Vor dem Finale Zizou klopft ans Tor zur Ewigkeit

Für viele ist Zinedine Zidane derzeit der beste Fußballer der Welt. Doch am Sonntagabend wartet für den Franzosen die wohl schwerste Aufgabe seiner bisherigen Laufbahn: einen Weg samt Ball durch das scheinbar unüberwindliche Abwehrbollwerk der Italiener zu finden.


Ein Mann und sein bester Freund: Zinedine "Zizou" Zidane
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Ein Mann und sein bester Freund: Zinedine "Zizou" Zidane

Rotterdam - Italien fürchtet ihn, Frankreich hofft auf ihn: Zinedine Zidane wird vor dem "Grande Finale" der Europameisterschaft am Sonntag (20 Uhr/live im SPIEGEL ONLINE-Live-Ticker) in Rotterdam zum Fixpunkt, um den sich scheinbar alles dreht. Der noch ungekrönte König der Euro 2000 soll mit seinen genialen Pässen und Dribblings den italienischen Abwehrriegel knacken und die "Equipe Tricolore" als Nachfolger des entthronten Titelverteidigers Deutschland zum historischen Double führen: Denn ein amtierender Weltmeister holte noch nie den EM-Titel. "Am Tor zur Ewigkeit", titelte die Zeitung "Le Parisien" am Samstag.

"Zidane fürchte ich am meisten", sagte Italiens Torwart Francesco Toldo und dokumentierte damit den Respekt der Azzurri vor dem ihnen bestens bekannten Mittelfeldstar von Juventus Turin. Mit 28 Jahren scheint Zidane bei der EM im Zenit seines Könnens zu stehen. Seine Reife und den gewachsenen Führungsanspruch stellte er im Halbfinale gegen Portugal eindrucksvoll mit dem "Golden-Goal-Penalty" zum 2:1-Erfolg unter Beweis. Vor zwei Jahren im WM-Finale gegen Brasilien (3:0) war es ebenfalls der Mann mit der Nummer "10", der als Schütze der ersten zwei Tore den Weg zum Titelgewinn bereitete.

"Zidane ist die Figur der EM schlechthin. Er hat mehr als alle anderen, das gewisse Etwas", erhob Weltstar Pele den "Weltfußballer von 1998" ebenfalls zur Schlüsselfigur. "Wir dürfen uns nicht nur auf Zidane beschränken", impfte unterdessen Italiens Nationaltrainer Dino Zoff seinen Spielern ein. Der pfeilschnelle Thierry Henry und der torgefährliche Lauterer Youri Djorkaeff, der auf seine Rückkehr ins Team hofft, können ebenfalls ein Spiel im Alleingang entscheiden. Bangen müssen die Franzosen um den Einsatz von Emmanuel Petit. Der 29-jährige Mittelfeldspieler konnte am Freitag wegen einer fiebrigen Erkältung nicht trainieren. "Es handelt sich nur um ein leichtes Grippe-Symptom", beruhigte jedoch die medizinische Abteilung.

Bei Italien, das seit 32 Jahren und damit doppelt so lange wie Frankreich (1984) auf den zweiten EM-Titel wartet, könnte die Kraft im Stadion "De Kuip" zur entscheidenden Frage werden. Schlafen und Regenerieren hat Zoff darum als oberstes Gebot bis zur Stunde der Wahrheit verordnet und verzichtete deswegen am Samstag sogar auf das obligatorische Training in der Endspiel-Arena. Das große Ziel vor Augen soll den Kräfteverschleiß vom Halbfinale gegen die Niederlande, als man fast 90 Minuten in Unterzahl spielte, überdecken. "Es ist eine Sache des Herzens und des Glaubens", erklärte Zoff pathetisch.

"Wir müssen unser Spiel machen", forderte "Dino Nazionale", womit er nicht den gefürchteten Catenaccio meinte: "Wir spielen nicht nur destruktiv. Man darf nicht vergessen, dass wir gegen Holland mit zehn Mann spielen mussten." Fußball-Feinschmecker Pele fällte dennoch ein vernichtendes Urteil: "Italiens Spiel verbreitet keine Freude. Sie spielen auf Konter und suchen ihr Glück bei ruhenden Bällen."

Den Franzosen nötigt die Effizienz der Italiener immerhin Respekt ab: "Sie haben eine Chance und machen daraus drei Tore", sagte Bayern-Profi Bixente Lizarazu, der wie gewohnt in der Viererkette mit Thuram, Blanc und Desailly agieren wird, die in dieser Besetzung seit dem 18. Juni 1996 in 25 Länderspielen ohne Niederlage geblieben ist.

Zoff wird in seiner Abwehr vor allem auf den Schutzschild mit Nesta und Cannavaro vertrauen und seine Elf nur geringfügig umbauen. Für den gesperrten Zambrotta dürfte Pessotto spielen. Als Alternative bietet sich Di Livio an. Im Angriff pokert der Coach noch mit Totti oder Del Piero. "Gemeinsam werden sie nicht spielen", verriet Zoff.

Seit 22 Jahren haben die Italiener nicht mehr gegen Frankreich gewonnen, am Sonntag wollen sie allerdings vor allem Revanche nehmen für die im Elfmeterschießen erlittene Viertelfinal-Niederlage bei der WM 1998. Der Europameister-Titel würde sich für die Spieler beider Mannschaften auch in klingender Münze auszahlen. Umgerechnet rund 400.000 Mark haben der italienische und der französische Verband pro Mann als Erfolgsprämie ausgelobt. Dank weiteren 800.000 Mark aus dem gut gefüllten Sponsoren-Pool kann es für die Weltmeister sogar ein millionenschwerer Abend werden.



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