Völler-PK im Wortlaut "Jeder muss sich an die eigene Mütze packen"


Rudi Völler:

Was ich gestern nach dem Spiel nicht gesagt habe, was ich aber im Hinterkopf hatte: Ich werde von meinem Amt zurücktreten.

Gerhard Mayer-Vorfelder: Rudi Völler hat um ein Gespräch gebeten. Er hat uns in diesem Gespräch eröffnet, von seinem Amt zurücktreten zu wollen. Ich habe ihn gebeten, seine Entscheidung zu überdenken, die Ereignisse des letzten Tages sich setzen zu lassen, um danach in einer grundsätzlichen Aussprache über die Perspektiven des deutschen Fußballs zu sprechen. Rudi Völler hat uns erklärt, dass dies keine spontane Entscheidung sei, die er unmittelbar nach Spielende getroffen habe, er hat genau überlegt und schon früher überlegt. Diese Entscheidung ist zu akzeptieren, wir bedauern die Entscheidung sehr, haben sie aber zu respektieren. Ich habe Rudi sehr zu danken. Er hat auf meine spontane Frage damals vor vier Jahren zugesagt, die Mannschaft zu übernehmen. Zunächst war eine Interimszeit von einem Jahr vorgesehen. Aus einem Jahr sind vier Jahre geworden. Vier Jahre, in denen die Vize-Weltmeisterschaft errungen worden ist. Es hat eine vertrauensvolle und offene Zusammenarbeit stattgefunden, auch wenn es in der einen oder anderen Frage Spannungen gab. Er (Rudi Völler) hat in der schwierigen Situation nach der EM 2000 geholfen. Wir erinnern uns alle an das erste Spiel in Hannover gegen Spanien, in dem die Nationalmannschaft von den Fans, dank des großen Ansehens von Rudi Völler von den Fans wieder angenommen wurde. Ich bedaure die Entscheidung von Rudi sehr. Wir haben uns gestern Abend aber offen in die Augen schauen können, so dass sein gutes und offenes Verhältnis zum DFB erhalten bleibt.

Frage an Völler: Ist Ihre Mission gescheitert?

Völler: Ich hatte das Gefühl, dass die Aufgabe durch die WM im eigenen Land nur jemand machen kann, der unbefleckt ist, der einen gewissen Kredit hat in diesen zwei Jahren, einen ähnlichen Kredit, wie ich ihn hatte vor vier Jahren, der ist wichtig. Denn es stehen schwierige zwei Jahren, in denen es nur Freundschafsspiele gibt, bevor. Wenn man einen Rucksack mit sich rumschleppt wie dieses Vorrunden-Aus, da habe ich kein gutes Gefühl. Es darf nicht um mich gehen, sondern um die Nationalmannschaft. Es wird auch in den kommenden Wochen und Monaten schwierig werden. Wir haben eine absolut intakte Mannschaft und ein intaktes Umfeld, man kann der Mannschaft keinen Vorwurf machen. Auf diesem hohen Niveau reicht es aber nicht. Gegen Tschechien standen am Ende vier U21-Spieler auf dem Platz. Deshalb sehe ich nicht so schwarz wie vor vier Jahren. Außerdem gibt es noch Sebastian Deisler und Christoph Metzelder, die ganz Großes mit der Nationalmannschaft erreichen können. Wir haben in den drei Spielen nicht unsere Höchstleistung bringen können. In der ersten Halbzeit gegen Holland und gestern in der zweiten Halbzeit haben wir andeuten können, was möglich ist. Es war nicht das Debakel wie 2000. Aber wir sind ausgeschieden. Was weh tut: Wir haben ja nicht gegen die erste Mannschaft der Tschechen gespielt, sondern gegen Jungs aus der zweiten Reihe. Das war zu wenig. Da muss sich jeder an die eigene Mütze packen. Es war ein Tick zu wenig gestern.

Frage an Völler: Hatten Sie die Rücktrittsentscheidung schon im Kopf, als sie zu den deutschen Fans nach dem Spiel gegangen sind?

Völler: Ich stand noch unter dem intensiven Eindruck des Spiels. Da ist man vom Kopf her nicht frei. Natürlich hatte ich im Hinterkopf, dass es nicht weitergehen würde. Aus den Untertönen wussten die Leuten, die mich schon lange kennen, dass es nicht weitergeht.

Frage an Völler: Ihr Wunschtraum, die WM 2006 als Trainer der deutschen Nationalmannschaft zu erleben, wird nicht Wirklichkeit. Wie tief trifft Sie das?

Völler: Ich hätte gerne die WM 2006 gemacht. Aber Egoismus ist der falsche Freund. Fatal wäre, wenn man am Stuhl hängt bis zur allerletzten Patrone. Und dann dem Nachfolger die Chance nimmt, die kompletten zwei Jahre in Angriff zu nehmen. Ich hätte gerne weitergearbeitet.

Frage an Mayer-Vorfelder: Wie sieht es bei der Suche nach einem Nachfolger aus?

Mayer-Vorfelder: Im Jahr 2000 hat Egidius Braun zu mir gesagt: Such einen Trainer. Jetzt sage ich selber: Such einen Trainer. Ich werde mich nicht von den Medien in eine gewisse Ecke drängen lassen. Dass der Name Ottmar Hitzfeld in allen Überlegungen eine Rolle spielt, ist klar. Ich werde keine Namen nennen und auch nicht zu Spekulationen Stellung nehmen.

Frage an Völler: Was sind Ihre Pläne?

Völler: Ich ziehe mich nicht schmollend zurück. Ich habe mit dem Generalsekretär die Planung für die nächsten zwei Jahre gemacht. Ich will mich nicht zurückziehen. Ich werde mir eine Auszeit nehmen, ich werde aber nicht auswandern. Ich bin ein DFB-Junge, bin Nationalmannschaftsjunge. Ich werde in zwei Jahren auf der Tribüne sitzen und die Daumen drücken. Dazu sind mir die Jungs zu lieb.



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