Vize-Herbstmeister Werder Angriff auf die Bayern

Frohe Weihnachten, Werder: Das 5:2 gegen Leverkusen war der gelungene Abschluss einer turbulenten Hinspiel-Serie. 2008 wollen die Bremer zur Jagd auf Bayern blasen. Eine große Hilfe wird dabei Ivan Klasnic sein - der Stürmer ist endgültig zurück in der Bundesliga.

Von , Bremen


Es ist nicht so, dass Werder Bremen allzu viele Lautsprecher in seinen Reihen hat. Diego, der Genius, ist der Prototyp des stillen Stars. Auch die Verteidiger Naldo und Per Mertesacker sind im Grunde eher Leisetreter. Und Protagonisten wie Frank Baumann oder Daniel Jensen taugen ohnehin wenig zur Selbstdarstellung. Insofern war es nur logisch, dass es nach dem spektakulären 5:2 (1:1) gegen Bayer Leverkusen ein wenig gedauert hat, bis sich die Kicker einig waren, wer denn nun wo an der grünen Banderole anfasst, auf der in weißen Buchstaben "Frohe Weihnachten" geschrieben stand.

Irgendwann hatten die Spieler dann endlich Hand angelegt und bedankten sich mit diesem Spruchband artig beim Publikum. Die Fans gaben den Dank zurück und stimmten inbrünstig ein paar Meisterlieder an. Denn einen besseren Jahresausklang als dieses Schützenfest hätte es aus Sicht der Anhänger kaum geben können.

Und einen hatten an diesem Tag alle ganz besonders lieb: Ivan Klasnic. Auch der Stürmer, der mit zwei Toren und einer Vorlage zum Matchwinner avancierte, war glücklich: "Wir sind jetzt Vize-Herbstmeister", sagte Klasnic, "aber am Ende wollen wir Meister sein." Das würden die Bayern im neuen Jahr dann schon noch merken. So kennt man Klasnic aus der Zeit vor seiner schweren Nierenerkrankung: frech und forsch auf dem Platz, keck und kühn außerhalb.

"Darauf habe ich lange gewartet. Ich kann meine Freude gar nicht beschreiben", sagte der Kroate, der am 24. November in Cottbus (2:0) sein Bundesliga-Comeback gegeben hatte und nun seine zweite Partie von Beginn an bestritt.

Und was für eine: Stets anspielbar, immer präsent, besonders torgefährlich agierte Klasnic, der zum 1:1 abstaubte (30.), zum 4:1 vollstreckte (63.) und für Sturmpartner Rosenberg das 5:1 auflegte (69.). Nur beim 2:1 von Diego (50.) und dem 3:1 von Clemens Fritz (57.) hatte Klasnic nicht seine Füße im Spiel. "Er hat sich selbst das schönste Weihnachtsgeschenk gemacht", lobte Trainer Thomas Schaaf.

Klasnic war die Bedeutung seines ersten Treffers deutlich anzusehen: Nach dem Tor ging er in die Knie, faltete die Hände und senkte den Kopf. "Ich habe fünf Sekunden gebraucht, um das zu fassen", sagte er später. Ein jeder der knapp 40.000 Zuschauer im Weserstadion gönnte ihm dieses Erfolgserlebnis.

Der Stürmer berichtete dann auch in fast demütigem Tonfall wie froh er sei, wieder das tun zu können, "was mir am besten gefällt". Von der Rückkehr des Publikumslieblings profitiert daher das ganze Team. "Er tut unserer Mannschaft in jeder Hinsicht gut. Wenn man derzeit in die Kabine kommt, dann redet immer nur einer: Ivan", sagte Allofs.

Zudem stehen Wille und Entschlossenheit, die Klasnic bei seinem wundersamen Comeback bewies, symbolhaft für die Nehmerqualitäten an der Weser. Denn Werder hat eine der turbulentesten Hinrunden der Vereinsgeschichte hinter sich: geprägt von einer unendlichen Ausfallserie, einer Posse um den Millioneneinkauf Carlos Alberto und einem kläglichen Ausscheiden aus der Champions League. "Dieses Halbjahr war schon ein Highlight, was das angeht", sagte Schaaf sarkastisch.

"Dieser Kader gibt vieles her"

Und wie zum Beweis diente das letzte Spiel des Jahres als Abziehbild der wechselnden Gefühle, die Werder von Juli bis Dezember durchleiden musste. Mit Klasnic als strahlendem Helden, der völlig zu Recht zum "Man oft the Match" gekürt wurde. Gegen Leverkusen wirbelte der 27-Jährige wie zu seinen besten Zeiten - so als hätte es die erst im zweiten Anlauf geglückte Nierentransplantation und die monatelange Leidenszeit nie gegeben.

Dabei half eine Maßnahme seines Trainer entscheidend mit: Unmittelbar nach dem 1:1 holte Schaaf seine Mittelfeldkräfte Jurica Vranjes und Tim Borowski vom Feld. Beide waren nur als lethargische Fehlpassproduzenten in Erscheinung getreten. Vor allem bei Nationalspieler Borowski löste die Maßnahme völliges Unverständnis aus. Der beleidigte Blondschopf stapfte nach seiner Auswechslung demonstrativ in die Kabine. "Ich hoffe, dass Tim die Maßnahme richtig bewertet", sagte Allofs, "aber manchmal muss man außergewöhnliche Dinge machen."

Werder wäre aber nicht der Club, der er ist, wenn die Personal-Probleme nicht Bremen-typisch in aller Stille gelöst würden. Allofs sprach sofort mit dem Vergrätzten, und auch Schaaf will noch ein klärendes Gespräch mit Borowski suchen. "An seiner Wertschätzung als Spieler ändert das nichts. Ich sehe ihn nicht so kritisch", so der Trainer.

Schaaf hat das aber auch gesagt, weil Borowskis Vertrag genau wie der von Petri Pasanen, Daniel Jensen und Klasnic ausläuft. Mit allen werde Werder im Januar sprechen, kündigte Allofs an: "Wir möchten diese Spieler halten." Erst einmal aber wird auch bei Werder Bremen Urlaub gemacht: Bis zum 3. Januar ist frei.

Anschließend bereitet sich der Tabellenzweite wie gewohnt im türkischen Belek auf die Rückrunde vor, in der Schaaf einiges vorhat. "Wir haben unsere Ziele ja die ganze Zeit nicht verändert. Dieser Kader gibt vieles her", so der Trainer. Man darf diese Aussage durchaus als Warnung an den FC Bayern interpretieren.

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.