Völler-Team Das WM-Turnier kommt zu früh

Nach den Absagen etablierter Profis muss DFB-Teamchef Rudi Völler bei der Weltmeisterschaft auf Talente ohne Erfahrung zurückgreifen. Spieler wie Metzelder, Klose oder Frings gelten als selbstbewusst und arbeitsam. Experten glauben jedoch, dass die Generation 2006 erst beim WM-Turnier im eigenen Land richtig loslegen kann.

Von Jörg Kramer


Torsten Frings und Jörg Böhme: Hoffnungsträger unter sich
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Torsten Frings und Jörg Böhme: Hoffnungsträger unter sich

Der Nationalspieler rückt näher an die Tischkante, als er die Außenwelt an seiner Lebenserfahrung teilhaben lässt. Es sei "schon augenscheinlich", formuliert er geschliffen, "wie sehr Flexibilität heute gefragt ist". Insbesondere zähle Beidfüßigkeit zu "den Hauptmerkmalen" im modernen Fußball.

Er persönlich, fährt das Mitglied des deutschen Weltmeisterschafts-Kaders am sonnigen Mittag eines dieser endlosen Vorbereitungstage in einer dieser Hotellobbys fort, würde sich "als Typen bezeichnen, der früh für sich festgelegt hat: Ich möchte das Bestmögliche herausholen". Etwas großspurig, wie alte Hasen seines Fachs bisweilen wirken, lässt er sich zu einem Urteil über die heutige Jugend herbei: Junge Spieler bekämen leider "viel zu früh dauernd gesagt, wie gut" sie seien.

Vor kurzem spielte er lediglich Klarinette

Der da so weltläufig vorträgt wie ein Fußballroutinier mit abgeschlossenem Rhetorikkurs, sieht in Wahrheit bei der WM erst seinem siebten Länderspiel entgegen: Christoph Metzelder, 21, vom Deutschen Meister Borussia Dortmund, verteidigte vor zwei Jahren noch bei Preußen Münster in der Regionalliga. Und es ist gar nicht lange her, da spielte der Lehrerssohn aus dem westfälischen Haltern lediglich Klarinette.

Jetzt gilt er als Kandidat für einen Platz in der Start-Elf beim Auftakt am Samstag gegen Saudi-Arabien. Der 1,93-Meter-Hüne, der im südjapanischen WM-Quartier in Miyazaki "gerade so" ins knapp bemessene Hotelbett passt, durfte bei der ersten Taktikschulung in einer Dreier-Kette proben. Um dem Gegner den Raum zur Gestaltung einzuengen, rückt die Abwehr bis zu einer mit gelben Hemdchen markierten Linie auf halber Höhe zwischen Strafraum und Anstoßkreis auf. Bei Ballbesitz des Gegners verwandelt sich die Dreier- zur Fünfer-Formation.

"Traum aller Schwiegermütter"

Das verlangt eine hohe Auffassungsgabe von den Teilnehmern. Doch Einser-Abiturient Metzelder, laut "Westdeutscher Allgemeiner Zeitung" der "Traum aller Schwiegermütter", ist nach Einschätzung seines Club-Trainers Matthias Sammer "für sein Alter enorm abgeklärt". Der Nationalmannschafts-Nestor Oliver Bierhoff hält ihn für "innerlich erstaunlich gefestigt". Mit all diesen Eigenschaften ist Metzelder ein Abbild des deutschen WM-Teams. Sittsam und fleißig, etwas naseweis und im Anspruch vermessen ­ so inszeniert sich das ganze Ensemble.

Wie seine Mitstreiter Sebastian Kehl, 22, Miroslav Klose, 23, oder Torsten Frings, 25, gehört Metzelder in die Reihe der Anlernlinge, die durch Absagen, verletzungsbedingte Ausfälle und unplanmäßige Leistungseinbrüche etablierter Fachkräfte in verantwortungsvolle Positionen gespült wurden. Die Stammspieler Mehmet Scholl, Jens Nowotny, Christian Wörns und Sebastian Deisler gingen verstört oder verwundet von Bord. Jörg Heinrich kam das Vertrauen in die eigene Form, Bierhoff das Gewohnheitsrecht auf Einsätze abhanden.

Rudi Völler: Rosige Zukunft?
DPA

Rudi Völler: Rosige Zukunft?

Selten, fasst der vom Amt des Teamkapitäns zurückgetretene Bierhoff zusammen, habe Deutschland eine "von der Hierarchie her ausgeglichenere Mannschaft" zu einem Turnier geschickt. Eine interne Rangordnung gibt es quasi nicht. Nur sechs Spieler kennen das Gefühl, bei einer Weltmeisterschaft für die Seelenlage einer Nation verantwortlich zu sein. Teamchef Rudi Völler nahm zwar an drei WM-Turnieren teil, ist aber als Coach auch ein Neuling.

Wenn nun Eleven wie Frings (acht Länderspiele) und Metzelder (sechs) in Japan Schlüsselpositionen besetzen, erscheint das ähnlich gewagt, als müssten Sieger eines Karaoke-Wettbewerbs die Star-Tenöre in der Mailänder Scala ersetzen. Dass die DFB-Novizen ein Entwicklungspotenzial besitzen, das für die WM in vier Jahren in Deutschland Hoffnung macht, steht außer Frage. Ob die Vertreter dieser Generation 2006 jedoch in der Lage sind, schon 2002 die Kohlen aus dem Feuer zu holen, ist zweifelhaft.

"Ein Metzelder profitiert enorm von dieser Erfahrung"

Ex-Europameister Sammer sieht die Ausfälle der Etablierten nicht als Chance für Metzelder oder Kehl, sondern als Handicap: Andernfalls hätten sich die Jungen "an gewissen Leitfiguren orientieren" können. Der Alt-Internationale Günter Netzer, der schon Stürmer Kloses vergebliche Versuche rügte, Elfmeterpfiffe zu provozieren ("International funktioniert das nicht"), betrachtet das bevorstehende Turnier als Lern-WM für die Grünschnäbel: "Ein Metzelder profitiert enorm von dieser Erfahrung." Einstweilen müsse man jedoch "mit ihren Fehlern leben. Denn hätten wir alle an Bord, stünden sie im zweiten Glied".

Deutschlands Torwarttrainer Sepp Maier sieht auch auf Rudi Völler Probleme zukommen: "Trainer nutzen erfahrene Spieler gern als eine Art verlängerten Arm auf dem Feld." In dieser Hinsicht bietet der aktuelle Kader wenig Möglichkeiten. Kickenden Start-ups wie Metzelder setzen Kritik oder Argwohn aber nicht zu. Der Dortmunder Jungspund sagt, er habe sich "ein dickes Fell zulegen müssen". Wer bei der Borussia im Deckungszentrum spielt, dem werden Gegentore zuweilen "persönlich angekreidet ­ das ist halt so".

"Ich muss um zwölf nach Hause"

Fehler und Irrtümer gibt er derart geschickt zu, dass die eigene Schuld am Ende doch an ihm abprallt. Metzelder hatte gedacht, er könne parallel zur Profikarriere ein Fernstudium in Betriebswirtschaft absolvieren wie der Kollege Bierhoff. Nach einem Semester brach er das Experiment ab. Bierhoff, sagt er wie zur Entschuldigung, "hatte in dem Alter noch nicht die hohe Anzahl von Saisonspielen".

Metzelder will es wieder versuchen, an einer anderen Uni vielleicht. Schließlich folgt er zielstrebig seinem Lebensentwurf. Schon zu Zeiten in der Münsteraner A-Jugend war es so, dass er sich freitags bei Jahrgangsstufenfesten früh verabschiedete: "Ich muss um zwölf nach Hause." Denn Sonntag war ein Spiel. Mitschüler fragten ihn besorgt, warum er seine Jugend verschenke. Heute schon glaubt er zu wissen, wofür er so viel investierte. Metzelder hat einen Meistertitel und eine eigene Homepage. Auf der sprach er kurz nach dem 11. September "den Opfern und ihren Angehörigen" staatsmännisch sein "Mitgefühl" aus. Da war er 20.

Alter und WM-Erfahrung der deutschen Fußball-Nationalspieler
DER SPIEGEL

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So etwas würde Miroslav Klose, dem DFB-Kollegen von der Abteilung Angriff, nie einfallen. Der blasse Schlesier, der mit acht Jahren aus dem polnischen Oppeln ins pfälzische Kusel kam, machte bei der ersten Einladung im Februar 2001 auf Völler den "Eindruck, dass er nicht auffallen wollte". Er habe "verlegen" gewirkt.

Vermutlich wird der Torjäger des 1. FC Kaiserslautern deshalb chronisch unterschätzt: weil er den Kopf senkt, wenn er spricht, und mit seinem Laufstil an einen flüchtenden Lausbuben erinnert, der den Ball geklaut hat. Klose ist es gewohnt, dass man ihn in der gestylten Scheinwelt der Profis mit den coolen Sprüchen nicht für voll nimmt. "Ich bin halt kein so'n Typ", und außerdem: Vor vier Jahren kickte er noch bei der SG Blaubach-Diedelkopf in der Bezirksliga Westpfalz, der siebten Liga.

"Es gibt immer Neider"

Doch der vermeintlich schüchterne DFB-Lehrling kann sich gegen Skepsis wehren. In seinen ersten beiden Länderspielen traf er jeweils 15 Minuten nach seiner Einwechselung ins Tor. Bei der ersten Partie über 90 Minuten im Nationaltrikot traf er dreimal gegen Israel wie neulich wieder gegen Österreich.

Auch erste Krisen, etwa als er voriges Jahr wegen Überlastung in ein Leistungstief rutschte und die Kaiserslauterer Mitspieler ihn hänselten, vermochte Klose zu überwinden. Dass die Kollegen ihn, wie sich Marketing-Manager Roman Sindelar vom Ausrüster Nike erinnert, "fertig machen" wollten, hat Klose nicht aus der Bahn geworfen. "Es gibt immer Neider."

"Ich wollte meine Sache durchziehen"

Sogar dem Trainergespann Andreas Brehme und Reinhard Stumpf trotzte der gelernte Zimmermann: Als die verlangten, er solle sich auf "die einfachen Dinge" verlegen, bestand der auf seinem Plan ("Ich will im Training dazulernen") und übte weiter die riskante Ballannahme mit der Außenseite. "Ich wollte meine Sache durchziehen. Das ist mir gelungen."

Manchmal ist Klose richtig stolz auf sich. Als er jetzt mit Blick auf die Kaiserslauterer Einkaufspolitik den Eindruck gewann, der Club wolle ihn loswerden, monierte er genau dies öffentlich und fügte argwöhnisch hinzu: "Am Ende drehen sie es noch so, als ob ich weg wollte." Dank solcher Aussagen bleibt Klose für alle Eventualitäten des Transfergeschäfts auf der moralisch sicheren Seite.

Miroslav Klose: Schießt er Deutschland nach vorne?
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Der Spätaussiedler hat früh gelernt, unter schwierigen Bedingungen Freunde zu gewinnen. Weil sein Vater Josef, ein talentierter Rechtsaußen, eine Zeit lang bei AJ Auxerre in der französischen Liga gespielt hatte, sprach der schmächtige "Miro" neben Polnisch fließend Französisch, als er über das Sammellager Friedland in die neue Heimat kam. Auf Deutsch jedoch konnte er nur "ja" und "danke". Anerkennung bei den Gleichaltrigen empfing er allein durch Tore auf dem Bolzplatz.

Ein Nachbar entdeckte ihn beim Schulturnier und lotste ihn zum ersten Club. Die Benimmregeln für den Weg auf der Karriereleiter ("Immer Sprosse für Sprosse") erklärten ihm der Vater, ein Schichtarbeiter im Rammelsbacher Audiokassettenwerk von TDK, und Mutter Barbara, früher Handball-Nationalspielerin in Polen.

"Mittelstürmer wie einst Rudi"

Einmal, als die Verlängerung des Profivertrags anstand und der Vater in Anbetracht der Kaiserslauterer Offerte bereits entflammt war, bediente sich Klose-Berater Michael Becker eines Kniffs: Er ließ den Manager von Borussia Mönchengladbach im Elternhaus anrufen. Damit war geklärt, dass es noch andere Bieter geben könnte. Nun haben viele alles schon vorher gewusst. Kloses früherer Trainer Otto Rehhagel etwa, der ihn selten und dann nur im Mittelfeld spielen ließ, erkennt in dem schlitzohrigen Goalgetter, der seinen Torjubel oft mit gekonntem Salto verziert, nun einen "Mittelstürmer wie einst Rudi".

Rudi Völler weiß Frechheit zu schätzen, solange sie überschaubar bleibt. Querelen muss er in Asien nicht fürchten. So sind Diadochenkämpfe, mit denen bei der WM 1994 alternde Leitfiguren wie Brehme, Thomas Berthold und Lothar Matthäus das Publikum unterhielten, beim bevorstehenden Event kaum zu erwarten.

Christoph Metzelder: Einer der deutschen Shootingstars
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Von den zahlreichen WM-Neulingen passiert es allenfalls dem Dortmunder Kehl, dass er "schon mal aneckt", wie ein Teamgefährte raunt. Zuweilen benehme sich der Gastwirtssohn aus der Rhön, ist Völler aufgefallen, "wie jemand, der schon viel erlebt und erreicht hat". Im Vergleich zu Kehl bewegt sich der Instinktfußballer Torsten Frings auf sicherem Terrain. Der Bremer Mittelfeldspieler, der Ende 1996 als Stürmer von Alemannia Aachen an die Weser zog, glaubt, er habe im DFB-Team "noch nicht so viel gerissen, dass ich großartig das Maul aufmachen kann".

Andererseits hat ihm die große Klappe nie geschadet. Bei einer seiner ersten Profi-Trainingseinheiten teilte er dem damaligen Werder-Keeper Oliver Reck mit, was er von dessen fußballerischer Begabung hielt: "Geh du lieber ins Tor." Als er die wienerisch vorgetragenen Anweisungen des damaligen Teamleaders Andreas Herzog nicht verstand, nannte er den Österreicher respektlos einen "Lutscher". Seither ist "Lutscher" Frings' Spitzname. Er soll seine Kessheit karikieren.

"Ich bin auch ein extrem ehrgeiziger Typ"

Frings, im Ehrenamt Präsident der SSG Zopp aus der Kreisliga Aachen, ist der Typ Schelm, mit dem die Kameraden ihren Spaß treiben, um ihre Zuneigung auszudrücken. Bremer Gefährten fingerten heimlich den Scheck für die Jahres-Leistungsprämie aus seinem Umschlag und legten läppische 200 Mark Bargeld hinein. Auf seinen gelben Sportwagen klebten sie einmal schwarze Posthörner. Für eine Lachnummer hält sich der Kumpeltyp freilich nicht. Frings begann seinen Wechsel zu Borussia Dortmund zu betreiben, seit er sich in BVB-Coach Sammer "wiedererkannt" haben will: "Ich bin auch ein extrem ehrgeiziger Typ."

Nach seiner Versetzung ins zentrale Mittelfeld, wo er bei Werder den Grätscher Dieter Eilts und den Ästheten Herzog gleichzeitig ersetzte, galt er als die Entdeckung der letzten Saison. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erinnert er "bisweilen an den jungen Matthäus". Nur dass Frings die internationale Erfahrung fehlt. Er selbst vermisst die aber nicht: "Ich schätze, bei der WM geht es um Fußball. Und entweder man kann kicken oder nicht."

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