Erkenntnis des 22. Bundesligaspieltags Warum Schalke sportlich keine Chance mehr auf den Klassenerhalt hat

Nach der Derby-Niederlage steht Schalke vor dem Abstieg. Oder geht da doch was bei zwölf ausstehenden Partien? Nein! Dem Team fehlen vor allem drei entscheidende Faktoren.
Von Tobias Escher
Abschied aus der Bundesliga? Schalkes Maskottchen Erwin nach dem 0:4 im Derby gegen Dortmund

Abschied aus der Bundesliga? Schalkes Maskottchen Erwin nach dem 0:4 im Derby gegen Dortmund

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Lars Baron / Getty Images

Immer, wenn es auf Schalke schlecht läuft, kramen BVB-Fans die Ausgabe 94 des »Kicker« aus dem Jahr 2017 hervor. Der ehemalige Schalker Boss Clemens Tönnies ziert das Titelblatt des Fußball-Magazins zusammen mit einem Zitat von ihm: »Wir wollen Dortmund auf Dauer überholen.«

Nach dem 0:4 im Derby gegen Dortmund am Samstag wirkt jene Aussage nicht, als wäre sie vier Jahre alt, sondern eher hundert Jahre. Schalke ist nicht nur fernab davon, den BVB zu überholen, der Klub wird aller Wahrscheinlichkeit bald sogar in einer niedrigeren Liga spielen. Das 0:4 war bereits das zehnte Spiel in dieser Saison, das Schalke mit drei Toren oder mehr verlor.

Der Abstieg kommt immer näher. Oder geht da doch noch was? Gibt es bei zwölf ausstehenden Partien noch eine minimale Restchance auf den Klassenerhalt?

Die Antwort muss lauten: nein. Und das sind die Gründe dafür.

Mangelnde Fitness

David Wagner war bis zum zweiten Spieltag dieser Saison Trainer von S04. Am Sonntagmorgen saß er als Gast im »Doppelpass«. Seine Analyse zur Schalker Krise beschränkte sich hauptsächlich auf einen Faktor: Verletzungen.

In der Tat: In Gelsenkirchen verletzen sich Profis häufiger als anderswo. Laut der Seite fußballverletzungen.com  verpassten Schalke-Spieler in der vergangenen Saison 1955 Spiel- und Trainingstage. Nur Werder Bremen kam auf einen schwächeren Wert. Im Derby am Wochenende verletzten sich Skhodran Mustafi und Nabil Bentaleb bereits vor Anpfiff, Torhüter Ralf Fährmann musste früh ausgewechselt werden.

Doch Verletzungen sind nicht immer Zufall, schon gar nicht, wenn sie derart gehäuft auftreten. Diese können durch zu hohe oder falsche Belastung auftreten. Dass Schalkes Spieler Defizite im körperlichen Bereich vorweisen, darauf weisen auch die schwachen Laufwerte hin: Bei der Anzahl der Sprints belegen die Schalker den dreizehnten Rang in der Liga, bei der Anzahl der gelaufenen Kilometer sind sie mit Abstand Letzter.

Will sich ein Team aus einer schier aussichtslosen Lage befreien, muss es mindestens eins sein: fit. Schalke ist das nicht.

Ein Kader ohne passende Spielidee

Wagner lieferte im »Doppelpass« einen zweiten Grund für die Krise: Der Verein habe ihm zwar zugesagt, Geld in neue Spieler zu investieren. Das sei aber nicht passiert. Dass Schalkes Kader nicht erstligatauglich ist, hat sich als These in Fußballdeutschland weitestgehend durchgesetzt. Die Spieler liefern ja Woche für Woche Anschauungsmaterial, heißt es. Aber stimmt das? Ist das Schalker Team derart unterlegen?

Eigentlich nicht.

Viele Spieler haben ihre Klasse in der Vergangenheit unter Beweis gestellt. Suat Serdar spielte noch im vergangenen September für die Nationalmannschaft. Mark Uth war in der Rückrunde der vergangenen Saison an elf Treffern beteiligt – allerdings nicht für Schalke, sondern für den 1. FC Köln, an den er ausgeliehen war. Amine Harit dribbelte nicht nur in der Vizemeister-Saison 2017/2018 reihenweise Gegner aus. In dieser Spielzeit brillierte er beim einzigen Schalke Saisonsieg, dem 4:0 in Hoffenheim (drei Vorlagen, ein Tor).

Nimmt man die Einzelteile dieser Schalker Mannschaft und summiert sie, ergibt das nicht zwangsläufig einen Absteiger.

Schalke-Spieler Amine Harit (r.) während der Partie gegen Dortmund: Wen soll er mit seinen Anspielen finden?

Schalke-Spieler Amine Harit (r.) während der Partie gegen Dortmund: Wen soll er mit seinen Anspielen finden?

Foto: Martin Meissner / dpa

Aber eine Fußballmannschaft ist nun einmal mehr als die Summe ihrer einzelnen Teile. Und hier zeigt sich das viel größere Schalker Problem: Es gibt keine gemeinsame Idee, die diese Mannschaft zusammenhält. Schlimmer noch: In dieser Mannschaft befinden sich Spieler, die sich in ganz unterschiedlichen Systemen und Spielideen am wohlsten fühlen.

Da gibt es Serdar und Benito Raman, die perfekt für das hohe Pressen und Tempofußball geeignet wären. Da gibt es aber auch Benjamin Stamboli und Omar Mascarell, die das Spiel langsam machen. Sie stehen für das Gegenteil von Tempofußball.

Schalke war zuletzt immer bundesligatauglich, wenn es gut verteidigen konnte wie unter Trainer Domenico Tedesco und in der ersten Saisonhälfte von Wagner. Aber nicht einmal das kann S04 noch: 56 Gegentore ist der schlechteste Wert der Liga.

Zudem kommt, dass die Offensive nie weiterentwickelt wurde. Das lässt sich an Harit gut darstellen: Der marokkanische Nationalspieler ist trickreich, stark im Eins-gegen-eins und kreativ. Aber es gibt kaum Spieler im Schalker Kader, die seine Anspiele verwerten können – außer den 19 Jahre jungen Matthew Hoppe.

Teams wie Frankfurt oder Wolfsburg haben gelernt, tief stehende gegnerische Defensivreihen zu knacken. Schalke nicht.

Das Gegenbeispiel Mainz

Eigentlich hatte der FC Schalke bereits zum Rückrundenstart kaum eine Chance mehr auf den Klassenerhalt. Sieben Punkte hatten sie in der Hinrunde geholt. Kein Bundesligist schaffte je nach einer solch schlechten Hinserie den Ligaverbleib. Dass man in dieser schier ausweglosen Lage dennoch bessere Entscheidungen treffen kann, zeigt das Beispiel Mainz 05.

Schalkes Trainer Christian Gross

Schalkes Trainer Christian Gross

Foto: LEON KUEGELER / AFP

Auch die Mainzer holten nur sieben Punkte in der Hinrunde. Aber Mainz tauschte das gesamte Personal aus. Ex-Manager Christian Heidel kehrte zurück, Ex-Trainer Martin Schmidt ebenso, und als Trainer verpflichteten sie Ex-Spieler Bo Svensson. Das waren keine Verpflichtungen aus Gründen der Nostalgie. Mainz kehrte zurück zu einer jahrelang erfolgreichen Philosophie als Ausbildungsverein von Trainern und Spielern, der mit hohem Pressing und frechem Umschaltfußball die Großen der Branche ärgert.

Mit Erfolg: Nach dem 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach ist der Klub nur noch einen Punkt von einem Nichtabstiegsrang entfernt. Unter Svensson hat das Team in acht Spielen elf Punkte geholt.

Schalke hat in derselben Zeit Christian Gross als Trainer und mit Mustafi sowie Jan-Klaas Huntelaar Spieler mit ehemals großen Namen verpflichtet. Beide konnten (der eine aus Leistungsgründen, der andere aufgrund einer Verletzung) dem Team bisher nicht helfen. Zu einer erfolgreichen Philosophie ist der Klub nicht zurückgekehrt. Die Frage ist auch, welche das überhaupt sein sollte.