Russlands Hintertür in den Weltsport Hohle Paragrafen statt Strafen

Die Wada sperrt Russland für vier Jahre, aber bei der Fußball-EM wird in Sankt Petersburg gespielt, als sei nichts gewesen - dank einer obskuren Begründung. Auch der Ablauf zur WM 2022 in Katar ist kurios.
Bei der WM wurde in Sankt Petersburg gespielt, bei der EM wird es auch so sein

Bei der WM wurde in Sankt Petersburg gespielt, bei der EM wird es auch so sein

Foto: Alexander Hassenstein Getty Images

Die Städte Glasgow in Schottland und Baku in Aserbaidschan liegen etwas mehr als 4200 Kilometer auseinander, zwischen beiden Städten gibt es einen Zeitunterschied von vier Stunden. Wahrscheinlich käme niemand auf die Idee, eine Veranstaltung, in der Glasgow und Baku eingebunden sind, als "regionales Event" zu bezeichnen. Das Turnier soll, als 16. Austragung des Wettbewerbs, in elf europäischen Städten und eben einer asiatischen Stadt (Baku) stattfinden.

Nach Angabe des europäischen Fußballverbands Uefa und der Welt-Antidopingagentur Wada ist die Fußball-EM 2020, unter anderem mit den Ausrichtern Glasgow und Baku, genau das: "Ein regionales Ereignis".

Mit dieser Begründung retten Uefa und Wada den EM-Spielort Sankt Petersburg in Russland - nach der Dopingsperre, die die Wada über den russischen Sport verhängt hat, dürfte in den kommenden vier Jahren in dem Land eigentlich keine internationale Sport-Großveranstaltung mehr stattfinden. Eine Fußball-EM, so die offizielle Lesart, ist davon aber nicht betroffen, da sie laut Wada kein "Multi-Sport-Major-Event" sei, sondern ein "regionales, kontinentales Turnier" - anders als zum Beispiel Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften.

Veranstaltung mit globaler Strahlkraft

Nun ist eine Fußball-EM tatsächlich pro forma eine kontinentale und keine globale Angelegenheit. Allerdings hat eine Europameisterschaft im Weltsport Fußball eine derartige Strahlkraft, dass sie auch in Asien, Afrika und Amerika intensiv verfolgt wird. Zudem ist gerade diese EM mit dem bewussten Konzept, sie auf zwölf unterschiedliche Länder zu verteilen, so wenig regional wie keine andere Europameisterschaft zuvor. Auch das macht den Beigeschmack aus, den diese Entscheidung mit sich bringt.

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Im Krestowski-Stadion von Sankt Petersburg finden laut EM-Plan drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale statt. Die Russen werden dort zwei ihrer drei Gruppenspiele gegen Belgien und Finnland austragen, und - da die EM nicht von dem Wada-Entscheid betroffen ist - auch als Team Russland mit Flagge und Hymne antreten.

Nachdem die Prüfkommission der Wada vor vier Wochen ihre Empfehlung ausgesprochen hatte, Russland zu sperren und dem Land auch die Sportgroßereignisse zu verweigern, begann hektische sportpolitische Diplomatie. IOC-Boss Thomas Bach traf sich in Nyon mit Uefa-Chef Aleksander Ceferin, der anschließend sofort nach Russland aufbrach, um dort unter anderem mit Präsident Wladimir Putin zu konferieren. Alles, um schon im Vorfeld die Botschaft zu transportieren: Der EM-Spielort Sankt Petersburg ist sakrosant und wird nicht angetastet. Das gleiche gilt für das Champions-League-Finale ein Jahr später, ebenfalls dort.

Uefa will den Beschluss nicht kommentieren

Die Uefa kann darauf verweisen, dass sie den Wada-Code, der die Verbände verpflichtet, die Vorgaben der Welt-Antidopingagentur einzuhalten, nicht unterzeichnet hat - eben weil er kein Weltverband ist. So haben zwar so gut wie alle Sportarten über ihre Weltverbände ihre Signatur unter den Wada-Code gesetzt , bis hin zur World Armwrestling Federation und dem Weltverband im Minigolf - aber Kontinentalverbände können sich dem entziehen. So tat sich die Uefa auch leicht, auf Medienanfragen zur Wada-Entscheidung lediglich mit dem Hinweis zu antworten, man werde das Thema nicht kommentieren.

Die Fifa, der Fußball-Weltverband, hat dagegen den Wada-Code unterschrieben und damit die Regularien anerkannt. Deswegen gilt die Entscheidung vom Montag auch für die WM 2022 in Katar. Wenn sich Russland für das Endturnier im Emirat qualifiziert, müsste man demnach auf alle nationalen Insignien verzichten - das Team würde dann wahrscheinlich als "neutrales Team" antreten - so wie es die russischen Eishockeyspieler bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang taten.

Wie viel oder wie wenig solche Maßnahmen fruchten, hat man allerdings dort auch gesehen: Die Sbornaja gewann in Südkorea gegen das deutsche Team Gold, und bei der anschließenden Zeremonie sangen die Fans und teilweise auch die Spieler ihre russische Hymne, auch ohne dass sie offiziell angespielt wurde.

Russland darf sich als Russland für die Fußball-WM qualifizieren

Um die ganze Sache noch ein bisschen verwirrender zu machen, man kann auch sagen absurder: Für die Qualifikation zur Fußball-WM gelten die Sanktionen der Wada nicht. Eine Qualifikation sei schließlich keine WM, dort würden ja (noch) nicht die Weltmeister gekürt, hieß es von der Wada. Daher dürfe Russland dort unter dem Namen Russland und mit allen üblichen Begleitumständen spielen. Lediglich nach erfolgreicher Qualifikation greifen dann die Strafmaßnahmen.

Alles streng nach den Regeln, alles offiziell, aber das Unbehagen darüber, dass der Wada-Beschluss dem Delinquenten Russland zu viele Schlupflöcher lasse, wird dadurch nicht gerade geringer. Mit dezidiertem Bezug auf die EM 2020 spricht die "Neue Zürcher Zeitung" in ihrer Kommentierung des Wada-Entscheides von einem "Papiertiger", die "Süddeutsche Zeitung" in zurückgenommener Ironie mit Hinweis auf den Regionalcharakter einer EM von einer "bemerkenswerten Einschätzung".

Beim DFB sieht man das anders: Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff nennt die Wada-Beschlüsse "mit Sicherheit konsequent".