Aus für Wattenscheid 09 Die letzte Sohle

Die SG Wattenscheid 09 hat kapituliert - der Traditionsverein ist pleite und hat seine erste Mannschaft abgemeldet. 110 Jahre hat die SG bestanden, vier davon in der Bundesliga. Ein weiterer Traditionsverein ist am Ende.

Frank Hartmann, Souleyman Sané und Uwe Tschiskale: drei 09-Götter
imago Sportfotodienst

Frank Hartmann, Souleyman Sané und Uwe Tschiskale: drei 09-Götter

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Ich erinnere mich an Carlos Babington. Schon der Name war toll, aber das war es nicht allein. Ein argentinischer Nationalspieler Mitte der Siebzigerjahre in der Zweiten Bundesliga bei einem Ruhrgebietsverein, der bis dahin seine Jahre in der Unterklassigkeit gefristet hatte - das war viel mehr als ungewöhnlich, das war eine Sensation.

Natürlich steckte Klaus Steilmann dahinter, der Mann, ohne den sich bei der SG Wattenscheid 09 kein Grashalm bewegen durfte. Steilmann, Textilunternehmer, Selfmademan, Patriarch, einer von diesen Persönlichkeiten, die man charismatisch und anstrengend gleichermaßen nennen durfte. In keiner Steilmann-Story darf die Anekdote fehlen, dass sich der Unternehmer nach der Eingemeindung Wattenscheids nach Bochum 1972 weigerte, ein Auto mit Bochumer Autokennzeichen zu fahren und seinen Privatwagen daher lieber in Essen angemeldet hatte.

1958 hatte Steilmann sein Unternehmen in Wattenscheid gegründet, und so wie er seine Firma nach oben gebracht hatte zum größten Textilhandel Europas, so wollte er auch den Verein nach oben bringen. Nach ganz oben. Carlos Babington sollte dabei mithelfen.

Klaus Steilmann, der starke Mann an der Lohrheide
Team 2/ imago images

Klaus Steilmann, der starke Mann an der Lohrheide

Der Argentinier war für die zweite Liga viel zu groß, er schoss in seinen vier Wattenscheider Jahren fast 50 Tore, aber aus der 2. Liga konnte er die SG auch nicht herausführen. Wattenscheid, das war Ruhrgebiets-Graubrot. Ein Aschenputtel unter den Traditionsvereinen im Revier, hinter Schalke und dem BVB ohnehin, aber auch Rot-Weiss Essen, Rot-Weiß Oberhausen und natürlich der VfL Bochum machten weit mehr her. Der VfL Bochum war in der Bundesliga unabsteigbar, die SG krautete in der zweiten Liga herum. Das musste Steilmann wahnsinnig machen.

Und dann kam endlich die große Stunde: 1990 schaffte es die SG tatsächlich, den Aufstieg in die erste Liga, Hannes Bongartz war der Trainer, WDR-Radioreporter Jochen Hageleit konnte am Spielfeldrand in der Lohrheide große Dinge berichten. Im Mittelfeld wurden Frank Hartmann und der junge Thorsten Fink zu Helden, die Stürmer Uwe Tschiskale und Maurice Banach hatten mit ihren Toren den Traum von Klaus Steilmann wahr gemacht. Jetzt konnte es losgehen, und es gehört zu den Ironien der Bundesliga, dass die SG es gerade in der Zeit am besten hatte, als es mit der Firma Steilmanns abwärts zu gehen begann.

Marek Lesniak auf Torejagd
Liedel/ Kicker/ imago

Marek Lesniak auf Torejagd

Aber erst einmal schien noch alles gut zu sein. Im ersten Bundesligajahr wurde die SG stolzer Elfter, hatte nie was mit dem Abstiegskampf zu tun und schlug die Bayern 3:2. Was für ein Triumph, hatte doch Bayern-Manager Uli Hoeneß in seiner typischen Art den Aufstieg der Wattenscheider als "das Schlimmste, was der Bundesliga passieren kann", bezeichnet. Dem VfL Bochum hatte man auswärts ein 1:1 abgetrotzt, Souleyman Sané war der neue Star in der Lohrheide, später kam noch der schnauzbärtige Marek Lesniak hinzu, hinten räumte die Lauterer Gang um Hans-Werner Moser und Stefan Emmerling alles ab, was möglich war.

Vier Jahre hielt sich das Team in der ersten Liga, selbst dann noch, als Steilmann, der zwischenzeitlich seine Tochter Britta als Managerin im Verein installiert hatte, nicht mehr so üppig zuschießen konnte. Irgendwann war ihm das Geld komplett ausgegangen, und dann war es auch mit der Herrlichkeit der SG Wattenscheid vorbei. Im Grunde endgültig. Wie in einem Förderkorb beim Bergwerk ging es abwärts, dritte Sohle, vierte Sohle, sogar dorthin, wo es ganz finster ist und kein Tageslicht mehr hinkommt, bis hinunter in die sechste Liga.

Aufstiegstrainer Hannes Bongartz
Stuart Franklin Getty Images

Aufstiegstrainer Hannes Bongartz

Am Mittwoch hat der Klub die Notbremse gezogen und die 1. Mannschaft vom Spielbetrieb der Regionalliga West abgemeldet. Niemand hatte sich mehr bereitgefunden, als Sponsor für die SG einzuspringen. Im Jugendbereich soll es noch weitergehen, heißt es, auf den Nachwuchs sind sie so stolz, die Altintop-Brüder haben dort ihr Handwerk gelernt, auch der spätere VfL- und Hertha-Profi Yildiray Bastürk.

Der Journalist Christoph Biermann, der selbst aus dem Revier stammt, hat vor einigen Jahren ein berührendes Buch über den Ruhrgebietsfußball geschrieben. Ein Kapitel beschäftigt sich auch unter anderem mit Wattenscheid 09, es ist überschrieben "Lackschuh ohne Power - Traditionsvereine im Niedergang". Biermann beschreibt darin die verzweifelten Versuche in Wattenscheid, in Herne am Schloss Strünkede oder bei Schwarz-Weiß Essen am Uhlenkrug, den sterbenden Vereinen seiner Heimat wieder neues Leben einzuhauchen und fragt dabei: "Doch gibt es einen Moment, nach dem keine Umkehr mehr möglich ist? Ist es eines Tages einfach vorbei, und der Verein wird nie mehr zu alter Größe entstehen?"

Der Moment ist bei Wattenscheid 09 spätestens an diesem 23. Oktober 2019 erreicht. 110 Jahre nach seiner Gründung.



insgesamt 31 Beiträge
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nickmason 23.10.2019
1. Schade
Mir wird Wattenscheid vor allem wegen einem Umstand in Erinnerung bleiben: der Stadionwurst. Es gab eine Zeit, als ein Kumpel und ich in diversen Stadien der 3. Liga unterwegs waren und natürlich überall die angebotenen Würstchen probiert haben. Und die in der Lohrheide hat sich dabei als wahrer Spitzenreiter entpuppt, bei der einfach alles gepasst hat. Es war das einzige Stadion, wo wir beide zwei Würstchen gegessen haben. Mit Lachen haben wir kurze Zeit später festgestellt, dass wir mit diesem Urteil nicht alleine waren. In einem langen Interview mit dem Spiegel hat sich nämlich Jürgen Klopp ebenfalls als "Würstchentester" geoutet und die Wattenscheider Wurst gleichfalls zu seinem absoluten Favoriten erkoren. Diese Aussage hat er später mehrfach wiederholt, unter anderem bei einem langen Gespräch mit Arnd Zeigler.
erser 23.10.2019
2. Nachhilfe
Man hätte ruhig Nachhilfe nehmen können bei Hoffenheim oder Leipzig oder Salzburg.Da wird nachhaltig gut gewirtschaftet und tolle Jugendarbeit gemacht. Oder wollten die Traditionalisten das nicht? Sehr Schade, ich hätte gern so ein Sane wieder gesehen
anselmi 23.10.2019
3.
Zitat von erserMan hätte ruhig Nachhilfe nehmen können bei Hoffenheim oder Leipzig oder Salzburg.Da wird nachhaltig gut gewirtschaftet und tolle Jugendarbeit gemacht. Oder wollten die Traditionalisten das nicht? Sehr Schade, ich hätte gern so ein Sane wieder gesehen
Die Genannten haben Nachhilfe bei Wattenscheid genommen. Solange ein potenter Geldgeber da ist, spielt man oben. Sollte Red Bull irgendwann die Lust an Leipzig verlieren, gehen auch dort die Lichter aus. Hoffentlich bald.
rawi13 23.10.2019
4. @erser
Was für ein unsinniger Kommentar. Milliardenschwere Firmen die in der Provinz ein Fussballimperium gründen. Schon mal in Wattenscheid gewesen? Da hätten Hopp und Mateschitz nicht mal n Kegelverein am Leben halten können.
erser 23.10.2019
5. #3#4
Sie müssen schon genau lesen was ich schreibe: ich habe geschrieben, dass man hätte Nachhilfe nehmen können, heißt sich informieren und schauen was machen die anders und besser! Evonik engagiert sich in Dortmund, da ist es auch nicht viel schöner als in Wattenscheid
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