltfußball wäre um eine Anekdote reicher.

Die Alternative: Philipp Lahm läuft an, sein Schuss prallt an die Unterlatte, von dort mit vollem Umfang hinter die Linie und wieder aus dem Tor. Der Schiedsrichter bemüht den Videobeweis. Sieht, dass der Ball drin war, das Spiel geht weiter. Brasilien patzt, Deutschland trifft und ist Weltmeister. Ich würde mich freuen, aber der Fußball wäre um eine Anekdote ärmer. Und letztlich lebt der Fußball von diesen Geschichten, sie hauchen dem Sport Leben ein.

insgesamt 819 Beiträge
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Seite 1
ritterchen 28.06.2010
1.
Nein!
Balla8872 28.06.2010
2. Nein
Zitat von sysopBei der WM in Südafrika gab es bislang viele umstrittene Schiedsrichterentscheidungen. Besonders stark diskutiert werden zwei Situationen im Achtelfinale - das nicht gegebene Tor von Englands Frank Lampard gegen Deutschland und das Abseitstor des Argentiniers Carlos Tévez gegen Mexiko. Nun wird von vielen gefordert, den Videobeweis einzuführen. Sind Sie dafür?
Nein, einmal angefangen würde es weiterführen bis der letzte Einwurf überprüft ist.
LariFariMogelzahn 28.06.2010
3.
Ja!
BeckerC1972, 28.06.2010
4.
Nein. Meine Güte, was wäre uns die letzten Jahrzehnte nur ohne das Wembley-Tor entgangen?
Voll Mann, 28.06.2010
5.
Selbst wenn das Video ein Beweis wäre, hätte es beim Fußball nichts verloren. Auf einen Beweis würden 20 nicht eindeutige Wiederholungen kommen. Wie gesagt, Kloses Tor , es war mindestens so wichtig wie das 2:2, hätte man in der Wiederholung anullieren können, dann wieder geben können und Jeder würde Jedem alles unterstellen. So war es eine Fehlentscheidung - Gut für die einen, Schlecht für die Anderen. Das nächste mal gibs Rache!
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