Viertelfinalsieg gegen Argentinien Schweinsteigers Gala-Auftritt lässt Deutschland vom Titel träumen

Er war Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person: Bastian Schweinsteiger avancierte zum überragenden Mann beim Viertelfinalsieg über Argentinien. Seinen Ansporn nahm er einmal mehr aus den Provokationen des Gegners. Ist er der bessere Ballack?

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Bastian Schweinsteiger hob den Kopf und guckte in den Strafraum. Ein kurzer Anlauf, zack, schon war der Ball in der Luft. Schweinsteiger streichelte das Spielgerät mit dem rechten Fußgelenk auf den Mittelscheitel von Thomas Müller, der seine Freiheit im Strafraum kaum fassen konnte. Der Rechtsaußen gab diesem wunderschönen Freistoß den Rest, den dieser brauchte, um zum 1:0 an Torwart Sergio Romero vorbei ins Tor zu hoppeln.

Müller wusste, bei wem er sich in der dritten Minute des Viertelfinales zwischen Deutschland und Argentinien bedanken konnte. Sein Treffer erinnerte ein wenig an das Freistoßtor der Niederländer gegen Brasilien, das erst nach langem Hin und Her Wesley Sneijder zugesprochen wurde. Im Gegensatz dazu wurde dieser Treffer sofort Müllers Torkonto gutgeschrieben - obwohl er eigentlich zu mehr als 50 Prozent seinem Bayern-Kollegen gehörte. Es war bereits der vierte Treffer von WM-Debütant Müller, der aufgrund seiner zweiten Gelben Karte für das Halbfinale am Mittwoch gegen Spanien (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gesperrt ist.

Schweinsteigers Freistoß war der Anfang vom Ende für die Südamerikaner. Diese waren kaum auf dem Platz, da lagen sie schon zurück. Und den frühen Treffer hatte ausgerechnet der Mann so grandios vorbereitet, der in den Tagen vor dem Duell gegen den Viertelfinal-Verlierer der WM 2006 den Psychokrieg eröffnet hatte. Dass er den Freistoß so entschlossen trat, war kein Zufall, wie der Münchner anschließend verriet.

"Die wollten, dass ich Gelb bekomme"

Der 25-Jährige war sauer, weil die Argentinier bereits kurz nach dem Anpfiff damit anfingen, seine bösen Vorahnungen wahr zu machen: Sie provozierten und reklamierten. "Die wollten von der ersten Minute an, dass ich eine Gelbe Karte bekomme, damit ich im nächsten Spiel gesperrt bin", polterte Schweinsteiger nach der Partie, die zu einer Party wurde.

Eigentlich hatte er sich gerade noch vor der Kamera über den sensationell souveränen Sieg seiner Mannschaft gefreut, doch plötzlich verfinsterte sich seine Miene und auch seine tiefer werdende Stimme kündigte an: Leute, jetzt muss ich hier noch was klarstellen. "Was ich gesagt habe, entspricht nicht der Unwahrheit", fauchte Schweinsteiger, ehe er mit überschlagender Stimme die Reklamationen der Argentinier beschrieb. Dann wurde er wieder etwas milder: "Ich habe gar nichts gegen das Land, im Gegenteil, ich finde es sehr schön", sagte er abschließend mit genau der richtigen Portion Diplomatie.

Schweinsteiger war aufgrund seiner etwas zu pauschalen Aussagen über die Mentalität der Argentinier vor dem Viertelfinale in die Kritik geraten. Auch Argentiniens Trainer Diego Maradona hatte sich zu Wort gemeldet. Am Samstag gab er eine eindrucksvolle Antwort auf dem Platz. Er ließ sich zu keinem Zeitpunkt provozieren, obwohl er die eine oder andere harte Grätsche hinnehmen musste. So wie in der 51. Minute, als Javier Mascherano rustikal in seine Beine rutschte. Schweinsteiger verzog kurz vor Schmerzen das Gesicht, biss sich auf die Zunge und besann sich auf seine Stärke: das Fußballspielen.

Bundestrainer lobt Schweinsteigers "grandioses Länderspiel"

Das war neben seinem Freistoß der zweite, entscheidende Zeitpunkt im Spiel. Denn die Argentinier hatten Ende der ersten Hälfte etwas mehr Fahrt aufgenommen und waren in der ersten Viertelstunde des zweiten Durchgangs kurz davor, den Ausgleich zu erzielen. Doch wieder war auf Schweinsteiger Verlass. Der Mann vom FC Bayern München war einfach überall, hielt die Defensive zusammen, meldete Superstar Lionel Messi komplett ab und sorgte mit seinen schnellen Vorstößen immer wieder für die in dieser kritischen Phase dringend benötigte Entlastung.

Eigentlich hält Joachim Löw sich mit Einzelkritik - auch wenn sie positiver Natur ist - meist zurück, doch nach dieser Gala-Vorstellung fand auch der Bundestrainer offene Worte: "Es war ein grandioses Länderspiel von ihm. Basti hat die Mannschaft geführt und sie organisiert. Bei fast jedem Angriff war er in der Offensive", sagte Löw und ergänzte: "Wie er das Tor von Arne Friedrich vorbereitet hat, das kann man nicht besser machen."

Das Tor war gleichzeitig die Entscheidung. Deutschland hatte Argentiniens kurze aber dafür umso stürmischere Drangphase auch dank Schweinsteigers großem Einsatz überstanden, als Miroslav Klose in der 68. Minute zum 2:0 traf. Wütendes Anrennen der Argentinier war die sofortige Antwort auf den zweiten Gegentreffer, für fünf Minuten schien es noch mal so, als könnte der angeschlagene Boxer zurückkeilen.

Ein Solo für die Ewigkeit

Doch dann hatte Schweinsteiger seinen größten Auftritt bei der WM, vielleicht war es sogar der größte Auftritt seiner Karriere. Ein bisschen erinnerte die folgende Szene an Maradonas Sololauf 1986 beim 2:0 gegen England, nur, dass Schweinsteiger nicht in der eigenen Hälfte, sondern am gegnerischen Strafraum startete. Von der linken Seite zog er energisch nach innen, ließ dabei leichtfüßig erst Reals 25-Millionen-Euro-Einkauf Angel di Maria und anschließend Javier Pastore stehen.

Die dritte Slalom-Stange auf dem Weg zum 3:0 war Gonzalo Higuaín, der Schweinsteigers Solo in der 73. Minute ehrfürchtig verfolgte und sich kaum noch große Mühe gab, dessen finalen Querpass in die Mitte zu verhindern. Dass ausgerechnet Arne Friedrich in dieser Situation sein erste Länderspieltor erzielte, passte ins Bild: Egal, was Schweinsteiger an diesem historischen Fußballabend anpackte - es gelang.

"Ich kann nur so gut sein wie die Mannschaft", sagte Schweinsteiger nach dem Spiel. Doch die Bescheidenheit hielt nicht lange: "Wenn ich sagen würde, dass ich nicht ins Finale will, dann würde ja etwas nicht mit mir stimmen." Sollte Schweinsteiger im Halbfinale wieder so auftrumpfen, ist dieser Finaleinzug durchaus realistisch, auch wenn ihn viele vor dem Turnier nicht für möglich gehalten hätten.

Nicht wenige Fußball-Kenner hatten dem Münchner allerdings schon vor der WM ein glänzendes Turnier prophezeit. Obwohl oder vielleicht gerade weil Platzhirsch Michael Ballack aufgrund seiner Knöchelverletzung weder das Mittelfeld noch den Mittelpunkt des Teams für sich reklamieren konnte. "Das war schon unheimlich", sagte Ballack nach dem Spiel und es war nicht ganz klar, was er meinte: Die deutsche Dominanz oder den sensationellen Auftritt seines Nachfolgers.

Argentinien - Deutschland 0:4 (0:1)
0:1 Müller (3.)
0:2 Klose (68.)
0:3 Friedrich (74.)
0:4 Klose (89.)
Argentinien: Romero - Otamendi (70. Pastore), Demichelis, Burdisso, Heinze - Maxi Rodriguez, Mascherano, Di Maria (75. Agüero) - Messi, Tévez, Higuaín Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Friedrich, Boateng (72. Jansen) - Khedira (77. Kroos), Schweinsteiger - Müller (84. Trochowski), Özil, Podolski - Klose
Schiedsrichter:
Irmatow (Usbekistan)
Zuschauer: 64.100 (in Kapstadt)
Gelbe Karten: Otamendi, Mascherano - Müller

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Seite 1
JustinSullivan 02.06.2010
1. ich tippe auf...
Gruppensieg in der Vorrunde, Sieg gegen die USA im Achtelfinale, dann im Viertelfinale raus gegen Argentinien. Ich schätze Deutschland stärker als England ein, aber schwächer als Argentinien. Witzig wäre also, wenn Deutschland den Argentiniern ausweichen würde, indem sie Gruppenzweiter würden, dann im Achtelfinale die Engländer raushauen und im Viertelfinale auf nen schwaches Frankreich treffen würden. Hätte, wenn und aber... Hauptsache, es wird ein tolles Turnier.
Kourosh 02.06.2010
2.
Ich halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
deepocean 02.06.2010
3.
Zitat von sysopDer WM-Kader von Bundestrainer Jogi Löw ist komplett. Welche Chancen hat die Mannschaft bei der WM?
einfache frage einfache antwort: Gruppensieg AF: USA VF: Argentinien (und dann wird es wirklich ernst) HF: Spanien (jetzt wird es noch ernster) und es darf gehofft werden;-) etwas weniger einfache antwort, solche fragen machen aus meiner sicht erst sinn nach dem ersten oder zweiten spieltag in der gruppe... jetzt ist es wirklich nur kaffeesatzleserei.... egal was geschieht... DAUMEN DRÜCKEN ist angesagt :-)
pablo morales 02.06.2010
4. Wm
Zitat von KouroshIch halte recht viel von dieser jungen Truppe vor allem auf das Mittelfeld bin ich sehr gespannt. Am Ende werden sie wohl gegen die erste abgezockte Truppe rausfliegen auf die sie treffen. Vorraussichtlich wohl so Viertelfinale. Ist aber egal denn das könnte ne echte Gewinnertruppe in 2, 4 und 6 Jahren werden. Freue mich auf feinen Fussball!
^ Das hat man vor vier Jahren nach der WM 2006 auch schon gesagt, und heute sind sie um einiges schlechter als 2006.
JustinSullivan 02.06.2010
5.
" 'Uns ist die Entscheidung nicht leicht gefallen. Andreas hat in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. Er hat aber eine durchwachsene Saison gespielt und war einige Male verletzt.' Dann frag ich mich jetzt aufrichtig, aus welchem Grund Klose, Podolski und Gomez mit dabei sind..." Ganz klar deswegen: Klose, Podolski und Gomez haben eine durchwachsene Saison gespielt und waren einige Male verletzt. Aber sie haben in den drei Wochen sehr engagiert gearbeitet und gut trainiert. ;)
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