Weltmeisterschaft in Südafrika Wie Deutschland sein WM-Wissen exportiert

Architekten, Fanbetreuer, Sicherheitsberater: Bei den Vorbereitungen für die WM 2010 in Südafrika bringen deutsche Experten ihr Knowhow ein. Ganz vorne mit dabei ist Horst R. Schmidt. Aus gutem Grund, denn der DFB-Schatzmeister hat schon das Turnier in Deutschland organisiert.

Von Ronny Blaschke, Johannesburg


Ein Bürokomplex im Herzen Johannesburgs. Sirenen, Hupen, ein Presslufthammer dröhnt: Ohne Pause dringt der Lärm der Stadt in das Büro von Horst R. Schmidt, morgens und abends treffen sich unter seinem Fenster Hunderte Taxen und Busse, sie pumpen die Menschen durch den zähen Berufsverkehr. Und was sagt Schmidt zu dem Verkehrschaos? "Damit habe ich überhaupt kein Problem", gibt sich der langjährige Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes, seit 2007 Schatzmeister, gelassen.

Fifa-Berater Schmidt: "Würde auch ohne die Deutschen gehen"
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Fifa-Berater Schmidt: "Würde auch ohne die Deutschen gehen"

Schmidt hat die Entwicklung vieler globaler Sportereignisse erlebt, er hat sie sogar gestaltet. Olympia 1972 in München, die Fußball-Weltmeisterschaften 1974 und 2006 in Deutschland. Er wirkte stets als Organisator im Hintergrund, Schmidt knüpfte Netzwerke, schuf Strukturen.

Er hätte längst in den Ruhestand gehen können, bald wird er 68. Doch nun steht Schmidt vielleicht vor der wichtigsten Aufgabe seiner Laufbahn. Seit fast drei Jahren pendelt er zwischen Frankfurt und Johannesburg, acht Tage im Monat verbringt er am Kap.

Südafrika ist in diesen Tagen Gastgeber des Confederations Cup, und im kommenden Jahr findet dort die WM 2010 statt. Die Durchführung ist international geprägt, sie liegt auch in der Verantwortung deutscher Partner - wie eben Schmidt.

Als er im September 2006 ein Angebot aus Südafrika erhielt, hätte es der Netzwerker nie für möglich gehalten, dass sich sein Leben komplett ändern würde. "Es hat sich eine sehr intensive Beziehung entwickelt", berichtet Schmidt. "Unsere Verantwortung gegenüber den Gastgebern ist groß." Dabei spricht er in einem moderaten Ton, er definiert sich nicht als Entwicklungshelfer oder als Sanierer in einer Problemzone. Diese Bezeichnungen würden die Deutschen als gönnerhafte Besserwisser dastehen lassen.

Schmidt möchte sich nicht aufdrängen. "Es würde natürlich auch ohne die Deutschen gehen", glaubt der Berater des Weltfußballverbandes Fifa. Durch diese Haltung genießt er hohe Akzeptanz. Viele Südafrikaner denken mit Zorn an die Abstimmungsniederlage im Juli 2000 zurück, als Deutschland den Zuschlag für die WM 2006 erhielt. Einfach waren die Beziehungen zu Südafrika danach nicht.

Eine Skepsis gegenüber den Deutschen gibt es immer noch. "Wir merken schon, dass Südafrika unsere WM unbedingt übertreffen will", sagt ein deutscher Berater des Pressestabs. "Alles muss größer, höher, weiter gehen." Unabhängig davon, ob die Anstrengungen und Kosten gerechtfertigt seien oder nicht. "Oft haben wir aufreibende Versammlungen, nach denen sowieso alles wieder umgeworfen wird. Alles passiert kurz vor knapp." Es scheint seine Zeit zu dauern, ehe zwei Mentalitäten einen gemeinsamen Weg finden.

Mittlerweile hat sich die Mitarbeit aus Europa jedoch weitgehend etabliert. Schmidt übermittelte viele Erkenntnisse der WM 2006 nach Südafrika, Tausende Akten, Broschüren, Dateien, Einsichten in Ticketvertrieb oder Kommunikation. Er vermittelte Experten wie Helmut Spahn an das Organisationskomitee. Der Sicherheitschef des DFB hielt in Südafrika Vorträge vor Polizisten und Veranstaltern.

Ab Herbst werden deutsche Fanbetreuer ihr weltweit bewährtes Konzept vorstellen, über Aufenthalt und Reiseverhalten von großen, europäischen Fangruppen. Sollte sich zum Beispiel England für die WM qualifizieren, erwartet Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt, mindestens 20.000 Anhänger von der Insel. "Ein Turnier auf einem anderen Kontinent mit fremder Fankultur erfordert große Aufmerksamkeit", sagt Gabriel. Das gilt auch auf anderen Ebenen. Zum Beispiel für das Hamburger Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner, das an den Stadionbauten in Kapstadt, Durban und Port Elizabeth mitwirkt. Oder für die Entwicklungsgesellschaft InWent. Sie schickte Experten von Feuerwehr, Katastrophenschutz, Medizin. Die Konrad-Adenauer-Stiftung leitete Initiativen gegen Umweltverschmutzung ein. Die deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit war an der Planung des Schnellbussystems in Johannesburg beteiligt.

"Weitere Initiativen folgen", sagt Schmidt. Betreut werden auch Projekte in der Hauptstadt Pretoria, unter dem Dach des deutschen Botschafters Dieter W. Haller. "Wir wollen einen Beitrag leisten, dass die WM in Südafrika ein so großer Erfolg wie in Deutschland wird", sagt Haller. "Wir wollen mithelfen, dass nach der WM etwas zurückbleibt und das Land einen Entwicklungssprung macht." Insgesamt liegen die Investitionskosten von Bund, Ländern und Kommunen bei mehr als zwanzig Millionen Euro.

Hinzu kommen private Förderungen. So unterstützt eine Bankengruppe den Bau von Bolzplätzen. Sportlich hilft auch Michael Nees. Der Trainer, seit Jahren in Afrika, soll im südafrikanischen Verband Safa die Ausbildung koordinieren. Holger Osieck, während der WM 1990 Assistent des deutschen Nationaltrainers Franz Beckenbauer, gehört der technischen Kommission der Fifa an. In seinen Aufgabenbereich fällt die Spielbeobachtung des Confederations Cup.

Das sei erst der Anfang, glaubt Schmidt. Er ist sich sicher, dass die meisten Projekte nach der WM Bestand haben werden. Vor seinem Engagement war er selten in Afrika zu Besuch, nun fühlt er sich in seinem beruflichen Auswärtsspiel fast ein wenig heimisch. Es stört ihn nicht mehr, wenn Konferenzen kurz vor Beginn verschoben werden.

"Gelassenheit ist wichtig", sagt Schmidt. "Vorratsentscheidungen gibt es in Südafrika nicht. Alles wird zeitnah beschlossen." Sollte der Confederations Cup ohne Probleme ablaufen, könnte Schmidt dennoch bald kürzer treten. Er hat seine Wohnung in Johannesburg aufgegeben und ist wieder ins Hotel gezogen, dort fällt der Strom nicht so oft aus. Früher hätte er sich darüber geärgert, heute nicht mehr.



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Frosty127 13.06.2009
1.
Zitat von sysopAm Sonntag startet mit dem Confederations-Cup in Südafrika die Generalprobe für die Weltmeisterschaft 2010. Was denken Sie - ist das Land bereit für das größte Sportereignis der Welt?
Ich denke, die Südafrikaner werden das Kind schon schaukeln. Aber hinsichtlich der extrem hohen Kriminalitätsrate muss noch dringend etwas getan werden. Niemand möchte Angst haben, auf dem Weg zum Stadion ausgeraubt zu werden. Wie damals die deutsche Delegation bei der Auslosung der WM-Gruppen, denen ein Koffer entwedet wurde.
Schwabenpower 13.06.2009
2.
Zitat von Frosty127Ich denke, die Südafrikaner werden das Kind schon schaukeln. Aber hinsichtlich der extrem hohen Kriminalitätsrate muss noch dringend etwas getan werden. Niemand möchte Angst haben, auf dem Weg zum Stadion ausgeraubt zu werden. Wie damals die deutsche Delegation bei der Auslosung der WM-Gruppen, denen ein Koffer entwedet wurde.
Ach komm schon. Ich glaube, wegen ein paar Taschendieben geht der FIFA nicht der Hintern auf Grundeis. Da gehts schon mehr um richtige Straftaten, die Leib und Wohl der Stadiongänger gefährden. "Ein Koffer entwendet", haha, das ist mir sogar schon auf dem adretten Flughafen Charles de Gaulle passiert. Frankreich = Südafrika?
Frosty127 13.06.2009
3.
Zitat von SchwabenpowerAch komm schon. Ich glaube, wegen ein paar Taschendieben geht der FIFA nicht der Hintern auf Grundeis. Da gehts schon mehr um richtige Straftaten, die Leib und Wohl der Stadiongänger gefährden. "Ein Koffer entwendet", haha, das ist mir sogar schon auf dem adretten Flughafen Charles de Gaulle passiert. Frankreich = Südafrika?
Gut, da habe ich wohl das falsche Beispiel angeführt. Aber trotzdem ist so was für den Betroffenen immer ein extremes Ärgernis. Aber in dem gleichen Zeitraum geschah auch ein Mord an einem Österreicher. http://www.southafrika2010.de/suedafrika/wm-auslosung-diebe-und-ein-mord/
john mcclane, 13.06.2009
4. Na ja
Zitat von SchwabenpowerAch komm schon. Ich glaube, wegen ein paar Taschendieben geht der FIFA nicht der Hintern auf Grundeis. Da gehts schon mehr um richtige Straftaten, die Leib und Wohl der Stadiongänger gefährden. "Ein Koffer entwendet", haha, das ist mir sogar schon auf dem adretten Flughafen Charles de Gaulle passiert. Frankreich = Südafrika?
Also, Taschendiebe sind wohl das kleinste Problem. Aber die 50 Morde und 150 Vergewaltigungen am Tag, die werfen doch die Frage auf, ob Südafrika als Ausrichterland vollauf geeignet ist, um es mal moderat auszudrücken. Für mich ist das sehr schade, da ich noch nie eine WM live vor Ort genießen konnte, von ein wenig Atmosphäre aufsaugen vor vier Jahren mal abgesehen. Können wir uns beim Blatter Sepp bedanken das der dem afrikanischen Kontinent ne WM versprechen mußte. Für 2016 in Brasilien sieht es leider ähnlich mies aus, dank der kurzzeitigen Einführung des Rotationssystems zwischen allen Kontinenten. Sprechen sich die größten Verbände einfach mal schnell ab, und schon hat man die WM in nem Schwellenland... Einzig positiver Aspekt sind die günstigen Zeiten für Fernsehzuschauer aufgrund der geringen Zeitverschiebung, aber selbst das können wir uns bei Brasilien in der Pfeife rauchen...
derpolokolop 13.06.2009
5.
Zitat von john mcclaneAlso, Taschendiebe sind wohl das kleinste Problem. Aber die 50 Morde und 150 Vergewaltigungen am Tag, die werfen doch die Frage auf, ob Südafrika als Ausrichterland vollauf geeignet ist, um es mal moderat auszudrücken. Für mich ist das sehr schade, da ich noch nie eine WM live vor Ort genießen konnte, von ein wenig Atmosphäre aufsaugen vor vier Jahren mal abgesehen. Können wir uns beim Blatter Sepp bedanken das der dem afrikanischen Kontinent ne WM versprechen mußte. Für 2016 in Brasilien sieht es leider ähnlich mies aus, dank der kurzzeitigen Einführung des Rotationssystems zwischen allen Kontinenten. Sprechen sich die größten Verbände einfach mal schnell ab, und schon hat man die WM in nem Schwellenland... Einzig positiver Aspekt sind die günstigen Zeiten für Fernsehzuschauer aufgrund der geringen Zeitverschiebung, aber selbst das können wir uns bei Brasilien in der Pfeife rauchen...
Bin begeistert. Können wir, müssen wir aber nicht. Er ist garantiert schon reichlich bedankt worden!
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