Vor dem Halbfinale Türkei gehen die Spieler aus, Löw dachte an Rücktritt

Große Personalprobleme: Drei Akteure des türkischen Teams sind für die Partie gegen Deutschland gesperrt, fünf verletzt, darunter Kapitän und Torjäger Nihat. Bundestrainer Joachim Löw hält die Türkei dennoch für einen gefährlichen Gegner - und gibt zu, Rücktrittsgedanken gehabt zu haben.


Hamburg - Der türkische Trainer Fatih Terim muss am Mittwoch im Halbfinale gegen Deutschland (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) auf seinen Stürmer Nihat verzichten. Nach Angaben der türkischen Zeitung "Milliyet" wird Nihat bis zu sechs Wochen ausfallen und könnte damit auch im Falle eines Sieges gegen die DFB-Auswahl nicht im Finale eingesetzt werden. Beim Angreifer des spanischen Erstligisten FC Villarreal, der bislang zwei EM-Tore erzielte, wurde am Samstag bei einer Kernspintomographie ein Ödem in der Leiste festgestellt. Der 28-jährige Nihat war am Freitag im Viertelfinale gegen Kroatien (3:1 im Elfmeterschießen) in der Verlängerung ausgewechselt worden.

Außerdem sind Torhüter Volkan (Rote Karte), Verteidiger Emre Asik sowie die Mittelfeldspieler Tuncay und Arda (jeweils zweite Gelbe Karte) gesperrt. Neben Emre Güngör, für den das Turnier nach einem Muskelfaserriss bereits beendet ist, werden Mittelfeldspieler Emre Belözoglu - aufgrund einer Wadenverletzung - und höchstwahrscheinlich auch Abwehrspieler Servet mit einer Innenbanddehnung im Knie ausfallen. Fraglich ist zudem der Einsatz von Mittelfeldspieler Tümer, den Leistenprobleme plagen.

Das deutsche Team kann dagegen vermutlich in Bestbesetzung auflaufen. Sperren gibt es nicht und Mittelfeldspieler Torsten Frings ist wahrscheinlich trotz seines im Spiel gegen Österreich erlittenen Rippenbruchs einsatzbereit.

Einen großen Vorteil sieht Bundestrainer Joachim Löw in den Personalsorgen des Halbfinalgegners jedoch nicht: "Die Türken haben im bisherigen Turnierverlauf gezeigt, dass mit ihnen immer zu rechnen ist, egal wie der Spielstand ist. Sie sind unberechenbar und dadurch auch gefährlich." Der 48-Jährige pflegt seit seiner Zeit als Cheftrainer bei Fenerbahce Istanbul (1. Juli 1998 bis 29. Mai 1999) und Adanaspor (20. Dezember 2000 bis 4. März 2001) eine besondere Verbindung zur Türkei: "Ich habe dort viele Freunde, mit denen ich regelmäßig Kontakt habe."

Auf die Frage, wie und mit welcher Taktik er die Türkei schlagen wolle, scheint Löw noch keine endgültige Antwort gefunden zu haben. " Darüber werden wir uns noch unterhalten, Grundsätzlich wollen wir an unserem 4-4-2-System festhalten", sagte Löw, der im Viertelfinale Portugal mit nur einem Angreifer und fünf Mittelfeldspielern in einem 4-2-3-1-System überrascht hatte.

Für Torwarttrainer Andreas Köpke steht unabhängig vom System ohnehin fest, "dass wir den nächsten Schritt machen und ins Finale einziehen. Es ist an der Zeit, mal wieder Geschichte zu schreiben." So weit dachten die Nationalkicker noch nicht. Angreifer Miroslav Klose, der beim Gegner vor allem seinen Münchner Vereinskollegen Hamit Altintop herausstellte, warnte vor "einem schwierigen Spiel".

Ähnlich bewertet auch Verteidiger Arne Friedrich die Aufgabe: "Wir sind jetzt wieder Favorit. Wir werden sehr hart arbeiten, uns durch nichts ablenken lassen und den Gegner nicht unterschätzen. Die größte Gefahr ist, dass man die Türken nie abschreiben darf." Der Hertha-Kapitän hat beim Kontrahenten allerdings auch Schwächen ausgemacht: "Die haben hinten ein bisschen Probleme und konnten mich nicht so überzeugen."

Löw hat erstmals zugegeben, dass er sich angesichts der zwischenzeitlich kritischen Situation in der EM-Vorrunde mit Rücktrittsgedanken auseinandergesetzt habe. "Diese Gedanken kommen, selbstverständlich", sagte der 48-Jährige der "Welt am Sonntag": "Aber ich versuche, sie sofort in etwas Positives umzumünzen. Ich lasse diese Gedanken nicht an mich ran. Ich spinne sie einfach nicht zu Ende und versuche, der Mannschaft den Optimismus vorzuleben."

Erst ein 1:0 gegen den Erzrivalen Österreich im letzten Spiel der Gruppenphase hatte Deutschland ins Viertelfinale gebracht. Löw ließ allerdings offen, ob er bei einem Scheitern in der Vorrunde tatsächlich zurückgetreten wäre. "Das weiß ich nicht. Es wäre möglicherweise vieles über uns hereingebrochen. Wir hätten uns hingesetzt und in Ruhe unterhalten, wie die Stimmung insgesamt ist und ob es noch Sinn macht", sagte er.

Der DFB-Cheftrainer bekräftigte seine Ambitionen, mit der Mannschaft Europameister werden zu wollen. "Das Ziel ist der Titel. Bis dahin sind noch zwei Spiele zu bestreiten, und das nächste wird sehr, sehr schwer."

wit/sid



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