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18. Juni 2014, 23:57 Uhr

WM-Aus für Spanien

Der Weltmeister dankt ab

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Aus schon nach dem zweiten Gruppenspiel - was für eine Sensation! Spanien ist nach drei Titeln in Folge kläglich gescheitert. Das Team von Del Bosque hatte beim 0:2 gegen Chile keine Chance. Alles Wichtige zum Scheitern des Weltmeisters.

Ausgangslage: Der Weltmeister Spanien vor dem Aus! Durch den vorangegangenen Sieg der Niederländer gegen Australien stand der Titelverteidiger extrem unter Druck. Eine Niederlage gegen Chile, und die K.o.-Runde wäre schon nach dem zweiten Gruppenspiel verspielt. Eine so bedeutende Partie brauchte natürlich eine große Bühne. Und was wäre da besser geeignet als das Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro.

Ergebnis: 2:0 (2:0) für Chile . Die unfassbare Konsequenz, ausnahmsweise in Versalien: DER AMTIERENDE WELT- UND EUROPAMEISTER SPANIEN IST AUSGESCHIEDEN! Eduardo Vargas (20. Minute) und Charles Aranguiz (43.) sorgten für die Tore und damit für die Sensation.

Aufreger vor dem Spiel: 85 chilenische Fans hatten vor dem Anpfiff das Pressezentrum gestürmt und sich Jagdszenen mit den Sicherheitskräften geliefert. Dabei wurden Schränke, Trennwände und eine Glastür zerstört. Unsere Reporterin Sara Peschke war mittendrin im Chaos, ihre Eindrücke hat sie getwittert.

Déjà-vu: Spanien unter Druck - und nur ein Sieg gegen Chile kann sie retten. Gab es das nicht schon einmal? Richtig! Bei der WM 2010 bezwangen die Iberer die Südamerikaner im dritten Gruppenspiel 2:1 und erreichten so das Achtelfinale. Und wurden dann auch Weltmeister. Diesmal kam es anders.

Analogie des Spiels: Bereits vor dem Anpfiff war eine andere spanische Ära zu Ende gegangen: König Juan Carlos hatte seine Abdankungsurkunde unterzeichnet - nach 39 Jahren im Amt. Ab Donnerstag regiert dann sein Sohn Felipe. Wer regiert künftig den spanischen Fußball?

Bankdrücker des Spiels: Xavier Hernández i Creus, besser bekannt als Xavi, war von Nationaltrainer Vicente del Bosque nach der Pleite gegen die Niederlande auf die Bank verbannt worden. Ein seltenes Bild, das ihm wohl selbst am wenigsten gefallen haben dürfte.

Erste Hälfte: Keine Minute war gespielt, da hätte Chile schon fast geführt. Erst lenkte Xabi Alonso einen Schuss noch zur Ecke, dann setzte Gonzalo Jara einen Kopfball knapp neben das gegnerische Tor. Was für ein Start! Spanien war geschockt, hatte aber durch Alonso in der 15. Minute die erste eigene Großchance - die er vergab. Stattdessen war es Eduardo Vargas, der im Rückwärtsfallen zur Führung für Chile traf. Und es kam noch schlimmer für Spanien: Charles Aranguiz erhöhte, nachdem Casillas einen Freistoß unglücklich in die Mitte abgewehrt hatte.

Zweite Hälfte: Würde es nochmal eine Aufholjagd geben? Es fing gut an: Nach einem tollen Pass von Iniesta stand Diego Costa frei vor dem chilenischen Tor, sein Schuss wurde aber noch zur Ecke abgelenkt. Chile hätte bald darauf alles klar machen können, doch zunächst scheiterte Vargas an Casillas (70.), dann drosch Mauricio Isla den Ball aus kurzer Distanz über das Tor (71.). Und Spanien? Zweimal Santi Cazorla (81./89.) und einmal Andrès Iniesta (84.) versuchten es noch mal - erfolglos.

Symptomatische Szene des Spiels: In der 53. Minute setzte der ansonsten erfolglose Angreifer Diego Costa zum Fallrückzieher an, der akrobatische Versuch wurde zur Flanke. Sergio Busquets lauerte am linken Pfosten und musste den Ball nur noch über die Linie drücken. Doch von seinem Schienbein sprang er deutlich neben das Tor.

Frustschieber des Spiels: Xabi Alonso. Der Mittelfeldspieler verlor vor dem 0:1 den Ball, vergab zwei gute Chancen zum Ausgleich und sah noch vor der Pause für ein rüdes Foul die Gelbe Karte. Auch den Freistoß vor dem 2:0 hatte er verursacht. Da wird es ihn sicher nicht trösten, dass er in der ersten Minute einen frühen Gegentreffer verhindert hatte. Zumal er zur Halbzeit gegen Koke ausgewechselt wurde.

Fehlgriff des Spiels: Iker Casillas. Der spanische Torhüter hatte schon im Auftaktspiel gegen die Niederlande einen schwachen Auftritt, auch gegen Chile patzte er, als er einen Freistoß in die Mitte abprallen ließ und Aranguiz so das 2:0 ermöglichte.

Statistik des Spiels: Der Weltmeister scheitert in der Vorrunde - eine Sensation? Ja! Aber auch eine Seltenheit? Eher nicht: Spanien ist bereits der fünfte Titelträger, den das vorzeitige Aus ereilt. Italien (2010), Frankreich (2002), Brasilien (1966) und Italien (1950) haben das auch schon erlebt. Ob das ein Trost ist?

Zitat des Spiels: "Ich kann die Fans nur um Entschuldigung bitten", sagte Torhüter Casillas nach dem Spiel: "Wir sind selbst dafür verantwortlich."

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