Weihnachtsmeister Bremen Gute Tipps aus Brasilien

Das letzte Spiel hatte nur wenig mit Zauberfußball zu tun. Doch nach dem 2:1 gegen Wolfsburg geht Bremen als Tabellenführer in die Winterpause. An der Weser basteln Trainer und Manager an der Mannschaft der Zukunft - viele Leistungsträger werden heftig umworben.

Von , Bremen


In den VIP-Räumen des Weserstadions hatten sie es ja vorher gewusst. "Weihnachtsmeister 2006" prangte auf den grünen T-Shirts mitsamt einem Weihnachtsbaum in Form der Werder-Raute. Stolz trugen betuchte Bremer Kaufleute in der Nacht zu Montag die unkonventionelle Kluft über ihren Hemden, was beim einen oder anderen irgendwie ein bisschen ulkig aussah. Doch schlimmer noch wäre gewesen, die Shirts hätten gar nicht ausgepackt werden müssen. So wie die roten Umhänge, die die Werder-Protagonisten als überglückliche Weihnachtsmänner in kurzen Hosen zuvor über den Rasen des Weserstadions getragen hatten.

Doch dank Naldos spätem Freistoßtreffer zum 2:1 gegen den VfL Wolfsburg ist alles noch einmal gut gegangenen – dessen sechster Saisontreffer war ein Schuss ins vorweihnachtliche Werder-Glück. "Ich bin überglücklich, das ist ein ganz spezieller Moment. Es war so ein tolles Jahr für Werder, meine Familie und mich", ließ sich der 24-Jährige übersetzen.

Heute fliegt der Brasilianer in seine Heimatstadt Londrina, wo er mit Lebensgefährtin Carla am 29. Dezember Hochzeit feiern wird. Der Abwehrspieler glaubt übrigens, die Urgewalt seiner Schüsse läge in seinen Genen begründet: "Ich kenne das Geheimnis nicht, doch auch meine Brüder und mein Onkel haben einen sehr harten Schuss. Ich nehme an, ich habe ihn geerbt."

"Wir haben einen Kader von besonderer Qualität zusammen", sagt Sportchef Klaus Allofs, "mit dem sich in der Rückrunde unsere Ziele verwirklichen lassen." Die Herbstmeisterschaft befeuert nun sehnsüchtig die Träume vom fünften Titel nach 1965, 1988, 1993 und 2004. Für Werders Wortführer Torsten Frings ist indes allein wichtig, "dass wir im Sommer die Schale in den Händen halten – drei Punkte Vorsprung vor den Bayern ist gar nichts."

Aber seine Kampfansage in Richtung Gelsenkirchen und München ist eindeutig: "Wenn wir unsere Leistung abrufen, kann uns keiner stoppen." Wie selbstbewusst die Bremer mittlerweile sind, verdeutlicht die Tatsache, dass noch in der Kabine die Rede von "Naldos Meistertor" war. Allofs: "Es ist eine Qualität in dieser Saison, dass wir aus den Standards mehr machen." Und es ist eine besondere Qualität, auf Spieler wie Naldo aufmerksam zu werden. "Wir haben damals einen guten Tipp aus Brasilien bekommen", sagt Allofs.

Einen von fast einem Dutzend Transfers der vergangenen zwei Jahre, die als Volltreffer zu bezeichnen sind. Vielleicht ist das auch das Besondere der sechsten Herbstmeisterschaft der Bremer: Von der Formation, die gestern "mit einem harten Stück Arbeit" (Werder-Trainer Thomas Schaaf) den VfL Wolfsburg niederrang, zählte allein Ivan Klasnic beim letzten Titelgewinn 2004 zur Startelf. Seitdem hat Werder viele Leistungsträger verloren – und ist doch mit fast jedem Transfer oder Spielertausch nur noch stärker geworden.

"Die derzeitige Mannschaft ist besser als die von 2004", glaubt nicht nur Clubboss Jürgen L. Born. Die Vereinspolitik zeige: Auch alternative Wege führen zum Ziel. Doch auf ewig will sich Werder nicht darauf verlassen. Deshalb hat bei der Geschäftsführung der Stadionausbau im neuen Jahr oberste Priorität. "Wir müssen unsere Einnahmesituation verbessern", betont Born. Das Weserstadion soll erst in eine reine Fußball-Arena mit mehr als 50.000 Plätzen umgebaut und dann umbenannt werden. Avisierte Fertigstellung: der EM-Sommer 2008.

Doch den Plänen könnten die Anwohner im Areal am Osterdeich noch einen Strich durch die Rechnung machen. Ungeachtet dessen treibt Allofs den sportlichen Umbau weiter voran: Als eine der nächsten Verstärkungen ist der Aachener Stürmer Jan Schlaudraff im Visier. Um ihn buhlen auch die Bayern – "sie können das beste Angebot machen", sagt Allofs, "aber es gibt ja auch noch ein paar andere Argumente."

Neben dem Wohlfühlfaktor auch die Entwicklungsperspektive – in kaum einem anderen Club steigern die Profis ihren persönlichen Marktwert so sehr wie bei Werder. Sichtbar am Beispiel Miroslav Klose. 2004 für fünf Millionen Euro aus Kaiserslautern gekommen, heute für das Fünf- bis Sechsfache gehandelt. Werder hat für ihn ein hoch dotiertes Paket im Umfang von mehr als 20 Millionen Euro geschnürt (Bonuszahlung inklusive Vier-Jahres-Vertrag). "Es gibt gute Gründe, dass Miro über das Saisonende hinaus bei uns bleibt", glaubt Allofs.

Auch Akteure wie Torsten Frings oder Naldo sind jüngst mit Interessenten aus Europa, vornehmlich Italien, in Verbindung gebracht worden. Allofs bleibt indes gelassen: Da zucke er nicht mal mit der Augenbraue. So erfolgreich Werders Fußball-Jahr auch verlief – es ging, sagte Trainer Schaaf, auch auf Kosten der Gesundheit: "Unsere Spieler sind 2006 an ihre Grenzen gegangen – und teilweise auch darüber." Es sei dringend notwendig, dass sich alle Gedanken machen, die für die Terminierung verantwortlich sind.

Seine Spieler entließ der Trainer direkt mit Spielschluss in den Winterurlaub – erst am 4. Januar ist wieder Dienstbeginn an der Weser, vom 6. Januar an bereitet sich das Team wie gewohnt im türkischen Belek auf die zweite Halbserie vor. Bis dahin ist der Akku wieder aufzuladen. Schaaf: "Wir brauchen die Pause dringend. Die Spieler sollen bis dahin nicht nur im Bett liegen, aber sie dürfen jetzt mal ruhig an andere Dinge als Fußball denken. Das haben wir uns verdient."



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