Viertelfinalist Niederlande Fluch des schönen Scheiterns

Schüler gegen Lehrmeister: Der niederländische Trainer Marco van Basten trifft heute im Viertelfinale auf sein Vorbild Guus Hiddink - der die Russen dirigiert. Die größte Angst des Oranje-Teams ist, mal wieder in aller Schönheit zu verlieren.

Aus Basel berichtet


Guus Hiddink hat es mal wieder als Erster gewusst. Als Marco van Basten Mitte der neunziger Jahre seine Karriere als Spieler beenden musste, war der heutige Nationaltrainer Russlands für die niederländische Nationalmannschaft verantwortlich. Der Fortschritt war Hiddink wichtig, er wollte die Gilde der Trainer verjüngen, deshalb hat er bei Leuten wie Frank Rijkaard, Ruud Gullit, Ronald Koeman und auch van Basten nachgefragt, ob sie an einem verkürzten Intensivlehrgang zum Erwerb der Trainerlizenz teilnehmen wollten. Alle sagten zu, nur van Basten nicht.

"Er meinte, er wolle nicht Trainer werden", erzählt Hiddink heute, der damals eigens nach Monaco gereist war, um den verdienten Stürmer mit dem maladen Fußgelenk zu überreden.

Van Basten hat seinen eigenen Kopf. Vielleicht ist er genau deshalb der einzige Niederländer, der den Fluch des ewigen, aber schönen Verlierens durchbrechen kann, den die Oranjes seit Jahrzehnten mit sich herumschleppen.

Nach dem grandiosen 4:1-Sieg gegen Frankreich in der vorigen Woche sind die Niederländer regelrecht besessen von dem Gedanken, van Basten könne zu einer Art Franz Beckenbauer der Niederlande werden. Europameister als Spieler 1988 und als Trainer 2008, das wäre zwar nicht ganz so lichtgestaltartig wie des Kaisers Großtaten, aber für niederländische Dimensionen wäre ein solcher Erfolg gigantisch. Es wäre schließlich erst der zweite Titel für die ans schöne Verlieren gewöhnten Menschen in Oranje.

Die Zeichen stehen jedenfalls gut. Die Mannschaft spielt am Samstag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) im Viertelfinale ausgerechnet gegen die von Hiddink trainierten Russen, 1988 war der Finalgegner die damalige Sowjetunion. In Holland wird das als Omen gewertet. Zumal van Basten damals das wohl berühmteste Tor der EM-Geschichte erzielte. Natürlich wird er dieser Tage ständig auf diesen Treffer angesprochen, und van Basten reagiert dann mit der kühlen Lässigkeit, mit der seine Spieler Frankreich und Italien ausgekontert haben. "Es ist schön, dass ich dieses tolle Tor geschossen habe", sagt er mit sanfter Stimme, dann lächelt er kurz und fügt an: "Aber hier hilft uns das auch nicht weiter."

Der 43-Jährige fokussiert seine Gedanken auf die Gegenwart und das Trainerduell mit seinem Lehrmeister Hiddink. "Er ist einer der Trainer, denen ich folge", sagt van Basten, "ich beobachte ihn sehr genau und habe viel mit ihm gesprochen". Doch auch Hiddink hat nach seiner dramatischen Halbfinalniederlage mit den Niederländern gegen Brasilien bei der WM 1998 einen Platz in der Historie der großen orangenen Tragödien. Gegen ihn zu verlieren, können die Holländer sich nur schwer vorstellen. Am Abend vor dem Spiel hat Hiddink schelmisch erklärt, er wünsche, am Samstag "ein großer Verräter" zu sein.

Er kokettiert mit den niederländischen Ängsten.

Mit all den historischen Niederlagen in den Knochen sind die Holländer nun im Vorfeld des Spiels damit beschäftigt, die Gefahren nicht zu vergessen, die solch eine gute Zeit wie die Wochen von Bern mit sich bringt. "Hier scheidet man nun aufgrund von kleinen Fehlern aus", sagt der erfahrene Torhüter Edwin van der Sar. In seiner langen Ära, die 1995 begann, ist er mal im Elfmeterschießen, mal in hoch dramatischen K.o.-Runden-Spielen aus Turnieren geflogen, ein Finale hat er mit der Elftal noch nie erreicht. "Im nächsten Spiel kann alles aus sein", warnt auch der Hamburger Joris Mathijsen, diesmal wollen sie sich auf keinen Fall den Vorwurf machen lassen, aufgrund von Unkonzentriertheiten oder Überheblichkeit ausgeschieden zu sein.

Die Ära der schönen Niederlage soll endlich beendet werden, und dafür würden sie sogar ihr Primat des attraktiven Fußballs verkaufen. "Schön spielen heißt zu gewinnen", fasst Rafael van der Vaart das neue Credo der Niederländer zusammen.

Gut möglich, dass Johan Cruyff sich entsetzt abwendet, wenn er solche Sätze hört. Der Altmeister hat die defensivere Taktik van Bastens lange kritisiert, denn die Niederlande haben während der EM-Qualifikation weniger Tore erzielt als alle anderen Turnierteilnehmer. Im Schnitt trafen sie nur 1,25 mal pro Partie. Bei der EM stehen nun neun Treffer aus drei Spielen zu Buche.

So richtig erklären kann das niemand, doch vielleicht hängt es mit der besonderen Magie des ehemaligen Torjägers Marco van Basten zusammen.

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