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27. November 2008, 10:17 Uhr

Werder-Aus auf Zypern

Das Ende einer Ära

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Aus, vorbei: Nach dem Unentschieden bei Famagusta verabschiedet sich ein trostloses Werder-Team aus der Champions League. Die Saison ist um einen Tiefpunkt reicher, doch für die Zukunft sieht es noch düsterer aus. Den Verantwortlichen schwant schon Böses.

Immer wieder spannte Diego in dieser Nacht der Enttäuschung und Ernüchterung seine Arme an und führte die ausgestreckten Hände in der lauwarmen Mittelmeerluft nach oben. Der 23-Jährige reckte dabei den Kopf und starrte in den Himmel über Zypern. So, als wolle der kleine Brasilianer nicht wahrhaben, in welch großes Loch sein Arbeitgeber Werder Bremen im GSP-Stadion von Nikosia gefallen war.

Zyperns Hauptstadt als letzte Ausfahrt aus der Champions League: Nur 2:2 (0:0) bei Anorthosis Famagusta – das Achtelfinale ist damit passé, weil Inter Mailand daheim gegen Panathinaikos Athen patzte. Klar, die Hanseaten haben nun noch am 9. Dezember ein Endspiel um die Uefa-Cup-Teilnahme gegen den italienischen Meister, doch von dem Ausweg wollte erst einmal kaum einer wirklich viel wissen. "Wir sind hier angetreten, um weiter in der Champions League zu spielen, deswegen ist der Punkt kein Trost. Vielleicht schauen wir uns morgen die Tabelle an und denken an den Strohhalm", diktierte ein frustrierter Christian Vander nächtens in die Blöcke der Medienvertreter.

Der kahlköpfige Keeper hatte den mal wieder am Muskel verletzten Stammtorwart Tim Wiese ersetzen müssen – und an Vander lag es am allerwenigsten, dass Werder auf törichte Art 0:2 in Rückstand geriet (Nikos Nikolaou, 62. und Savio, 68.). Wieder einmal patzte Clemens Fritz, der in dieser Spielzeit in so einem tiefen Leistungsloch steckt, dass seine kürzlich vollzogene Vertragsverlängerung zu verbesserten Bezügen wie ein Treppenwitz anmutet.

Es ist indes nur eine Personalie, bei der Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen. Auf den notorisch schwachen Außenpositionen, die am weitesten vom in der Champions League geforderten Niveau entfernt sind, wird das grün-weiße Dilemma besonders offensichtlich. Die aktuelle Bremer Mannschaft bietet einfach zu viele Baustellen: Wo war die Dominanz eines so wortreichen Anführers Torsten Frings? Wo die Klasse eines so begehrten Ballkünstlers wie Diego? Wo das Überraschungsmoment eines solch gelobten Angreifers wie Claudio Pizarro?

In Nikosia, dem Champions-League-Exil des Neulings aus Famagusta, blitzte die Verve der Bremer Führungsfiguren erst auf, als alles zu spät schien. Diego mit einem Strafstoß (72.) und Hugo Almeida mit einem Direktschuss nach Kopfvorlage des wieder einmal viel, viel zu spät eingewechselten Markus Rosenberg (87.) schafften mit einem Kraftakt das 2:2, dem eine Minute später das 3:2 hätte folgen können, ja müssen. Doch versagte der Portugiese Almeida freistehend – und die Erklärung des 24-Jährigen sprach Bände: "Ich dribbelte auf den Keeper zu. Schon bei dem Schuss habe ich Krämpfe in beiden Beinen gespürt." Da schüttelte sogar der selbstkritische Kollege Frings ("Wir hatten es einfach nicht verdient weiterzukommen. Wir haben in der Champions League diesmal nie abgerufen, was wir können") entgeistert den Kopf: "Freier kann man nicht mehr stehen. Das sind Tore, die du machen musst."

Es war ziemlich schlau von Cheftrainer Thomas Schaaf, das kollektive Versagen seines Ensembles – dem bestbezahlten der Werder-Vereinsgeschichte – nicht an dieser einzelnen Szene festzumachen. "Das wäre zu einfach", gestand der 47-Jährige, an dessen Position von Seiten der Geschäftsführung partout nicht gerüttelt wird. Schaaf hatte indes mehr Mühe als gewöhnlich, seine "riesengroße Enttäuschung" in eine schlüssige Erklärung zu packen. "Wir haben erst am Schluss den Mut und den Glauben gehabt, dass wir hier als Sieger vom Platz gehen können. Leider haben wir dafür einen langen Anlauf gebraucht. Damit hätten wir einen Tick früher anfangen müssen."

Ein bedienter Sportchef räumt Fehler ein

Die Folgen könnten verheerend sein, denn nun steht ganz Grundsätzliches auf dem Prüfstand: National hinter allen Erwartungen im Mittelmaß steckend (Tabellenplatz neun), international gewogen und für zu leicht befunden – da könnte sich im Spielerkader ein Umbruch ankündigen, wie Klaus Allofs durchblicken ließ. "Es kann Veränderungen geben: Der Druck aus der zweiten Reihe ist nicht so groß, wie wir uns das wünschen. Im vergangenen Jahr haben wir trotz unserer Verletztensituation gute Spiele abgeliefert, weil die Spieler, die hereinkamen, darauf gebrannt haben. Das ist in diesem Jahr nicht in dem Maß der Fall", resümierte der bediente Sportchef und räumte gar eigene Fehleinschätzungen ein. "Wir hatten vor der Saison den Eindruck, dass wir mit diesem Kader gut gerüstet sind. Das muss man natürlich jetzt noch mal hinterfragen. Da müssen wir mit Blick auf unsere finanzielle Situation vielleicht einiges neu bewerten."

Und vielleicht werden einige mit Wechselwünschen schon bald an ihn herantreten: Diego, vertraglich bis 2011 gebunden, wird ohne die Champions-League-Bühne kaum nächste Saison noch in Bremen spielen, Pizarro ist ohnehin nur für ein Jahr ohne Kaufoption vom FC Chelsea ausgeliehen. Gerade ein Diego-Verkauf wäre indes ein fatales Signal, würde es doch in weiterer Konsequenz womöglich bedeuten, dass sich die Bremer angesichts der neuen Konkurrenzsituation in der Bundesliga mit Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen rückwärts entwickelt.

Nikosia als Ende einer Ära? Die Werder Bremen GmbH & Co KGaAA gibt es in dieser Ausprägung nur, weil man fünf Jahre in Folge an der Geldvermehrungsmaschinerie Champions League partizipiert hat. "Der markanteste Träger bei den Umsätzen ist und bleibt die Champions League", hatte Finanz- und Vorstandsboss Jürgen L. Born erst kürzlich bei der Präsentation des Rekordumsatzes von 112 Millionen Euro verlauten lassen. "Die Einnahmen sind das eine. Das andere ist der Umstand, dass Spieler deshalb zu uns kommen, weil sie in der Champions League auf sich aufmerksam machen können", hatte Marketing-Geschäftsführer Manfred Müller mal erläutert. Dieser Vorteil entfällt – es sei denn, die Bremer bekommen in der Bundesliga schnell die Kurve. Doch die wechselhaften internationalen Auftritte waren nur ein Abziehbild der wankelmütigen nationalen Darbietungen. Das weiß auch Allofs: "Positiv lässt sich sicher das 1:1 in Mailand herausheben, in den anderen Spielen haben wir jedoch nicht unser Potential abrufen können." Und: "Wer in zwei Spielen keinen Sieg gegen Famagusta einfahren kann, der ist einfach auch nicht gut genug."

Beinahe manisch beteuerte der 51-Jährige noch auf Zypern, dass es nun weitergehen müsse – notfalls im Uefa-Cup. "Da kann man auch Geld verdienen." Ihm schwant, dass er nach diesem ernüchternden Abend viel Arbeit bekommt – der Rechtfertigungsdruck wird wachsen, weil selbst der Sportdirektor eingesteht: "Das kann ein Wendepunkt sein." Deshalb wolle er die Mannschaft so schnell wie möglich wieder in die Champions League bekommen. Aber Allofs ahnte in der Nacht von Nikosia schon: "Das wird ein weiter Weg."

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