Weltmeister Italien Spielverderber ohne Giftzwerg

Zuversicht bei den wiedererstarkten Italienern: Trotz Personalsorgen kündigt die Squadra Azzurra Gegner Spanien ein unangenehmes Spiel für das Viertelfinale am Sonntag an. Die Ausfälle der gesperrten Chefstrategen Andrea Pirlo und Gennaro Gattuso werden schlicht ignoriert.

Aus Oberwaltersdorf berichtet


Roberto Donadoni gehört offenbar auch längst zur Gattung jener Fußballlehrer, denen auf dem Golfplatz die besten Gedanken kommen. Sonst würde der arg in die Kritik geratene Teamchef der italienischen Nationalelf nicht jede Möglichkeit nutzen, den Fontana-Golf-Club in Oberwaltersdorf aufzusuchen. Hier auf den sonnenüberfluteten Greens vor den Toren von Wien scheint noch "dolce vita" möglich. Dem Tross der Berichterstatter, die sich in einer umfunktionierten Bettfedernfabrik des Ortes, dem sogenannten "Casa Azzurri" versammelt haben, entging jedoch nicht, dass Donadoni beim Abschlag einen besonderen Schläger benutzte, auf dem die rot-gelb-rote Flagge der Spanier prangte. Da bietet es sich natürlich eine naheliegende Interpretation dieses Bildes an: "Wir hauen die Spanier weg."

Plötzlich sind auch an einem Wochenende in Wien erstmals eine Vielzahl Autos zu sehen, an denen die italienische Flagge steckt; 30.000 Tifosi haben sich bereits in die österreichische Hauptstadt aufgemacht, um Stephansdom und Fanzone in Beschlag zu nehmen. Ganz Italien zeigt wieder Zuversicht, seit Vizeweltmeister Frankreich mit den altbekannten Methoden besiegt wurde: höchste Effektivität, größtmöglichste Disziplin.

"Ich habe keinen Zweifel daran, dass wir bei diesem Turnier jede Mannschaft schlagen können", sagte Donadoni, der seinen bis 2010 laufenden Vertrag wohl nur im Falle des Weiterkommens erfüllen darf. "So wie wir Frankreich einen Schlag versetzt haben, werden wir es auch mit Spanien machen. Wir werden ihre Schwächen in der Defensive ausnutzen." Andererseits schränkt er auch ein: "Spanien kann einem das Leben sehr schwer machen. Sie haben eine spielstarke Mannschaft. Wir sind gewarnt."

Gesperrter Gattuso: "Wir wollen ins Finale"

Ähnliches hat der 44-Jährige gestern auch noch im Ernst-Happel-Stadion wiederholt, wohin es der Weltmeister erstmals nicht weit hat: Das feudale Schlosshotel Weikersdorf in Baden bei Wien war nämlich bislang für Italiens Mannschaft ähnlich ungünstig gelegen wie das deutsche Quartier in Tenero – ohne Charterflieger ging zu den Spielen in der Schweiz gar nichts. Nun genügt knapp eine halbe Stunde Busfahrt – und das soll möglichst noch zweimal der Fall sein.

"Das Teamhotel wurde genau richtig ausgewählt: Jetzt haben wir es nicht weit ins Final-Stadion", sagt Torwart Gianluigi Buffon. "Wir wollen ins Finale, wir haben noch viel vor", ergänzt Gennaro Gattuso. Dummerweise wird der 30-jährige Giftzwerg, den der FC Bayern vergeblich umgarnte, heute gegen die Spanier mit Gelb-Sperre ebenso fehlen wie Andrea Pirlo, 29.

Mit den Chefstrategen vom AC Mailand würden nun das Herz und Hirn dieser Mannschaft fehlen. Sagen die einen. Andere wiederum beteuern, das Fehlen der nicht mehr so formstabilen Recken sei auch eine mögliche Form der Erneuerung. Denn die kongenialen Konstanten im Aufbau- und Passspiel waren beide bei diesem Turnier noch nicht, vor allem an Gattuso scheint bereits der Zahn der Zeit zu nagen.

Insofern muss es kein Nachteil sein, wenn plötzlich das Mittelfeld unter jüngere römische Herrschaft gestellt wird. Daniele de Rossi, 24, und Alberto Aquilani, 23, beide vom AS Rom, könnten mit dem erfahreneren Milan-Mann Massimo Ambrosini, 30, ab- und aufräumen. Möglicherweise rückt aber auch Simone Perrotta, ebenfalls Roma-Profi, in die Anfangself. Solch ein Triumvirat wäre bestens dazu geeignet, den Spaniern den Spaß am Spiel zu verderben. Nicht umsonst hat Gattuso bereits angekündigt: "Für uns spricht der Kampfgeist: Den Spaniern fehlen Typen, wie de Rossi, Pirlo oder ich es sind. Es wird ein richtig unangenehmes Spiel."

Gerade der gegen Rumänien in die Zentrale gerückte de Rossi überzeugte. Er war ständig in der zentralen Zone präsent und verlieh - ähnlich wie der eingebürgerte Brasilianer Marcos Senna bei den Spaniern – der italienischen Mannschaft noch die gegen die Niederlande so vermisste Stabilität in der Defensive. Und entlastete damit entscheidend die eigene Innenverteidigung. Zumal Kapitän und Abwehrchef Fabio Cannavaro zwar ständig bei seinen Mitspielern ist und eigens in einem zur Kraftkammer umfunktionierten Zelt hinter dem Südstadt-Stadion trainiert, aber nur verbal helfen kann. "Wir wollen den Cup holen. Wir können jedes Team schlagen", verkündete Cannavaro, wohl wissend, dass sein Fehlen aufgrund eines Bänderrisses für eine Lücke gesorgt hat.

Da sich der Wolfsburger Neueinkauf Andrea Barzagli auch noch am Knie verletzt hat, stellt sich die Abwehrzentrale fast von selbst auf: Christian Panucci, 35, und Giorgio Chiellini, 23, sollen es im Verbund richten. Klar, dass diese nicht sonderlich eingespielte Formation eigentlich gegen die spanischen Top-Stürmer vom Kaliber David Villa und Fernando Torres ein Sicherheitsrisiko darstellt, aber ein Haudegen wie Panucci verspricht sich viel von einer einfachen italienischen Zerstörungstaktik: "Die Spanier mögen ja gerne mit dem Ball spielen – wir werden ihn uns erobern und sie ärgern. Sie mögen ja auch besser geworden sein, aber gegen große Teams leiden sie immer."

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