DFB-Team in der WM-Quali Löws Wackel-Abwehr

Philipp Lahm gesperrt, Mats Hummels verletzt: Joachim Löw muss die sowieso schon anfällige DFB-Abwehr für das Spiel heute Abend gegen Irland erneut umbauen - sehr zu seinem Unmut. Wirkliches Vertrauen hat der Trainer zu seinen Defensivspielern offenbar nicht.

DPA

Aus Dublin berichtet


Dass es sie gibt, daran hat eigentlich niemand gezweifelt. "Sie können darauf setzen, dass wir mit einer Abwehr auflaufen werden", sagte Joachim Löw. Was wie ein Scherz klang, meinte der Bundestrainer vor dem Spiel der Nationalmannschaft gegen Irland am Abend in Dublin (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) allerdings ziemlich ernst. Löw wollte allen Anwesenden deutlich machen, dass es ihm in den vergangenen Trainingstagen gelungen ist, tatsächlich eine Formation zu finden, die zumindest er mit gutem Gewissen als "Abwehr" bezeichnen kann.

Darf man den Stimmen rund um das DFB-Team glauben schenken, schickt Löw folgenden Defensivverbund gegen die Iren aufs Spielfeld: Auf der rechten Abwehrseite verteidigt Jérôme Boateng, daneben Per Mertesacker und Holger Badstuber, als Linksverteidiger läuft Marcel Schmelzer auf. Sie sollen den gesperrten Kapitän Philipp Lahm und den verletzten Mats Hummels ersetzen.

Keine Angst vor der deutschen Defensive

Dass die neuformierte deutsche Defensive auf den Gegner nicht besonders furchteinflößend wirkt, zeigt die Aussage von Marco Tardelli, dem Assistenten des irischen Nationaltrainers Giovanni Trapattoni: "Wenn wir ihre Abwehr unter Druck setzen, ist es möglich, ihnen Probleme zu bereiten. Die Abwehr scheint der Mannschaftsteil zu sein, in dem sie nicht ganz so stark sind."

Tardellis Eindruck ist angesichts der vergangenen Partien des DFB-Teams nicht weit hergeholt: Gegen Argentinien geriet die Defensive nicht nur einmal ins Straucheln. Gegen Österreich unterliefen den Spielern solch haarsträubende Abspiel- und Stellungsfehler, dass eigentlich nur Glück die Niederlage verhindert hatte. Und selbst die nicht wirklich als Fußballgroßmacht bekannten Färöer-Inseln hatten einige halbwegs gefährliche Konterchancen gegen den EM-Halbfinalisten.

"Da waren wir in den vergangenen Spielen nachlässig", bestätigte Badstuber. Und Löw ergänzte: "Defensive Stabilität, mehr Ordnung auf dem Platz, Positionen halten - das waren alles Themen in unseren vergangenen Sitzungen. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir diese Dinge wieder besser machen werden." Es klang fast, als müsse man sich keine Sorgen mehr um die Abwehr machen.

Wackelkandidaten statt Wunschbesetzung

Dass das jedoch eher Wunschdenken denn Realität ist, zeigen Löws Aussagen zum jungen Dortmunder Außenverteidiger Schmelzer: "Er hat gegen Österreich kein gutes Spiel gemacht. Viele Alternativen gibt es jetzt aber auch nicht, also müssen wir mit Marcel Schmelzer die nächsten Monate weiterarbeiten", sagte Löw und ergänzte: "Ich kann mir keine Außenverteidiger schnitzen."

Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus. Kopfschütteln erntete der Bundestrainer deshalb auch von BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. "Ich glaube nicht, dass es hilfreich ist, einen Spieler am Tag vor dem WM-Qualifikationsspiel schwach zu reden", sagte er den "Ruhr Nachrichten". "Das ist kontraproduktiv."

Gleichzeitig nahm Watzke Löw in Schutz: "Er wird momentan von vielen Seiten angegriffen." Doch gesagt ist gesagt, und Löw konnte auch nicht mehr viel damit retten, dass er knapp zwei Stunden nach seiner Kritik an Schmelzer betonte, dass er "nach wie vor großes Vertrauen" in dessen Fähigkeiten habe.

Und auch bei Schmelzers Nebenleuten scheint Löw Schwachstellen zu sehen. Mertesacker und Boateng sind augenscheinlich ebensowenig Wunschkandidaten des Bundestrainers. Mertesacker, den Löw vor der EM für Hummels aus der Startformation gestrichen hatte, wird von nur wenigen eine echte Chance auf eine Rückkehr ins Nationalteam eingeräumt. Zu langsam, zu schwach im Spielaufbau sei der Londoner. Boateng spielte bereits während der EM nur zähneknirschend auf der rechten Außenseite. Der Münchner sieht sich eigentlich lieber im Zentrum der Abwehr. Auch Löw sagte mehrfach, dass Boateng "kein klassischer Außenverteidiger" ist.

Es ist die dritte Partie in der WM-Qualifikation, die Löw mit drei Wackelkandidaten vor dem eigenen Tor bestreitet. Auch bislang ist er also immer mit einer Abwehr aufgelaufen - ob Löw aber Recht damit hat, diese Defensive "Abwehr" zu nennen, bleibt abzuwarten.

Irland - Deutschland um 20.45 Uhr
(voraussichtliche Aufstellungen)
Irland: Westwood - Coleman, O'Shea, O'Dea, Ward - Andrews, McCarthy - Cox, Fahey - McGeady, Walters
Deutschland: Neuer - Boateng, Mertesacker, Badstuber, Schmelzer - Khedira, Schweinsteiger - Müller, Özil, Reus - Klose

insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
liborum 12.10.2012
1. Vertrauen
So wie sich Löw aüßerte würde ich an M. Schmelzers Stelle sagen: "Nein Danke, Herr Löw." Vorbeugend schon mal einen Sündenbock gefunden! Nach dem schlechten??? Abschneiden in den letzten Großtuniere ohne vorzeigbaren Titel wird Löw mal ernsthaft kritisiert - und er tritt richtig unfair nach - auf die Spieler die nicht vom "Großmeister " kommen.(Gab es etwa Kritik an "Schweini" oder Lahm?) Er ist doch der Trainer- oder stellen sich die Spieler selbst auf, oder etwa Herr Hoeness? Souverän geht anders!
azzi 12.10.2012
2. Aussagen etwas unglücklich
Denke die Aussage über Schmelzer hatte Löw nicht so gemeint wie sie tatsächlich ankam, trotzdem alles andre als gelungen. In der Sache hat Löw halt Recht. Uns fehlen in Deutschland Außenverteidiger und die begrenzte Anzahl die es gibt fällt qualitativ im Vergleich mit den restlichen Mannschaftsteilen stark ab. Schmelzer hat bisher kein einziges wirklich überzeugendes Spiel für die NM abgeliefert und hatte bisher mehr Chancen bekommen als viele andere Kaidaten die nach 1-2 schlechten Spielen direkt in der Versenkung verschwanden. Er muss sich klar steigern oder er wird keine Option mehr sein. Allerdings muss man auch sagen das der unantastbare Lahm die letzten Spiele auch immer wieder für heftige Böcke gut war, das vergisst man schnell. Bleibt zu hoffen das sich ein paar Optionen im kommenden Jahr in den Vordergrund spielen können, das ein Boateng und ein Schmelzer dort dauerhaft spielen glaube ich kaum.
Bhigr 12.10.2012
3. Hat der se noch alle?
""Er hat gegen Österreich kein gutes Spiel gemacht. Viele Alternativen gibt es jetzt aber auch nicht, also müssen wir mit Marcel Schmelzer die nächsten Monate weiterarbeiten", sagte Löw und ergänzte: "Ich kann mir keine Außenverteidiger schnitzen."" Wie soll der arme Schmelzer unter diesen Vorzeichen, eine gute Leistung abrufen. Er muss ja jetzt nicht nur gegen Irland sondern gleich noch gegen den Bundestrainer spielen. Unfassbar, welche Fehler sich Löw in letzter Zeit leistet. Auch das Jammern über die Abwehr kann ich nicht mehr ertragen. Mit "Boateng, Mertesacker, Badstuber" laufen drei Abwehrspieler auf, die bei den europäischen Topvereinen FC-Bayern und Arsenal London unter Vertrag stehen. Marcel Schmelzer ist Stammspieler beim deutschen Meister. Wenn er kein Vertrauen in Schmelzer hat, dann soll er Ihn auf die Bank setzen und statt dessen Höwedes oder Westermann als rechten Außenverteidiger auflaufen lassen. Aber da wären ja noch Leute wie Ilkay Gündogan, Sebastian Rode, Gonzalo Castro, Lars Bender, die alle auf der Außenverteidiger-Position gute Alternativen wären. So eine große Anzahl von erstklassigen Spielern gab's schon sehr sehr lange nicht mehr, aber der Bundestrainer beschwert sich, dass er sich nicht seinen persönlichen Außenverteidiger schnitzen kann! Wenn das so weiter geht, dann sollte er sich einen anderen Job suchen!
kein_gut_mensch 12.10.2012
4. :-(
Zitat von sysopDPAPhilipp Lahm gesperrt, Mats Hummels verletzt: Joachim Löw muss die sowieso schon anfällige DFB-Abwehr für das Spiel gegen Irland erneut umbauen - sehr zu seinem Unmut. Wirkliches Vertrauen hat der Trainer zu seinen Defensivspieler offenbar nicht. http://www.spiegel.de/sport/fussball/vor-dem-spiel-gegen-irland-probleme-in-deutscher-abwehr-a-860875.html
Das wirklich traurige heute Abend wird aber die Übertragung im Zweiten. KMH und Bela ... kann man die mal nicht auswechseln. Die gehen doch gar nicht.
Xangod 12.10.2012
5. optional
Wie er den Schmelzer runtermacht ist schon krass. Kein Wunder, daß der dann im Verein um Klassen besser ist als in der N11. Wobei ich "vermisse" da eigentlich Löws Lieblingslinksverteidiger vom HSV - Aogo. Dabei war ich froh, als Löw endlich von seiner langjährigen Devise abgekehrt ist, ein Spieler vom HSV muß in die Start11 (TRoche!!!). Na, mal sehen. Seit der Aufstellung beim Italienspiel halte ich alles für möglich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.