Vogts-Interview "Deutsche Fußballer trainieren zu wenig"

Für Jürgen Klinsmanns Arbeit als Bundestrainer hegt Berti Vogts Respekt. Nicht zufrieden ist der 59-Jährige hingegen mit dem Fleiß der heutigen Spieler. Im Interview warnt Vogts zudem vor einem möglichen Debakel im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica.


Frage: Herr Vogts, wie wird man Fußball-Weltmeister?

Vogts: Mit einem Team aus selbstbewussten und erfahrenen Spielern, die mit dem Druck eines WM-Turniers klar kommen. So wie wir 1974.

Frage: Wir erinnern uns - 7. Juli 1974, Tag des WM-Finales. Nach 120 Sekunden liegen Sie 0:1 gegen die Niederlande zurück. Da sah es nicht so gut aus. Haben Sie da nicht gezweifelt?

Vogts: Nein. Wir wussten, die packen wir. Selbst als ich nach drei Minuten Gelb sehe und wusste, dass ich nun 87 Minuten gegen Johan Cruyff mit der Belastung spiele, bin ich cool geblieben. Mir war klar, der Schiedsrichter schmeißt mich im eigenen Stadion nicht vom Platz. Diese Erfahrung fehlt dem Team von Jürgen Klinsmann: Gut möglich, dass ein Spieler Probleme kriegt, der im Eröffnungsspiel nach drei Minuten verwarnt wird.

Frage: Was unterscheidet das 1974er-Team von der heutigen Mannschaft sonst noch?

Vogts: Wir waren eine verschworene Erfolgsgemeinschaft, die wusste: Man lyncht uns, wenn wir Zweiter werden. Also sind wir mit dem Bewusstsein ins Turnier, dass nur der Titel zählt. Und so kühl sind wir das Unternehmen angegangen: Selbst die Kritik nach der 0:1-Niederlage gegen die DDR ging uns weitgehend sonst wo vorbei.

Frage: Wie konnte es überhaupt zu dieser Pleite kommen?

Vogts: Ganz einfach, auf dem Weg ins Hamburger Volksparkstadion hörten wir im Radio, dass Australien und Chile unentschieden gespielt hatten. Wir waren also schon vor Anpfiff eine Runde weiter. Da stellten wir fest, dass uns als Gruppenerster drohte, mit Argentinien und Brasilien in die Zwischenrunde zu kommen. Mit dieser Einstellung gingen wir ins Spiel.

Ex-Bundestrainer Vogts: "Ich bewundere Klinsmanns Mut"
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Frage: Die Geschichte muss also neu geschrieben werden: Die BRD verlor in Hamburg 1974 absichtlich gegen die DDR?

Vogts: So war es auch nicht. Wir haben in den ersten Minuten schon ziemlich Druck gemacht. Aber in der Halbzeit waren wir sehr relaxt. Und nach dem Sparwasser-Tor in der 77. Minute war Franz Beckenbauer mehr damit beschäftigt das Publikum zu beschimpfen, als für den Ausgleich zu arbeiten.

Frage: Warum war Beckenbauer so sauer?

Vogts: Das Hamburger Volksparkstadion war immer ein Problem für die Nationalmannschaft. Die Hanseaten sind sehr distanziert und kritisch. Was meinen Sie, warum in Hamburg nach der Halbfinalniederlage bei der EM 1988 fast 15 Jahre keine Länderspiele ausgetragen wurden.

Frage: Deutschland bestreitet bei der WM die erste Partie. Ist das ein gutes Omen?

Vogts: Ich sehe das eher als Problem. Auf dem Eröffnungsspiel lastet ein immenser Druck. Die Brasilianer als Weltmeister können damit umgehen. Aber, ob es das unerfahrene deutsche Team kann, weiß ich nicht.

Frage: Warum ist das Eröffnungsspiel so schwer?

Vogts: Einerseits, weil das weltweite Medieninteresse so unglaublich groß ist. Viel höher, als wenn man zwei Tage später ins Turnier eingreift. Andererseits, weil die Schiedsrichter neue Anweisungen haben und noch etwas unsicher pfeifen.

Frage: Das deutsche Team ist gerade im Trainingslager in Genf. Werden die Spieler rechtzeitig fit?

Vogts: Deutsche Fußballer brauchen keine Regeneration. Kein deutscher Fußballer ist so übersäuert und übermüdet. Im Gegenteil, wir trainieren zu wenig. Andere Sportler trainieren täglich sechs Stunden. Und als ich Coach in Leverkusen war, wurde ich angemeckert, weil ich einige Spieler zum individuellen Nachmittagstraining lud. Die Jungs zahlen einen Haufen Geld dafür, ihren Schwung beim Golfabschlag zu verbessern. Aber individuelles Training nach Feierabend auf dem Fußballplatz halten sie für eine Zumutung. Das verstehe ich nicht.

Frage: Wie kann das sein?

Vogts: In den Vereinen reden zuviele mit: Berater gehen zu den Geschäftsführern und Managern und beschweren sich. So etwas gibt es in England nicht: Da ist der Trainer Coach und Manager in Personalunion und bestimmt, wer einen neuen Vertrag bekommt.

Frage: Was sagen Sie zu Jürgen Klinsmanns Arbeit in der Nationalelf?

Vogts: Ich bewundere seinen Mut, die Nationalmannschaft zu diesem schwierigen Zeitpunkt zu übernehmen. Ottmar Hitzfeld, Arsene Wenger oder Guus Hiddink hatten alle abgelehnt. Er weiß, dass er nicht so viele Topspieler hat. Aber er geht seinen Weg mit aller Konsequenz. Dafür hat er meinen ganzen Respekt.

Frage: Wann kommen Sie als Trainer zurück?

Vogts: Da müssen viele Dinge passen: Ich übernehme keinen Club, bei dem die Vorgabe lautet, einen Titel zu gewinnen. Es muss eine Strategie hinter meiner Verpflichtung stehen. Und das ist in Deutschland nicht möglich.

Frage: Wieso nicht?

Vogts: Weil die Vereinspräsidenten hierzulande Fußballfans sind und keine Fachleute. Fans leben zu sehr mit den Emotionen und lassen sich in schlechten Phasen schnell von der allgemeinen Stimmung gegen den Trainer aufbringen. Ein Präsident, der ein Fachmann ist, hat eine Vision für den Verein und stellt sich auch in der Krise hinter den Trainer. Ich arbeite mit keinem, der sich als eitler Übervater zelebriert – immer dann, wenn die Mannschaft gewinnt. Und der, wenn sie verliert, anderen die Schuld gibt.

Das Interview führte Tim Jürgens



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