Aus von Pál Dárdai bei Hertha BSC Zu oldschool für die Alte Dame

Schon lange wollte Hertha BSC so cool werden wie Berlin. Trainer Pál Dárdai wollte lieber so uncool bleiben wie Hertha BSC. Das konnte nicht auf Dauer funktionieren.

Pál Dárdai
Boris Streubel/ Bongarts/ Getty Images

Pál Dárdai

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Das Schwierigste im Fußball ist, gemeinsam zu verlieren. Am Montagabend ist das Hertha BSC nicht mehr gelungen.

Da haben die Verantwortlichen der Berliner entschieden, sich von ihrem Trainer Pál Dárdai nach dieser Saison zu trennen. Von Manager Michael Preetz und Klubpräsident Werner Gegenbauer erfuhr der Ungar, dass seine Arbeit nach viereinhalb Jahren enden wird.

Dass ein Klub seinen Trainer entlässt, wenn der Erfolg ausbleibt, ist nichts Ungewöhnliches. Dárdai hat mit dem 0:2 in Hoffenheim am Sonntag die fünfte Partie in Folge verloren. Aus den jüngsten sieben Spielen holte Hertha nur einen Sieg. Nie gab es eine längere Negativserie, seit der 43-Jährige im Februar 2015 übernahm.

Doch diese Trennung ist trotzdem ungewöhnlich. Sie hat mit einer besonderen Trainer-Klub-Beziehung zu tun - und mit einer veränderten Trainerentlassungskultur in dieser Saison.

Das Verlieren allein ist nicht der Grund für Dárdais Aus. Mit 35 Punkten und Platz elf befindet sich Hertha trotz des schweren Sinkflugs im gesicherten Mittelmaß. Auch wenn Preetz im Sommer 2018 offensiv wie nie eine Weiterentwicklung von Team und Trainer gefordert hatte, hätte man Dárdai die übliche Rückrundendelle vielleicht sogar verziehen. So wie die anderen drei Jahre zuvor auch.

Denn Dárdai hatte Kredit. Er hatte den zwischen erster und zweiter Liga pendelnden Klub zu einem Europa-League-Teilnehmer geformt. Zweimal überwinterte er als Tabellendritter. Zudem hat sich um Dárdai in Berlin der Mythos entwickelt, dass er und der Verein auf besondere Weise zusammengehören. Mit 286 Bundesligapartien ist er der Rekordspieler des Vereins. Mit Aussagen wie "Ich habe blau-weißes Blut" bediente Dárdai zudem gern die Sehnsucht der Hertha-Fans nach Identifikation.

Irgendwann aber hat sich Dárdai im Klub so groß und wichtig gefühlt, dass er damit aneckte. "Sein Aus hat auch damit zu tun, wie er intern aufgetreten ist", sagt ein hoher Vereinsfunktionär dem SPIEGEL.

Wenn man so will, ist es zwischen Dárdai und Hertha wie mit einer Liebesgeschichte, bei der die Partner irgendwann getrennte Wege einschlagen und sich so verlieren.

Hertha will seit Längerem weg vom Image des Langweilerklubs, der es schafft, trotz des Standortvorteils, in einer der interessantesten Städte der Welt beheimatet zu sein, außerhalb von Berlin und Brandenburg kaum jemanden zu interessieren. Dafür hat der Verein vieles in die Wege geleitet - von neuen Klubslogans ("Das älteste Start-up Berlins" oder "We try, we fail, we win"), bis zu politischen Statements (die Take-a-Knee-Aktion 2017, als Hertha-Spieler sich mit US-Athleten solidarisierten, die gegen Rassismus kämpfen) und einer bis an die Grenze der Erträglichkeit ausgereizten Social-Media-Offensive. Bei den Fans erzeugte das oft Widerstand.

Dárdai war stets ein Skeptiker dieser Neuerungen. Seinen Twitteraccount ließ er von Mitarbeitern füllen. Über die neuen Slogans lästerte er offen in einem Interview, worauf der Klub die Veröffentlichung über die Autorisierung verhinderte. Als der Krach zwischen der aktiven Fanszene und der Geschäftsleitung um Manager Preetz und dem Markenchef Paul Keuter im Herbst 2018 zu eskalieren drohte, lud Dárdai Hertha-Ultras heimlich zum Gespräch in seinen Garten ein. Bei Hertha haben das manche als Hochverrat empfunden.

Darüber hinaus soll es zu Themen wie politischer Haltung zwischen Dárdai und der Vereinsführung unterschiedliche Auffassungen gegeben haben. Dárdai war für den SPIEGEL am Dienstag nicht zu erreichen.

Aus diesem Mix aus Gründen muss Dárdai gehen, obwohl Preetz erst im Januar bekannt gegeben hatte, dass er in der Spielzeit 2019/2020 Hertha-Trainer bleiben solle. Zur besonderen Trainer-Klub-Beziehung gehörte auch, dass Dárdais Cheftrainervertrag jedes Jahr verlängert werden musste. Ein Vertrag im Jugendbereich dagegen ist unbefristet. Nach einem Sabbatjahr könnte Dárdai als Nachwuchstrainer zurückkehren. Vorstellbar ist das kaum.

Warum jetzt, warum so?

Aber warum beendet Hertha die Zusammenarbeit mit einem Trainer, um ihm dann noch die restlichen fünf Saisonspiele die Mannschaft anzuvertrauen?

Die Antwort liegt in der Tabellenkonstellation, in der Hertha wohl auch die letzten fünf Spiele verlieren könnte, ohne ernsthaft in Abstiegsgefahr zu geraten (14 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz). Doch sie liegt auch im Umgang der Restliga mit Trainern in dieser Saison: Immer noch werden Trainer entlassen, wenn sie keinen Erfolg haben - so wie Domenico Tedesco bei Schalke, Manuel Baum beim FC Augsburg oder André Breitenreiter bei Hannover 96. Doch es müssen nun auch vermehrt jene gehen, die eigentlich erfolgreich sind, von denen die Klubführung aber nicht mehr überzeugt ist.

So war es zuletzt bei Dieter Hecking, der Borussia Mönchengladbach trotz noch zu erreichender Champions-League-Plätze verlassen muss. So war es auch bei Bruno Labbadia und dem VfL Wolfsburg, wo man sich trotz des Sachverhalts, dass der 53-Jährige die Niedersachsen von einem Relegationsabonnenten zu einem Europapokalanwärter geformt hat, entschloss, die Zusammenarbeit zu beenden. Beide dürfen ihre Teams noch in den Sommer bringen.

"Es geht heute darum, aus Überzeugung dann zu handeln, wenn es notwendig ist, und nicht mehr zu warten, bis es gar nicht mehr geht", sagt der Hertha-Funktionär, "wir haben nicht mehr daran geglaubt, mit Dárdai den nächsten Schritt gehen zu können."

Tedesco und Wagner als Kandidaten

Den will Hertha jetzt mit einem progressiven Trainer wagen, der zum proklamierten weltoffenen und modernen Image des Klubs passt. Als Vorbild gelten Julian Nagelsmann und Marco Rose, die in der kommenden Saison in Leipzig beziehungsweise Mönchengladbach arbeiten werden.

Tedesco könnte ins Profil passen, aber auch David Wagner, der Huddersfield Town in die Premier League geführt hatte. Trainerveteranen wie Labbadia und Hecking stehen dagegen nicht oben auf der Kandidatenliste. Als eine kleine, interne Lösung gilt der ehemalige Hertha-Profi und heutige U23-Trainer Ante Covic.

Wie die ganze Sache einmal enden würde, hat Pál Dárdai übrigens immer gewusst: Im Oktober 2015, als Hertha nach dem verhinderten Abstieg plötzlich die Liga aufmischte, sagte er: "Als Trainer läuft deine Zeit immer ab. Ich weiß genau: Nach jedem Sieg, den ich hole, habe ich noch sechs Wochen Zeit." Sechs Niederlagen in Serie und der Trainer ist weg, war das, was Dárdai meinte. Bei Hertha waren es für ihn am Ende nur fünf.



insgesamt 41 Beiträge
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CancunMM 16.04.2019
1.
wenn ich das wieder lese, dass irgendwelche Funktionäre dasauftreten von Dardai intern kritisieren.... An Euch Funktionäre: Ihr seid das Problem. Herr Gegenbauer und Preetz, die es seit Jahren nicht schaffen finanzkräftige Partner in der Hauptstadt der grössten Volkswirtschaft Europas zu finden. Tedi...lächerlich.Holt doch noch Wowereit und Mehdorn in die Führungsriege. Dann haben wir wenigstens Spass am Untergang. Dardai hat sicher auch Fehler gemacht, aber mit dem Kader würde wohl keiner erfolgreicher sein.
kaiservondeutschland 16.04.2019
2. Berlin ist nicht cool
Dem Autor muss ich widersprechen. Berlin ist nicht cool. Berlin nervt. Berlin ist ein Eldorado der Unfähigen und Größenwahnsinnigen. Das größte Problem Deutschlands ist es, dass seine Regierung in Berlin ansässig ist und sich an das niedrige Niveau anpasst.
vaikl 16.04.2019
3. "Nach jedem Sieg, den *ich* hole.."
Diese Egozentrik hat heute wirklich nichts mehr im Profifußball zu suchen - außer man heißt Ronaldo.
telarien 16.04.2019
4. Dardai war ein Guter
Die Hertha sollte ihm auf Knien danken, was er aus dem Kader rausgeholt hat. Preetz hat damals in der Relegation gegen Düsseldorf überdeutlich seinen Charakter gezeigt. Daher wünsche ich ihm Matthäus oder Labbadia als nächsten Trainer.
brotherandrew 16.04.2019
5. Pal ...
... Dardai hat das Optimum aus dem Team heraus geholt. Mehr ist nicht drin. Auch ein anderer Trainer wird mit diesen Spielern nicht mehr Erfolg haben. Und irgendwelche guten Transfers sind nicht zu erwarten. Die angekündigte Trainerentlassung ist daher Unsinn.
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