Viertelfinalist Russland Millionenschwerer Geheimfavorit

Viel Geld, viel Potential: Für den russischen Fußball geht es nach oben. Das Team von Trainer Guus Hiddink gilt als EM-Geheimfavorit - in dem die Hoffnungen gegen die Niederlande vor allem auf Stürmer Andrej Arschawin ruhen.

Aus Wien berichtet Ronny Blaschke


Es war das letzte Antäuschungsmanöver des Abends. Andrej Arschawin wurde nach dem 2:0 gegen Schweden als Spieler des Spiels geehrt, er hatte ein Tor geschossen und eine überragende Leistung gezeigt. Hundert Journalisten warteten auf den Kurzvortrag des Stürmers, doch daraus wurde nichts. Er lächelte, die Kameras klickten, dann schnappte er sich seinen Pokal und ging schnellen Schrittes zum Ausgang. Ohne Wort, ohne Gruß. Arschawin gilt als launisch und in der Öffentlichkeit als verschlossen. Und gerade deshalb verkörpert kaum jemand den Aufschwung des russischen Fußballs so wie der Stürmer von Zenit St. Petersburg.

Das russische Team feierte mit dem Einzug ins Viertelfinale den größten Erfolg seit dem Endspiel gegen die Niederlande 1988 (0:2). Am Samstag steigt in Basel (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) die Revanche. Arschawin, der nach einer Roten Karte in der Qualifikation bei den ersten beiden EM-Spielen gesperrt war, ist dabei ein großer Hoffnungsträger. Doch selbst wenn er und seine Teamkollegen ausscheiden sollten, eine Erkenntnis dürfte die EM lange überdauern: Der russische Fußball hat sich eine Zukunft erarbeitet. Oder sollte es heißen: erkauft?

Jahrelang trauerte das Land der Vergangenheit und dem EM-Titel der UdSSR von 1960 (2:1 n.V. gegen Jugoslawien) nach. Das wollte der ehemalige Staatschef Wladimir Putin 2004 nicht mehr ertragen. Er weigerte sich, den Stillstand im Fußballverband weiter zu akzeptieren und wechselte das Präsidium aus. Allmählich wandten sich die konservativen Funktionäre der Moderne zu – und darüber hinaus milliardenschweren Investoren.

Daher basiert die Renaissance des russischen Spiels nicht auf einer gesunden Entwicklung, sondern auf einer wirtschaftlichen Machtprobe, die kein Ende zu nehmen scheint. Das Erdgasunternehmen Gasprom hat Zenit St. Petersburg in kurzer Zeit zum reichsten Club Russlands gemacht. Zenit brach die Dominanz der Moskauer Vereine, wurde Meister und gewann in dieser Saison sogar den Uefa-Pokal - unter anderem nach einem 4:0-Rückspiel-Sieg im Halbfinale gegen Bayern München.

Davon profitiert Arschawin in besonderem Maße - und die russischen Fans diskutieren über große Zahlen: Welche Summe mag er wohl fordern, der schnelle und dribbelstarke Star der Mannschaft? Verraten will Arschawin es nicht. In jedem Fall genießt er eine Sonderrolle. Während seine Kollegen mit dem Team fahren, zieht er eine Limousine vor.

Ähnlich ist die Lage bei ZSKA Moskau, wo sich der Oligarch Roman Abramowitsch besonders großzügig gibt. Nebenbei ist er Eigner des englischen Clubs FC Chelsea, wo auch Michael Ballack unter Vertrag steht.

Von der steigenden Klasse der Clubs profitiert auch die Nationalmannschaft. Fünf Spieler von Zenit stehen im EM-Kader, fünf von ZSKA. Diese Blockbildung erleichtert Trainer Hiddink die Arbeit. Gegen Schweden trat seine Mannschaft im spielerischen Gewand eines europäischen Spitzenclubs auf, eingespielt, selbstbewusst, zielstrebig.

Doch der Aufschwung hat Schattenseiten, fast überall vermisst man Transparenz bei einem Blick auf die Besitzverhältnisse. Staatliche Unternehmen mischen kräftig mit. Wahrscheinlich auch in der Nationalmannschaft. Woher die großzügigen Prämien für den Einzug ins Viertelfinale kommen, weiß jedenfalls niemand so genau, Trainer Hiddink soll eine halbe Million Euro erhalten, seine Spieler ein bisschen weniger.

Aber gerade Hiddink scheint sein Geld wert zu sein. Der Niederländer hat die Mannschaft in eine Art niederländisches Team light verwandelt. Das Mittelfeld soll mit wenigen Pässen schnell durchschritten werden, auch die Außenverteidiger sollen sich in die Offensive einbinden. Zudem hat Hiddink Diven wie Arschawin zumindest auf dem Platz den Egoismus ausgetrieben. "Die Spieler haben sehr viel dazu gelernt", sagt Hiddink. "Darauf sind wir stolz."

Dem 61-Jährigen reicht das allerdings nicht. Er denkt langfristig und hat große Ziele: "Russland kann eine der führenden Fußballnationen werden." Unter Hiddink ist der Altersschnitt in der Nationalelf gesunken, außerdem sollen im ganzen Land Nachwuchszentren entstehen. Und Geld spielt ja bekanntlich keine Rolle. Wer wüsste das besser als Andrej Arschawin. Nur reden will er darüber nicht, zumindest nicht als Spieler des Spiels.



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