Nominierung als DFB-Chef Keller im Hinterzimmer

Der Freiburger Klubboss Fritz Keller soll neuer Chef des DFB werden. Ist seine Wahl bereits sicher? Wird der 62-Jährige auch kritisch gesehen? Die Antworten vor Kellers Treffen mit den Profiklubs und Amateuren.

DFB-Präsidentenanwärter Fritz Keller: Süßes oder Saures
Alexander Hassenstein/ Bongarts/ Getty Images

DFB-Präsidentenanwärter Fritz Keller: Süßes oder Saures

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Fritz Keller geht an diesem Mittwochvormittag auf Hoteltour in Berlin. Zunächst wird der 62 Jahre alte Präsident des SC Freiburg und Bewerber um das Amt des DFB-Präsidenten sich im Hotel Esplanade den Vertretern der Amateure vorstellen. Danach geht es ins Hotel Maritim, wo gleichzeitig die Profivereine der DFL ihre Generalversammlung abhalten. Dass Amateure und Profis Keller an unterschiedlichen Standorten treffen, obwohl beide in derselben Stadt tagen, ist mindestens symbolisch. Der Graben zwischen Spitzen- und Breitensport im Fußball wird künftig eher noch größer werden - trotz oder wegen Fritz Keller.

Wie war das Verfahren zur Auswahl Kellers?

Das war undurchsichtig. Mit dem Rücktritt von Reinhard Grindel formierte sich eine sogenannte Findungskommission, die aus sechs Personen bestand: DFL-Boss Reinhard Rauball und seinem Stellvertreter Peter Peters, DFB-Vizepräsident Rainer Koch und Ronny Zimmermann, DFB-Finanzchef Stephan Osnabrügge und DFL-Ligachef Christian Seifert. Dieses Sextett beauftragte zunächst die Schweizer Personalberatung Egon Zehnder, ein Anforderungsprofil für den neuen Präsidenten zu erstellen und sich umzuhören, was vom neuen DFB-Boss gewünscht ist. Die Berater sollen dabei vor allem Entscheider aus der Liga und Sponsoren befragt haben, im Amateurlager sollen sie weniger tätig gewesen sein.

Wen die Findungskommission in ihrem Monate währenden Suchprozess angesprochen hat, ist nicht bekannt. Es sickerte lediglich durch, dass der frühere Adidas-Boss Herbert Hainer, der als neuer Präsident des FC Bayern im Gespräch ist, und der ehemalige Aufsichtsratschef der Commerzbank-Boss, Klaus-Peter Müller, frühzeitig abgewunken haben sollen. Nach der Nominierung des Freiburger Vereinspräsidenten Fritz Keller hieß es vom DFB, Keller sei der einzige Kandidat, mit dem ernsthafte Gespräche geführt worden seien. Transparent überprüfbar ist das nicht, die Details verblieben bisher im kleinen Kreis der sechsköpfigen Kommission.

Warum gibt es nur einen Bewerber für das Präsidentenamt?

Initiativbewerbungen soll es mehrere gegeben haben. Bekannt wurde allerdings nur eine: Die Düsseldorferin Ute Groth hatte ihr Interesse schon bald nach dem Rücktritt Grindels hinterlegt. Die 60-Jährige ist Vereinsvorsitzende des DJK Tusa Düsseldorf, sie hätte als Vertreterin des Amateursports und als Frau im männerdominierten DFB für einen Wandel stehen können. Dennoch wird sie bei der Wahl am 27. September wohl nicht gegen Keller antreten können. Kandidaten müssen zum DFB-Bundestag von einem Delegierten des Bundestags, normalerweise einem Landes- oder Regionalverband vorgeschlagen werden. Dies ist bislang nicht geschehen. Die Nominierungsfrist läuft allerdings noch bis zum 30. August.

Ute Groth will DFB-Präsidentin werden - das wird aber wohl nichts
Henning Schoon DPA

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Dazu kommt: Kampfabstimmungen sind beim obersten DFB-Amt bislang nicht üblich gewesen. Die Verbandsbosse werden gewöhnlich mit fast einstimmigen Ergebnissen in ihre Ämter gewählt.

Warum gibt es so wenig Kritik am Verfahren?

Es gibt Kritik. Nach der Nominierung Kellers meldeten sich die zwei Berliner Fußballfunktionäre Gerd Thomas und Bernd Fiedler mit einer Streitschrift im "Tagesspiegel" zu Wort, in dem sie das Verfahren als undemokratisch kritisierten, von "gnadenloser Intransparenz" sprachen und beklagten, die Interessen der Amateure würden vom DFB sträflich vernachlässigt. Auch Ute Groth sprach von einer Kandidatur, die "im Hinterzimmer abgekaspert" worden sei. Der sächsische Verbandschef Hermann Winkler zeigte sich ebenfalls unzufrieden mit der Art, wie es zur Auswahl Kellers kam.

Das sind jedoch Einzelstimmen. Wie es häufig im Verband ist: Im Vorfeld gibt es ein leises Rumoren, aber wenn es zur Wahl kommt, muss sich Fritz Keller wahrscheinlich keine großen Sorgen machen. Auch als Reinhard Grindel 2015 als DFB-Boss nominiert wurde, gab es Unmut aus den Profivereinen. Bei der Wahl erhielt er dann lediglich vier Gegenstimmen - unter anderem übrigens von Fritz Keller.

Wieso Fritz Keller?

Nach Theo Zwanziger (bei dem sein guter Wille und seine Eitelkeit in ständiger Konkurrenz standen), Wolfgang Niersbach (der sich voll und ganz dem Spitzensport verschrieb und am großen Rad drehen wollte) und Reinhard Grindel (der es jedem Recht machen wollte und am Ende alle verprellt hatte) ist Fritz Keller nun der Bewerber des Konsenses.

Als Vertreter eines eher kleinen Erstligaklubs, der sich auch in der Bundesliga der Frauen und bei den Amateuren profiliert hat, deckt er ein gewisses Portfolio ab. In der Öffentlichkeit ist er als umgänglich bekannt, als Winzer und Hotelier hat er Verbindungen in die Wirtschaft. Gleichzeitig ist er nicht kantig genug und zu sehr mit der Bundesliga verwoben, um die Interessen der mächtigen DFL zu gefährden. Mit Keller können sich viele anfreunden.

Christian Seifert, der starke Mann im deutschen Fußball
Arne Dedert DPA

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Wie wird sich die Rolle des DFB und seines Präsidenten verändern?

Der DFB plant, sich eine neue Struktur zu geben - und auch in diese Pläne passt die Personalie Keller hervorragend. Künftig soll es quasi zwei DFBs geben: die GmbH, in der das Geld verdient wird und zum Beispiel die Belange der Nationalmannschaft gebündelt werden und der e.V., der sich um die Themen Frauen, Schiedsrichter, Amateure kümmert. Die GmbH soll vom bisherigen Generalsekretär Friedrich Curtius geführt werden, auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff soll hier seinen Platz haben. Der DFB-Präsident hätte dort nur noch eine Aufsichtsratsfunktion, sein Kerngeschäft wäre der e.V.

Auch aus den internationalen Aufgaben, sprich als Emissär bei Fifa und Uefa, würde sich der DFB-Präsident künftig heraushalten. Auf diese prestigeträchtige Funktion soll der bisherige Vizepräsident Rainer Koch ein Auge geworfen haben. Koch mischt seit gut 15 Jahren als Chef des bayerischen Fußballverbands beim DFB mit, er ist die Konstante an der DFB-Spitze, bestens vernetzt und hat bisher sämtliche Stürme und Fluktuationen im DFB heil und clever überstanden.

Was tut sich gleichzeitig bei der DFL?

In den Wirren um den neuen DFB-Boss ist die Umstrukturierung der Deutschen Fußball-Liga etwas aus dem Blickfeld geraten. Bei der DFL erklärt der langjährige Ligaboss Reinhard Rauball am heutigen Mittwoch seinen Rücktritt. Es gibt keinen Nachfolger, das Amt wird abgeschafft. Stattdessen rückt der bisherige Geschäftsführer Christian Seifert in die Position des starken Manns. Ohne Seifert ging schon zuletzt wenig, wenn es um die Belange des deutschen Fußballs geht. Das wird künftig noch stärker sein, Seifert wird als Cheflobbyist des Profifußballs auch beim DFB in allen wichtigen Gremien sitzen. Für die Amateure ist das ein schlechtes Zeichen.

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thegiftedone187 21.08.2019
1. Spirale des Geldes
Solange die Konsumenten weiterhin Trikots, Dauerkarten und Fanartikel kaufen, Sky Abos, Dazn Verträge abschließen etc., wird sich auch an solchen "Machenschaften" nichts ändern. Und eine Frau an der Spitze eines Fußball Gremiums? Also ganz so modern sind wir dann hier doch nicht oder?
FrankDunkel 21.08.2019
2.
Keller wäre gut beraten, wenn er als künftiger DFB-Präsident Frau Groth irgendwie einbindet, allerdings ohne sie zu vereinnahmen. Das wäre ein höchst notwendiges Signal an die Amateurklubs. Ihre Interessen müssen künftig mehr Gehör finden als in der jüngeren Vergangenheit. Fußball ist zu allererst einmal Breitensport, der die Basis für alles andere in dieser Sportart bildet. Und dies muß sich in den Führungsstrukturen des Verbandes abbilden.
shardan 21.08.2019
3. Geld, Geld und Geld.
Die drei Entscheidungskriterien des DFB: Geld, Geld und Geld. Amateursport? Bringt nichts ein, zählt also praktisch nicht. In einem etwas seltsamen Verfahren wird ein neuer Mann (!) gesucht, die Kriterien werden durch eine Beratungsgesellschaft festgelegt und Kandidaten gesucht- Als wäre das nicht seltsam genug, weiß niemand außer der so genannten "Findungskommission", ob Herr Keller denn nun ein Vorschlag der Beraterkommission war oder ob doch jemand anders bevorzugt wurde. Jemand, der treu "auf Linie" ist, oder jemand, der zumindest nicht aufräumt. Es könnte sich sonst etwas ändern, und das geht ja gar nicht.
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