Weltstar Ronaldo Leiden unter Liebesentzug

Zuletzt hatte Ronaldo bei Real Madrid große Probleme. Die Fans schimpften über den Brasilianer, der Club hatte auch diese Saison keinen Erfolg. Bei der WM will der Stürmer auf andere Gedanken kommen. Die erfolgreiche Titelverteidigung wäre schon einmal ein Anfang.

Von Ronald Reng


Die Leute nennen die Vorortbahn von Aranjuez nach Madrid Erdbeerzug. Niemand vermag mehr mit Sicherheit zu sagen, warum. Was jedoch als gesichert gilt, ist, dass hier eines Nachmittags in den fünfziger Jahren vier Reisende, darunter ein Señor Marino García mit seiner sehr verehrten Señora Mercedes, auf ein paar Papierservietten die Hymne von Real Madrid schrieben. Vom damaligen Clubpräsidenten Santiago Bernabéu mit Freude entgegengenommen, wenig später aufgenommen im Studio Columbia von 32 Musikern des spanischen Nationalorchesters, sollte die Hymne erklingen in guten wie in schlechten Zeiten: "Club, so rein und generös/ganz aus Nerven und Herz,/Veteranen und Ehrenmänner/Veteranen und Ehrenmänner/betrachten Deine Errungenschaften/mit Respekt und Rührung/Hala Madrid! Hala Madrid!"

Stürmerstar Ronaldo: Zurück ins Lächeln 
REUTERS

Stürmerstar Ronaldo: Zurück ins Lächeln 

Mit Stolz und Respekt hatte es nur noch wenig zu tun, als am 21. Dezember 2005 mit dem Schlusspfiff die Hymne des erfolgreichsten Clubs der Fußball-Geschichte trotz einer schmerzlichen 1:2-Niederlage im Heimspiel der spanischen Primera División gegen Racing Santander erklang. Vielmehr wurde offensichtlich, dass hier die Hymne missbraucht wurde. Denn sie wurde derart überlaut abgespielt, als sollte sie all die Pfiffe und Schmährufe ersticken. Mit hängendem Kopf schlich Ronaldo vom Fußballfeld in die schützende Dunkelheit des Kabinenganges, und hinter ihm stachen all die von Wut verzerrten Gesichter der Fans hervor, seiner eigenen Fans. Ihre Finger zeigten auf ihn, ihre Fäuste drohten ihm.

Ein halbes Jahr später ist Ronaldo Názario de Lima, dreimal Weltfußballer des Jahres, zweimal Weltmeister mit Brasilien, noch immer angeschlagen von dem Liebesentzug seiner Fans. "Wo sie mich nicht mögen, fühle ich mich nicht wohl", sagt er nach dem Training mit Real. "Nie habe ich mich im Bernabéu-Stadion zu Hause gefühlt." Der Presseraum mit vierzig Journalisten wird auf einen Schlag still. Es ist die Stille des Mitleids. Denn aus Ronaldo spricht keine Wut, nur Traurigkeit. Nie sah man die Melancholie klarer, die ihn dort draußen gefangen hält, vor dem Tor, wo er unnachahmlich zuschlug und nun so oft verloren wartet.

Bald beginnt die Weltmeisterschaft in Deutschland, er war der Spieler der letzten WM, 2002 in Japan und Südkorea, als er Brasilien mit dieser unmöglichen Frisur und zwei Toren im Finale gegen Deutschland zu Weltmeistern machte. Und nun blickt man in sein Gesicht, die Lippen aufeinander gepresst, und man fragt sich: Wird man den Ronaldo noch einmal sehen, der sich nur mit einem einzigen Nebensatz beschreiben ließ: der beste Stürmer der Welt?

Torjäger sind Verwandlungskünstler. Sie machen aus Krisen mit einem Schlag Feste, und den besten von ihnen genügt dazu ein Tick, eine Winzigkeit. Ronaldo war darin jahrelang der Allerbeste, nun wird die größte Verwandlung von ihm verlangt: Er muss sich bei der WM auf einen Schlag selbst verzaubern. Die Tore tröpfeln nur noch, die gesamte Saison schon, seine Bewegungen zeigen einen Mann, der auf der Suche nach seiner Orientierung ist. Doch dies ist Ronaldo. Deshalb sagen viele: Ein Tick nur, ein Tor, und auf einen Schlag ist er wieder der Alte. Geht das?

Ronaldos Geist streunt zur Weltmeisterschaft mit Brasilien, die für ihn zur Flucht werden soll: zurück ins Lächeln. Schwenkt das Gespräch von Real zur brasilianischen Nationalelf, zeigen sich schon wieder die legendären Häschenzähne, wenngleich auch künstlich erzwungen. Fußballprofis lernen früh, ein Lächeln so mechanisch anknipsen zu können wie einen Ball zu kontrollieren. "Ich bin zwei Tore davon entfernt, den Rekord als erfolgreichster Torschütze bei Weltmeisterschaften einzustellen. Wenn ich drei schieße, dann lasse ich alle hinter mir. Das ist meine Motivation", sagt Ronaldo. Bei 14 Toren steht der WM-Rekord, gehalten von Gerd Müller. Mit zwölf Treffern, acht davon allein beim WM-Gewinn 2002 in Japan und Südkorea, steht Ronaldo dahinter, auf einer Höhe mit dem großen Pelé. Aber Pelé, oje – das ist zurzeit auch kein gutes Stichwort.

"Außersportliche Fragen" seien für Ronaldos Tief verantwortlich, erklärte Pelé unlängst per Fernanalyse und präzisierte: "Ein Durcheinander im Privatleben." Und schon hatte die nächste Heldenfigur des Spiels, Michel Platini, etwas zu Ronaldo zu sagen: Er schleppe "zu viele Jahre und zu viele Kilo mit sich herum". Ronaldo ist 29. Im brasilianischen Fernsehsender O Globo antwortete er: "Pelé hat mich enttäuscht, es ist billig, jetzt auf mich einzuschlagen. Und dass ausgerechnet er von privaten Problemen redet, wo er die in seiner eigenen Familie nicht lösen kann." Pelés Sohn Edinho wurde vergangenes Jahr wegen Drogenhandels verhaftet. Und Platini: "Ach, Platini, der lässt mich kalt, ich weiß von einem französischen Clubkollegen, der als Fußballer Platini immer übertrifft, wie eifersüchtig Platini ist." Dass besagter Kollege nur Zinedine Zidane sein konnte, versteht sich. Die Hysterie verrät, wie nah die Weltmeisterschaft ist. Wie sehr Ronaldo noch immer das Publikum bewegt.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil, wieso Ronaldo zuweilen Angst vor dem Mittagsschlaf hat.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.