Halbfinalist Wales Das Kollektiv siegt

Das ist die zweite große Sensation der EM: Außenseiter Wales bezwingt Belgien und steht im Halbfinale. Die Mannschaft überzeugt mit Geschlossenheit - auch Superstar Gareth Bale ordnet sich unter.
Walisischer Jubel

Walisischer Jubel

Foto: PHILIPPE HUGUEN/ AFP

Es war ein Bild von großer Symbolkraft, das die Waliser nach ihrem sensationellen Einzug ins EM-Halbfinale in die Welt schickten. Die Spieler, die Trainer und die Betreuer bildeten einen Kreis, den sie anschließend in ein Herz verwandelten, eine der größten EM-Sensationen hat nun ein wunderbares Emblem.

Island, die andere EM-Überraschung verzückt die Welt mit Wikinger-Jubel, der Widerstandsfähigkeit und Leidenschaft repräsentiert. Wales' Erfolgsrezept ist die Kraft des kollektiven Zusammenhalts, in einem Turnier, in dem die Qualität von Einzelspielern seltsamerweise immer bedeutungsloser wird.

Mit 3:1 hat die kleine Fußballnation gegen die mit namhaften Stars bestückten Belgier gewonnen. "Man träumt als Fußballer von solchen Abenden, aber man weiß nie, ob man gut genug und auch glücklich genug ist, um das wirklich zu erleben", sagte Trainer Chris Coleman: "Jetzt werden drei Millionen Menschen zu Hause gerade verrückt." Die Waliser haben gute Gründe, mächtig stolz zu sein: auf eine faszinierende Mannschaft, die mit echter Freude zusammenarbeitet, was ja eine große Kunst ist, wenn so eine Männergruppe sechs, sieben Wochen lang aufeinanderhängt. "Die große Herausforderung sind nicht die Gegner, das sind wir selbst", sagte der smarte Trainer Coleman. Diese Herausforderung haben sie brillant gemeistert.

Wales weiß längst auch spielerisch zu überzeugen

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EM-Analyse: Wie Wales die Fehler Belgiens bestrafte

Foto: Matthias Hangst/ Getty Images

Denn Wales hält nicht nur zusammen, die Mannschaft hat sich im Turnierverlauf auch fußballerisch entwickelt, wie kaum ein anderer Konkurrent. Das 3:1 gegen die Belgier war keiner dieser mit einer simplen Defensivstrategie ermauerten Zufallssiege, die Waliser waren schlicht besser. Sie produzierten weniger Fehler, wirkten stabiler, klarer im Kopf, und hatten die bessere Strategie. "Die waren uns taktisch überlegen", stellte Belgiens Torhüter Thibaut Courtois dann auch ernüchtert fest.

Diese Waliser haben mit sehr bescheidenen Mitteln ein Kunstwerk von rauer Schönheit geschaffen. Belgiens Trainer Marc Wilmots führte das Verletzungspech in seiner Defensive und die mangelnde Erfahrung der Ersatzleute an, als er um eine Erklärung für die enttäuschende Niederlage gebeten wurde. "Ich bin kein Magier, Erfahrung kann man nicht herzaubern", sagte er. Sein Kollege Coleman scheint jedoch solche magischen Fähigkeiten zu besitzen.

Er hat aus ein paar Flusskieseln, einem Brillanten und drei, vier mittelgroßen Rubinen ein Schmuckstück fabriziert, das die Fußballwelt derzeit in seinen Bann zieht. "Man braucht ein bisschen Talent", sagte Coleman, "aber wir haben vor allem sehr hart gearbeitet". Und den besten Beweis für diese Bodenständigkeit liefert der wertvollste Teil des Kunstwerkes: der Brillant Gareth Bale.

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Wales vs. Belgien: Sieg des Außenseiters

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Der Stürmer von Real Madrid ordnet sich ganz und gar den gemeinsamen Interessen unter, er arbeitet leidenschaftlich in der Defensive, er opfert sich für unscheinbare Laufwege, die kaum jemand wahrnimmt, die den Mitspielern aber Räume eröffnen. Und er sendet permanent positive Signale an sein Team: Aufmunterungen, taktische Hinweise und Hingabe in jedem Zweikampf. "Er ist unglaublich für uns, er gibt immer absolut hundert Prozent für sein Land. Ich bin stolz, dass er Waliser ist", sagte Mittelfeldspieler Joe Allen über Bale.

Neben Bale drängen andere ins Rampenlicht

Und so überließ Bale an diesem historischen Abend einem Kollegen die Rolle des Hauptdarstellers. Der überragende Spieler auf dem Platz war nämlich Aaron Ramsey, einer der Stars im Hintergrund, einer der Rubine. Dem Mittelfeldspieler vom FC Arsenal gelang beinahe alles, er hatte viele kluge Ideen und brachte Struktur in das Spiel des Außenseiters. Aber er wird im Halbfinale fehlen. Ramsey sah (wie auch Verteidiger Ben Davies) seine zweite Gelbe Karte im Turnierverlauf. "Das ist die einzige Enttäuschung dieses Abends", sagte Mittelfeldspieler Joe Allen.

Womöglich können sie sogar diese Verluste irgendwie auffangen, denn die Waliser haben ein Umfeld geschaffen, in dem mäßig begabte Sportler plötzlich zu beeindruckenden Fußballern werden. So wie zum Beispiel Hal Robson-Kanu. Der Stürmer sei "ein Albtraum für jede Abwehr", erklärte Coleman, und tatsächlich versetzte der 27-Jährige den Belgiern mit seinem Tor zum 2:1 den entscheidenden Wirkungstreffer, von dem der Favorit sich nicht mehr erholte.

Die meiste Zeit seiner Karriere verbrachte Robson-Kanu in der zweiten und dritten englischen Liga, das Interesse eines größeren Klubs hat er dabei nie geweckt. Der Großteil der Mannschaft steht bei Mittelklasseklubs aus dem unteren Teil der Premier League unter Vertrag, aber viele der fußballerischen Defizite sind verschwunden in einem wunderbaren Gesamtwerk. "Bevor wir nicht zu Hause sind, werden wir wahrscheinlich nicht verstehen, was wir hier geschafft haben", sagte Verteidiger Neil Taylor noch. Und das ist vielleicht auch besser so, denn jetzt steht ja erst mal das Halbfinale gegen Portugal an.

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