Weltpokal Antriebssuche vor dem Prestigeduell

25 Jahre nach dem Titelgewinn gegen Cruzeiro Belo Horizonte greift Bayern München wieder nach dem Fußball-Weltpokal. Für Gegner Boca Juniors ist das Finale in Tokio mehr als nur ein Pflichttermin.


Giovane Elber beim Abschlusstraining in Tokio: "In Südamerika redet man ein ganzes Jahr über das Spiel"
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Giovane Elber beim Abschlusstraining in Tokio: "In Südamerika redet man ein ganzes Jahr über das Spiel"

Tokio - Im fernen Tokio soll für den derzeit verunsicherten deutschen Fußball-Meister Bayern München die Rückkehr zum Guten eingeleitet werden. Im Weltpokal-Finale treffen die Münchner am Dienstag (11.13 Uhr MEZ/live SPIEGEL-ONLINE-Ticker) auf Boca Juniors Buenos Aires. Der Sieger dieses Endspiels darf sich anschließend mit dem Titel schmücken, die beste Vereinsmannschaft der Welt zu sein. 1997 gewann Borussia Dortmund zuletzt diesen Titel.

"Der Zeitpunkt ist für uns gar nicht so schlecht. Jeder weiß, was auf dem Spiel steht, und die Mannschaft braucht ein Erfolgserlebnis. Es kann sein, dass uns ein Sieg gegen den Südamerika-Meister und Titelverteidiger den entscheidenden Schub gibt", sagte Trainer Ottmar Hitzfeld nach der Ankunft am Flughafen Narita am Montagnachmittag.

"Die Burschen müssen sich richtig anstrengen"


Nach zuletzt drei Pflichtspielen ohne Sieg und mit nur einem Tor hat der FC Bayern die eigenen Erwartungen nicht annähernd erfüllen können. Dennoch soll nun zum zweiten Mal nach 1976, als Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß noch auf dem Spielfeld standen, der prestigeträchtige Titel her. "Es ist genau 25 Jahre her, dass der FC Bayern den Weltpokal geholt hat. Wir wollen diesen Pott unbedingt haben. Die Burschen müssen sich richtig anstrengen", fordert "Kaiser Franz".

Genau das versprach Nationalkeeper Oliver Kahn. "Dieser Titel besitzt viel Prestige. Wenn wir gewinnen, haben wir das Recht, uns als beste Mannschaft der Welt zu bezeichnen", so Kahn, der nach der deutschen Meisterschaft und dem Triumph in der Champions League das "Triple" in 2001 perfekt machen will.

Ob die Münchner das Land des Lächelns allerdings tatsächlich freudestrahlend verlassen werden, erscheint fraglich. Denn Hitzfeld landete nach einem strapaziösen Flug nur mit einer "Rumpftruppe" in Tokio. Nur 14 Feldspieler stehen ihm für das Spiel im ausverkauften Nationalstadion (55.000 Zuschauer) zur Verfügung. Neben dem zuletzt kritisierten Kapitän Stefan Effenberg (Oberschenkelzerrung) fehlen Michael Tarnat, Alexander Zickler, Hasan Salihamidzic, Roque Santa Cruz, Mehmet Scholl und Jens Jeremies.

Hitzfeld verschläft Pressekonferenz


Hinzu kommt die körperliche Belastung. Nach der Ankunft am Montag "verschlief" Hitzfeld prompt die obligatorische Pressekonferenz im Hotel "Four Seasons Tokyo" und erschien mit halbstündiger Verspätung. "Meine Spieler sind jung. Die können sich schnell erholen - nicht so wie ich. Die späte Ankunft ist natürlich ein Nachteil, aber wir sind erfahren genug, um damit fertig zu werden. Hoffentlich tritt der Jetlag nicht ausgerechnet während des Spiels auf", sagte der Erfolgscoach müde und verwies auf den Gegner aus Buenos Aires, der bereits seit Mittwoch vor Ort auf seinen Saisonhöhepunkt hinarbeiten: "Natürlich ist eine Woche Vorbereitungszeit besser, aber bei uns ist dies wegen des dichten Terminplans unmöglich."

Ausgeschlafener Ottmar Hitzfeld bei der Pressekonferenz: "Kein schlechter Zeitpunkt"
DPA

Ausgeschlafener Ottmar Hitzfeld bei der Pressekonferenz: "Kein schlechter Zeitpunkt"

Doch ganz so locker, wie ihr Trainer es sich wünschte, vertrugen auch die Spieler die weite Reise nicht. Weltmeister Bixente Lizarazu war nach der Ankunft in Japans Hauptstadt so schlapp, dass auch er den ersten Pressetermin verschlief. "Giovane Elber hat fast die Tür eingeschlagen, aber Bixente war einfach nicht wach zu bekommen", wurde der Franzose von Pressesprecher Markus Hörwick entschuldigt. Immerhin war Lizarazu beim leichten Abschlusstraining gegen Abend wie alle anderen Spieler wieder am Ball.

Hoher Stellenwert in Südamerika


"Ich hoffe, dass wir beim Spiel alle hellwach sind", sagte Elber. Denn im Gegensatz zu manchem Mitspieler ist für Bayerns Stars aus Südamerika - neben Elber noch Paulo Sergio und Claudio Pizarro - der Weltpokal ein absolutes Highlight. "Für mich ist es ein Traum, hier zu spielen. Ich habe 1981 gesehen, wie Flamengo den Cup gewonnen hat. Ich war damals noch ein Kind. Jetzt stehe ich selbst auf dem Platz und werde alles versuchen, dass wir dieses Spiel gewinnen", so der brasilianische Torjäger. Angesichts der Rivalität zwischen Brasilianern und Argentiniern ist auch Elbers Landsmann Sergio richtig heiß auf das Duell mit Diego Maradonas Erben im blau-gelben Trikot der Boca Juniors: "In Südamerika redet man das ganze Jahr von diesem Spiel", bemerkte Sergio.

Argentinischer Superstar Riquelme: Allein gegen 14 Deutsche
REUTERS

Argentinischer Superstar Riquelme: Allein gegen 14 Deutsche

So wunderte sich Thorsten Fink, dass die Argentinier das Spiel so einstufen "wie wir das Finale der Champions League." Während den Bayern gerade mal ein paar "Lockerungsübungen" zur Vorbereitung blieben, bereitete sich der Weltpokal-Titelverteidiger (2:1 gegen Real Madrid) und Sieger im Copa de Libertadores immerhin gleich drei Monate auf die Partie vor. Seit letzten Mittwoch weilen die Argentinier bereits in Japan.

Wer stoppt Riquelme?


15.000 argentinische Fans werden Boca Juniors unterstützen, nur 1000 Bayern-Anhänger machten die Reise mit. "Wir sind die Weltmeister, und das wollen wir ein weiteres Jahr bleiben", gab Boca-Torwart Oscar Codoba die Devise aus. Trainer Carlos Bianchi, der in den vergangenen acht Jahren zwölf Titel holte und als erfolgreichster Coach Argentiniens gilt, setzt vor allem auf seinen Superstar Juan Roman Riquelme. "Er allein kann es mit 14 Deutschen zugleich aufnehmen", tönte der Trainer-Kollege Miguel Angel Brindisi vom Ligakonkurrenten Huracán.

Riquelme, der als größter Boca-Spieler seit Diego Maradona gilt, sollte schon vor einem Jahr für 80 Millionen Mark zum FC Barcelona wechseln. Damals verhinderte eine Verletzung den schon beschlossenen Transfer. Nach dieser Saison soll der 23-Jährige endgültig zu "Barca" gehen - zu verbesserten Konditionen. "Er kann ein Spiel ganz allein kontrollieren", warnt auch Hitzfeld und fordert: "Wir müssen geduldig spielen und auf Fehler in der Deckung warten."

Voraussichtliche Aufstellungen
Bayern: Kahn - Sagnol, Kuffour, Robert Kovac, Lizarazu - Niko Kovac, Fink, Hargreaves, Sergio - Elber, Pizarro
Boca Juniors: Codoba - Schiavi, Serna, Burdisso - Martinez, Traverso, Riquelme, Gaitan (Villarreal), Rodriguez - Delgado, Barros-Schelotto
Schiedsrichter: Kim Milton Nielsen (Dänemark)



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