Vizeweltmeister Frankreich vor dem Aus "Waterloo am Limpopo"

Frankreich kann nach der Niederlage gegen Mexiko nur noch ein Wunder retten. Das Selbstwertgefühl der Grande Nation ist angeknackst. Die Mannschaft wird von den Medien heftig kritisiert, die Schuld an dem Desaster wird vor allem Trainer Raymond Domenech zugeschrieben.

REUTERS

Von Jan Reschke


William Gallas: Vizeweltmeister, zweimaliger Premier-League-Gewinner.
Patrice Evra: Champions-League-Sieger.
Eric Abidal: Champions-League-Sieger, Vizeweltmeister.
Franck Ribéry: Champions-League-Finalist, zweimaliger Deutscher Meister, Fußballer des Jahres.

Sie alle brauchen Hilfe. Frankreichs Nationaltrainer Raymond Domenech spricht sogar davon, dass jetzt ein Wunder her muss. Das Wunder wäre ein Sieg gegen Südafrika bei einem hohen Sieg in der Partie zwischen Uruguay und Mexiko, um der drohenden Blamage des Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft in Südafrika zu entgehen.

Wenn die "Grande Nation" Frankreich auf Hilfe angewiesen ist, kratzt das am Selbstwertgefühl. Verteidiger Patrice Evra sagte nach der enttäuschenden 0:2-Pleite gegen Mexiko, er fühle sich, als wäre Frankreich heute Abend zu "einer kleinen Fußballnation geworden, und das tut weh". Entsprechend appellierte Domenech auch an die Nationalgefühle in seinem Team. "Wir müssen nun stark sein, um unsere Ehre spielen und im letzten Spiel etwas zeigen."

Bislang hat der Vizeweltmeister noch nicht viel gezeigt bei diesem Turnier. Entsprechend groß ist die öffentliche Kritik: "Ich bin enttäuscht, denn Frankreich hatte nicht einen einzigen Schuss auf das gegnerische Tor. Das ist das Mindeste, was man erwarten kann", so Frankreichs Fußballikone Zinédine Zidane. Klaus Allofs, Manager von Werder Bremen und selbst in Frankreich als Spieler aktiv gewesen, analysierte das Spiel in der Halbzeit im ZDF: "Es war keine Begeisterung im Spiel. Die Innenverteidigung stand schlecht. Es schien auch keiner das nötige Selbstvertrauen mitzubringen. Was die Franzosen geboten haben, war kein Auftritt für eine WM."

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Frankreich vs. Mexiko: Blanco nervenstark, Ribéry enttäuschend
Noch heftiger fiel die Kritik von Seiten der Medien aus. "Hochstapler" titelte "L'Équipe". "Das nullenhafte Auftreten" der Mannschaft "widerlegt alle Reden von Raymond Domenech und seinen Spielern über ihre Charakterstärke und ihre Fähigkeit zur Reaktion". "Diese Blauen haben in Südafrika nicht mehr viel zu suchen", erklärt "Le Parisien".

Bayern-Star Franck Ribéry sei "alles, nur kein Chef". "Er ist ein Kreisel: Er dreht sich um sich selbst, macht ein Loch in den Rasen und fällt am Ende um. Kaputt", so "Libération". Zur Beschreibung der Leistung von Nicolas Anelka, der von Domenech trotz seiner schwachen Leistung beim 0:0 im Auftaktspiel gegen Uruguay aufgestellt wurde, suchte das Blatt öffentlich nach dem passenden Begriff: "Lächerlich? Schwach? Bedauernswert?"

"Wenn wir nicht gewinnen, bedeutet es, dass wir kein gutes Team sind"

Besonders im Visier der Kritik ist wie seit Jahren Trainer Domenech. Von Zidane wurde er schon vor der Partie als "Spieler-Aufsteller" verspottet. Der "Figaro" kündigte an: "Bald schlägt die Stunde der Abrechnung." Frankreich sei nach dem "Waterloo am Limpopo" jetzt "tief im Abgrund" angelangt. "Zwischen Arroganz, Leugnung der offensichtlichsten Realität und Missverständnissen graben die Tricolores seit zwei Jahren systematisch ihr Grab."

Domenech hat durch eigenwillige Maßnahmen selbst dazu beigetragen, dass er wieder einmal als der Schuldige ausgemacht wird. Anelkas Stammplatzgarantie geriet da fast zur Nebensache. Viel mehr wurde seine Entscheidung diskutiert, Top-Torjäger Thierry Henry trotz des Rückstandes 90 Minuten auf der Bank zu belassen. Statt Henry wurde Mathieu Valbuena in der 69. Minute eingewechselt. Ein Stürmer mit der Erfahrung von bislang drei Länderspielen. Henry hat in bislang 121 Einsätzen für die Nationalelf 51-mal getroffen.

Das Team befindet sich in einer schwierigen Konstellation. Domenech wird nach der WM durch Laurent Blanc abgelöst, sein Verhältnis zu den Spielern - so es denn überhaupt eines gibt - gilt als äußert gespannt. Auch die Mannschaft ist zerstritten. "Wir sind kein gutes Team. Wenn wir nicht gewinnen, bedeutet es, dass wir kein gutes Team sind", formulierte es Evra nach dem Spiel vorsichtig. "Wir werden in der kommenden Woche miteinander reden."

Doch auch wenn sich etwas ändern sollte, oder gar das Wunder eintreten sollte, ist der französische Stolz zu tief verletzt, als das sich die Fans für diese Mannschaft erwärmen könnten. "Die Blauen verdienen es nicht", schrieb die "L'Équipe". Auch wenn ein Weiterkommen und sogar der WM-Titel rechnerisch noch möglich seien: "Wir pfeifen drauf. Keine Trauer, keine Enttäuschung, vor allem keine Wut. Das würde diesen Männern zu viel geben, die nichts anzubieten haben."

Mit Material von sid, dpa und AP



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Seite 1
CaptainSubtext 01.06.2010
1. Südafrika Außenseiter Uruguay, Mexiko oder Frankreich!
Zitat von sysopGastgeber Südafrika Außenseiter Uruguay, Mexiko oder Frankreich - welche Mannschaften machen in Gruppe A das Rennen?
Südafrika Außenseiter Uruguay, Mexiko oder Frankreich!
Brieli 01.06.2010
2.
Zitat von sysopGastgeber Südafrika Außenseiter Uruguay, Mexiko oder Frankreich - welche Mannschaften machen in Gruppe A das Rennen?
Uruguay und Mexiko. Oder doch Frankreich und SA? Ich finde, dass diese Gruppe extrem unberechenbar ist.
Umberto, 01.06.2010
3.
Zitat von sysopGastgeber Südafrika Außenseiter Uruguay, Mexiko oder Frankreich - welche Mannschaften machen in Gruppe A das Rennen?
Ich hoffe darauf, dass die Franzosen es nicht schaffen weiter zu kommen. Mexiko (1), Südafrika (2), Uruguay (3), Frankreich (4), wäre nicht schlecht.
klumpenhund 01.06.2010
4.
Zitat von sysopGastgeber Südafrika Außenseiter Uruguay, Mexiko oder Frankreich - welche Mannschaften machen in Gruppe A das Rennen?
1.) Frankreich, mit solchen Einzelspielern gewinnt man so eine Gruppe, egal wer an der Linie steht. 2.) Uruguay, denn die meisten Spieler kicken in Europa 3.) Mexiko schätze ein klein wenig schwächer ein als Uruguay 4.) Südafrika, das wird leider nichts. Das Team ist einfach nicht konkurrenzfähig und vom Heimvorteil alleine kann man nicht zehren
Umberto, 01.06.2010
5.
Zitat von klumpenhund1.) Frankreich, mit solchen Einzelspielern gewinnt man so eine Gruppe, egal wer an der Linie steht. 2.) Uruguay, denn die meisten Spieler kicken in Europa 3.) Mexiko schätze ein klein wenig schwächer ein als Uruguay 4.) Südafrika, das wird leider nichts. Das Team ist einfach nicht konkurrenzfähig und vom Heimvorteil alleine kann man nicht zehren
Mit solchen Einzelspielern qualifiziert man sich noch nicht einmal ohne Handspiel und blinden Schiedsrichter für die Weltmeisterschaft.
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