Krisenverein Werder Bremen Der grüne HSV

Wenn es Herbst wird in Bremen, fallen die Trainer von den Stühlen. Jetzt hat es Alexander Nouri erwischt. Was ist noch übrig von der besonderen Aura des Klubs, der einmal als ganz anders galt?
Werder-Spieler Theodor Gebre Selassie

Werder-Spieler Theodor Gebre Selassie

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

In einer Tabelle ist Werder Bremen immer noch auf Platz zwei. In der Fußballstudie 2017 der TU Braunschweig ist der Klub in der Markenmeisterschaft  nur von Borussia Dortmund geschlagen worden. Werder ist also beliebt. Befragte nahmen Werder mehrheitlich als "sehr attraktiv", "sehr sympathisch" und sogar als "sehr gut" wahr.

Die sportliche Realität sieht anders aus. Bei der Freistellung von Trainer Alexander Nouri stand Bremen sieglos auf Platz 17 der Bundesliga, bei nur drei erzielten Toren in zehn Spielen. Mit der erfolgreichen Mannschaft vergangener Jahre hat das alles nicht mehr viel zu tun. Zwischen 1999 und 2010 kam Werder unter Coach Thomas Schaaf sechsmal unter die ersten Drei der Bundesliga, erreichte fünfmal das DFB-Pokalfinale und als einziger deutscher Verein der vergangenen 15 Jahre das Endspiel im Uefa-Pokal (heute Europa League).

Nach sechs Champions-League-Teilnahmen unter Schaaf war Werder seit 2011 gar nicht mehr international vertreten. Damit einher ging auch ein finanzieller Absturz. Noch in der Saison 2008/2009 wies der Klub einen höheren Jahresumsatz  aus als Borussia Dortmund und Manchester City. Die fehlenden internationalen Einnahmen sind ein Grund dafür, der teure Umbau des Weserstadions, in den seit 2008 mehr als 70 Millionen Euro flossen, mag ein anderer Faktor gewesen sein.

Vor allem aber hat Werder das Alleinstellungsmerkmal verloren, der Klub zu sein, der etwas anders arbeitet als die Konkurrenz, umsichtiger. Wie einst Otto Rehhagel, der als Trainer die Stellung Bremens als Spitzenklub begründete, war auch Schaaf mehr als 14 Jahre lang Cheftrainer an der Weser. Diese Kontinuität unterschied den Verein von den meisten Konkurrenten in der Bundesliga. Zwischen 1981 und 2013 wechselte zum Beispiel der VfB Stuttgart viermal so oft den Cheftrainer wie Werder.

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Alexander Nouri: Wundersam an der Weser

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Seither entließ Bremen drei Cheftrainer: im Oktober 2014 Robin Dutt, im September 2016 Viktor Skripnik und im Oktober 2017 Alexander Nouri. Einen Coach mitten in der Hinrunde zu entlassen, ist immer ein schlechtes Zeichen, weil es mindestens bedeutet, dass man im Sommer unrealistische Erwartungen an die Perspektiven hatte. Das drei Mal innerhalb von drei Jahren zu tun, ist ein Offenbarungseid.

Damit bewegt sich Werder Bremen inzwischen auf dem Niveau von Vereinen wie dem Hamburger SV und eben Stuttgart, die auch regelmäßig im ersten Saisondrittel die Nerven verlieren und die sportliche Führung auswechseln. Das Problem dabei: Hamburg ist mehr als dreimal so groß wie Bremen, Stuttgart deutlich wohlhabender. Diese Vereine haben deutliche Standortvorteile.

Familie ist auch keine Lösung

Werder konnte das lange durch seine besonnene Vereinspolitik ausgleichen. Inzwischen aber scheint die vielbeschworene Kontinuität vor allem darin zu bestehen, dass fast alle Positionen im Verein mit ehemaligen Spielern aus der "Werder-Familie" besetzt sind. Marco Bode ist der Aufsichtsratsvorsitzende, Frank Baumann der Sportdirektor. Mirko Votava trainiert jetzt die U23. Tim Borowski soll Kohfeldt beim Bundesligateam unterstützen. Thomas Wolter ist als Sportlicher Leiter für den Nachwuchs verantwortlich.

Das allein wäre nicht schlimm, würde der Verein nicht seit Jahren daran scheitern, dieses "Werder-Gefühl" in eine konsequente Personalpolitik für die Profimannschaft münden zu lassen. Entweder man setzt auf erfahrene Trainer, oder man gibt Nachwuchscoaches eine Chance, traut diesen dann aber auch zu, Krisenphasen zu überstehen und an ihnen zu lernen.

Die Aussagen von Sportchef Baumann nach der Trennung von Nouri klingen so, als überlege der Verein erst jetzt, wie es weitergehen soll. Keine guten Anzeichen dafür, dass der Schlingerkurs der jüngsten Jahre beendet werden kann. Immerhin stimmt die Markenbotschaft noch. Aber die stimmt auch beim FC St. Pauli. In der Bundesliga hat die das auch nicht gehalten.

Anm. d. Red.: In einer früheren Version des Textes hieß es, Tim Borowski werde Co-Trainer der U23. Tatsächlich wird er Assistent beim Profiteam. Wir haben die Angabe im Text korrigiert.