SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. November 2006, 16:20 Uhr

Weltmeister Grosso

Deutschlands Alptraum

Von Vincenzo Delle Donne

Er ist der italienische Kicker, der Deutschland mit seinem Halbfinaltreffer bei der WM das Happy End verdarb. Bis zu diesem Zeitpunkt war Fabio Grosso ein No Name, der eine Odyssee durchlitt. Inzwischen hat der Weltmeister auch im Verein seinen Platz gefunden.

Ein samtweicher Schlenzer machte Fabio Grosso bei den Tifosi über Nacht zur lebenden Legende. Die Szene spielt sich noch nach Monaten wie in Zeitlupe vor seinem inneren Auge ab. Es ist der 4. Juli: In der 117. Minute der Verlängerung des Halbfinales gegen Deutschland passt Mittelfeldregisseur Andrea Pirlo ansatzlos von der Strafraumgrenze zwischen zwei deutschen Abwehrspielern hindurch auf Grosso. Der offensive Abwehrspieler stürmt von halbrechts in den Strafraum, nimmt den Ball mit seinem linken Fuß an und zirkelt diesen unhaltbar in die rechte Ecke des von Jens Lehmann gehüteten deutschen Tores.

Der Treffer begräbt jäh die deutschen WM-Hoffnungen. In Ekstase taumelt Grosso anschließend vor Freude auf dem Grün des Westfalenstadions. Wenn man ihn auf diese Szene anspricht, dann strahlen seine Augen. Noch berühmter machte ihn eine weitere Szene ein Spiel später: Im Finale gegen Frankreich verwandelte Grosso souverän den letzten und entscheidenden Elfmeter zum WM-Sieg. Dabei hatte er seit fünf Jahren keinen Elfer mehr in einem Pflichtspiel geschossen. Grosso ist das Aschenputtel des italienischen Fußballs – ohne Allüren und Capricen. "Einer mit inneren Werten, der zudem die Gabe besitzt, zu leiden", wie sein Jugendtrainer Cetteo Di Mascio betont, der ihn in Pescara entdeckte.

Auf den ersten Blick wirkt Grosso etwas schüchtern, schlaksig und unbeholfen. Es kostete viel Mühe, um das zu erreichen, wovon er träumte. Das Talent schimmerte schon früh auf, doch erst mit 29 Jahren ist er da, wohin andere Kollegen schon in jungen Jahren katapultiert werden. Das stört ihn nicht, im Gegenteil. Grosso ist dankbar für das, was er erreicht hat. "Vielleicht", bekennt er freimütig, "genieße ich diesen Triumph umso mehr, nach all der harten Arbeit." Er ist jetzt ganz oben angekommen. Er ist ein Idol für die Tifosi.

Inter-Star Grosso: Dynamischer Auftritt
REUTERS

Inter-Star Grosso: Dynamischer Auftritt

"Es dauert zu lange, all meine Stationen als Fußballer Revue passieren zu lassen", sagt Grosso, zu turbulent und voller Rückschläge sei sein Weg in den Profifußball gewesen. Der gebürtige Römer wuchs in Pescara auf, wo seine Eltern als Postangestellte arbeiteten. 1994 spielte er in der Bezirksliga, im Sommer 1998 wechselte er dann nach Chieti, wo er drei Jahre lang in der vierten Liga spielte. Nebenher studierte er Politikwissenschaften, erwarb lediglich drei magere Scheine.

Studium und Training ließen sich nur schlecht miteinander vereinbaren. Er war fast 24, als er Chieti Richtung Perugia verließ. Seine Profikarriere hatte er schon fast abgeschrieben. In Umbrien kam der ersehnte Karrieresprung, dank seines Mentors Serse Cosmi. Der damalige Trainer vom AC Perugia entdeckte, dass Grosso das Zeug hatte, in der Serie A zu bestehen. Er war es auch, der aus dem schnellen Regisseur den Linksverteidiger mit unnachahmlichem Offensivdrang machte. Auf dieser Position gab er bei Perugia sein Debüt in der Serie A. Bitter: Schon damals zeichnete sich der finanzielle Bankrott des Clubs ab.

Im Januar 2004 wechselte Grosso zum US Palermo – in die zweite Liga. Er sah keine andere Möglichkeit mehr, obwohl er wusste, dass er dadurch die Karriere in der Squadra Azzurra aufs Spiel setzen würde. "Es war eine sehr schwierige Entscheidung, nach Palermo zu gehen", sagt er heute. Im Nachhinein erwies sich jedoch als Glücksfall. Auf Sizilien spielte er sich ins Rampenlicht. Der Club schaffte es prompt in die erste Liga, und zusammen mit Torjäger Luca Toni stieg Grosso kometenhaft auf.

Inzwischen ist Grosso bei Inter Mailand gelandet und gewissermaßen das gute Gesicht des hässlichen Calcio. Sein jubelndes Konterfei, das ihn während der WM in Deutschland berühmt machte, lenkt ein bisschen vom skandalgebeutelten italienischen Fußball ab und lässt auch die Nachrichten um die Abhöraffäre von Inter-Mailand-Eigner Massimo Moratti etwas vergessen.

Doch trotz des Erfolges - Inter ist Spitzenreiter der Serie A - blieb Grosso bislang hinter den Erwartungen zurück und fand kaum Anschluss an seine blendende WM-Form. Grossos Verhältnis zu Inter-Trainer Roberto Mancini ist derzeit ohnehin spannungsgeladen. Der Coach will den Offensivdrang seines Stars zügeln. Grosso, mit einem Nettojahressalär von rund fünf Millionen Euro einer der Großverdiener im Mailänder Starensemble, ist anderer Ansicht und zeigt es offen. Als er gegen Cagliari den 1:1-Ausgleichstreffer erzielte und eine blamable Niederlage abwendete, machte er eine Geste des Missmutes in Richtung des Trainers. Sein Markenzeichen ist einfach die offensive Energie. Ihn treibt es immer nach vorne.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung