Völler-Interview "Fehler, die nicht passieren dürfen"

Das Beste am Auftakt der deutschen Fußball-Nationalelf ins EM-Jahr war das Ergebnis. Nach dem glücklichen 2:1-Erfolg in Kroatien sprach DFB-Teamchef Rudi Völler über die Leistung von Keeper Oliver Kahn, die mangelhafte Chancenverwertung und das Debüt von Linksverteidiger Philipp Lahm.


Herr Völler, wie wichtig ist für Sie das Erfolgserlebnis im ersten Länderspiel des EM-Jahres?


Rudi Völler:

Es ist schön, wenn man das neue Jahr mit einem Sieg beginnt. Das hat gut getan nach der Niederlage zum Jahresabschluss gegen Frankreich, die uns drei Monate im Magen gelegen hat.


Dennoch können Sie mit dem Spiel Ihrer Mannschaft nicht hunderprozentig zufrieden sein...


Kahns Fehlgriff: Der Kroate Mato Neretljak köpft zum 1:1-Ausgleich ein
DPA

Kahns Fehlgriff: Der Kroate Mato Neretljak köpft zum 1:1-Ausgleich ein

Völler: In den ersten 20 Minuten waren wir in großen Schwierigkeiten, da hätte Kroatien verdient führen müssen. Die Kroaten haben aber ihr Tor nicht gemacht - im Gegensatz zu uns, als wir gegen Ende der ersten Hälfte stärker wurden. In der zweiten Halbzeit ging es auf und ab. Und wenn man seine Konterchancen nicht nutzt, kommt man am Ende noch in Schwierigkeiten. Es gab aber einige Fehler, die eigentlich nicht passieren dürfen, zumal man darüber gesprochen hat. Es war noch Schatten dabei.


Torwart Oliver Kahn sah zum Beispiel beim Ausgleichstreffer nicht gut aus.


Völler: Das war schade für Olli, der ein ganz tolles Spiel gemacht hat, dass er unter der Flanke durchläuft. Er hat uns aber davor mit Klasse-Paraden vor einem Rückstand bewahrt.


Was waren für Sie die positiven und was die negativen Erkenntnisse im ersten EM-Test dieses Jahres?


Völler: Positiv war, dass die Mannschaft trotz der vielen Auswechslungen nach dem Ausgleich Reaktion gezeigt hat und auch in der Schlussphase unbedingt noch den Siegtreffer erzielen wollte. Solch eine Einstellung erwarte ich auch, denn man darf sich nie aufgeben. Negativ war, dass wir in der Abwehr nicht so kompakt gestanden haben, wie ich mir das vorstelle. Wir haben vor allem in der Anfangsphase viel zu viele Chancen zugelassen. Zudem ist die Chancenauswertung noch nicht so, wie ich das haben will. Das habe ich vergangenes Jahr schon kritisiert. Positiv war aber auch noch, dass von den 23 nominierten Spieler 21 angereist sind. Nur Rehmer und Ballack konnten nicht dabei sein. Dies sollte zwar eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, aber zeigt dennoch, dass jeder Spieler unbedingt zur EM will.


Wie bewerten Sie die Länderspielpremiere von Philipp Lahm?


Völler: Er hat ein tolles Debüt abgeliefert, einige gute Aktionen nach vorne gezeigt. Bei seinem tollen Dribbling in der ersten Halbzeit hat er all das gezeigt, was ihn beim VfB Stuttgart auszeichnet. Es war gut, ihn in einem Länderspiel zu sehen. Es gibt Bundesliga und Champions League, aber ein Länderspiel ist noch einmal eine Steigerung. Von daher war es für ihn sicherlich ein Highlight.


Welche Spieler haben Sie noch überzeugt, welche weniger?


Völler: Zu Christian Wörns kann man nur sagen, dass er in der Form seines Lebens ist. Er ist topfit, und das sieht man auch. Bei Jens Nowotny hingegen merkt man, dass er nach der langen Verletzungspause noch etwas unsicher ist. Dies gilt auch für Torsten Frings. Ich hatte ihn extra etwas früher ausgewechselt, da es für ihn die erste englische Woche nach seiner langen Verletzungspause ist. Beim Siegtor hat Benjamin Lauth eine tolle Vorbereitung geleistet. Er ist einer der wenigen Spieler in Deutschland, der einen Gegner im direkten Zweikampf ausspielen kann.


Haben Sie im Hinblick auf die Nominierung Ihres EM-Kaders neue Erkenntnisse gewonnen?


Völler: Man darf solch ein Spiel auch nicht überbewerten. Rund zwei Drittel der EM-Fahrer stehen schon praktisch fest. Bei den Übrigen fällt die Entscheidung nach den nächsten beiden Spielen gegen Belgien und in Rumänien.


Aufgezeichnet von Jürgen Zelustek, sid, und Oliver Hartmann, dpa



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