Völler-Interview "Die Hauptschuld am Debakel trage ich"

Selten hat man einen derart desolaten Auftritt der deutschen Nationalmannschaft gesehen, wie den der Völler-Truppe beim 1:5 in Rumänien. Auch der DFB-Teamchef wollte anschließend nicht nach Entschuldigungen suchen, sondern übte harsche Selbstkritik. Er und das DFB-Umfeld haben den Ernst der Lage offenbar völlig unterschätzt.


DFB-Teamchef Rudi Völler in Bukarest: "Vielleicht ging es uns zu gut"
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DFB-Teamchef Rudi Völler in Bukarest: "Vielleicht ging es uns zu gut"

Herr Völler, 1:5 in Rumänien - wie konnte das passieren?

Rudi Völler:

Wir haben eine Katastrophen-Leistung geboten, vor allem in der ersten Halbzeit. Dafür gibt es keine Entschuldigung, auch die kurzfristigen Ausfälle sind keine. So etwas darf nicht passieren. Aber die Hauptschuld an diesem Debakel trage ich. Ich bin jetzt vier Jahre Teamchef, aber trotzdem lerne ich nicht aus.

Wie meinen Sie das?

Völler: Es wird mir in Zukunft nicht mehr passieren, dass ich mit einem dezimierten Kader zu solch einem schweren Auswärtsspiel fahre. Ich habe niemanden nachnominiert, weil ich keine Unruhe in die U21 und ins Team 2006 bringen wollte, die ja auch gespielt haben. Dieses Risiko bin ich gegangen, und das mache ich mir sehr stark zum Vorwurf.

Weil Sie nach den kurzfristigen Ausfällen von Jens Nowotny und Frank Baumann plötzlich ohne Abwehrspieler waren und in Carsten Ramelow und Jens Jeremies zwei Mittelfeldspieler in der Innenverteidigung aufbieten mussten?

Völler: Ich will nicht auf die beiden draufhauen, aber das war sicher der Schlüssel. Es war auch eine falsche Entscheidung, dass ich mit ihnen Vierer-Kette spielen ließ. Wir hätten mit einer Dreier-Kette spielen müssen, wie wir es in der zweiten Halbzeit getan haben.

Es ist ja lobenswert und auch zum Teil berechtigt, dass Sie die Verantwortung für das Debakel übernehmen. Aber hätte man von der Mannschaft nicht auch unter diesen Voraussetzungen erwarten können, dass sie sich wenigstens wehrt?

Völler: Natürlich gibt es für diese Vorstellung keine Entschuldigung. Wenn wir 0:1, 1:2 oder 1:3 verloren hätten, hätten wir damit leben können, aber nicht mit einem 0:4 in einer Halbzeit. Das war unterirdisch. Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so abschießen lassen. Aber der eine oder andere war wirklich schwach auf seiner Position. Das behalte ich im Hinterkopf.

Werden Sie nach diesem Spiel noch einmal die Zusammensetzung ihres EM-Kaders überdenken?

Völler: Es ist zu früh, irgendetwas über Konsequenzen zu sagen. Ich brauche Zeit, um über das Spiel und die Leistung des ein oder anderen nachzudenken. Aber die Hauptschuld trage ich, und ich verspreche, das wird mir nicht mehr passieren.

Welche psychischen Auswirkungen hat die Pleite im Hinblick auf die EM?

Völler: Vielleicht ging es uns zu gut. Vielleicht hat man nach den Siegen in Kroatien und gegen Belgien geglaubt, dass alles von selbst geht. Schade ist nur, dass wir jetzt nicht sofort wieder ein Länderspiel haben. So müssen wir uns lange mit diesem 1:5 beschäftigen. Aber ich weiß, wie ich dieses Spiel einordnen muss.

Die Fragen stellte Oliver Hartmann, dpa



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