Fußballfans in Deutschland Als wir Werder vor dem Abstieg retteten

Mit ein paar Tweets holten Johanna Göddecke und ihre Fanklub-Freunde Tausende Werder-Fans auf die Straße. Fünf Wochen arbeitete sie im Frühjahr 2016 für den Klassenerhalt der Bremer - und wurde belohnt.

Werder-Fans
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Aus Bremen berichtet


Bremen ist derzeit im Rausch. Der Derby-Sieg gegen den HSV hat Werder auf Rang acht gespült, die Hanseaten sind wohl raus aus dem Abstiegskampf - deutlich früher als noch im Frühjahr 2016. Damals stand es schlecht um den Traditionsklub, doch auch dank der Unterstützung der Fans gelang noch der Klassenerhalt. Eine wichtige Rolle spielte dabei Johanna Göddecke, sie mobilisierte die grün-weißen Massen. Im ersten Teil der SPIEGEL-ONLINE-Fanprotokolle erzählt sie ihre Geschichte.

Ich saß einfach nur noch heulend auf den Steinstufen im Weserstadion. Als Bremen am letzten Spieltag der vergangenen Saison Frankfurt besiegt hatte und der Klassenerhalt sicher war, bin ich nicht mit auf den Platz gelaufen. Eigentlich wollte ich feiern, doch es ging nicht mehr. Fünf Wochen hatten wir Vollgas gegeben, Banner gemalt, die Empfänge der Mannschaft am Stadion geplant. Und als es geschafft war, habe ich einfach nur noch ins Leere gestarrt.

Schon gegen Wolfsburg, vier Spieltage vor dem Saisonende, waren Tausende dem Aufruf #greenwhitewonderwall unseres Twitter-Fanklubs WFC #twerder gefolgt, nachdem auch viele Bremer Medien darüber berichtet hatten. Beim nächsten Spiel gegen Stuttgart waren es dann 8000, die den Werder-Bus bejubelt haben, als er zum Stadion gefahren ist. Mit Plakaten und Luftballons standen wir Spalier. Da hab' ich gedacht: Was haben wir hier nur angerichtet?

Mors hoch!

Wir haben den Fanklub 2015 nach einem Bayern-Spiel in unserer Stammkneipe, dem "Eisen", gegründet. Mittlerweile haben wir 240 Mitglieder, sogar in Australien. Die Leute bewerben sich via Twitter, wir schauen uns die Profile an und gucken, ob derjenige zu uns passt. Wir sortieren auch welche aus, etwa, wenn im Profil "Tod und Hass dem HSV" steht. Das brauchen wir einfach nicht.

Johanna Göddecke
Johanna Göddecke

Johanna Göddecke

Ich bin für Werder 2013 nach Bremen gekommen, mit 21 Jahren. Schon vorher bin ich zwei Jahre lang für jedes Heimspiel aus dem Sauerland hergefahren. In Bremen schnacken die Leute überall über den Verein - in den Kneipen, in den Restaurants. Bremen hat auch nicht viel Anderes von solcher Bedeutung zu bieten. Deswegen wäre ein Abstieg auch so schlimm für die Stadt gewesen.

Deshalb haben wir uns mit unserem Twitter-Fanklub auch so engagiert. Nachdem #greenwhitewonderwall gezündet hat, mussten wir von Spiel zu Spiel einen drauflegen. Die Partie gegen Stuttgart am 32. Spieltag wurde von den Ultras boykottiert, weil sie am Montagabend stattfand. Eigentlich hätten wir sie unterstützt, aber es ging einfach wegen der sportlichen Situation nicht. Im Stadion gab es dann unsere "Mors-hoch-Aktion" (Mors ist norddeutsch für Hintern), die Zuschauer sollten 90 Minuten stehen. Werder gewann 6:2.

Gänsehaut in grün-weiß

Durch den Verein haben wir irgendwann mitbekommen, wie begeistert die Spieler waren, dass die Fans trotz der schwierigen Situation hinter dem Team stehen - und nicht randalieren. Auch unter den Fans war das Feedback riesig, es kamen immer Leute auf uns zu, um sich zu bedanken, vor allem, nachdem die Sportschau über uns berichtet hatte. Sogar mein alter Pastor aus dem Sauerland hat mich angeschrieben.

Vor dem letzten Saisonspiel gegen Frankfurt hat man in der Stadt das Kribbeln gespürt. Nach dem 0:0 gegen Köln am vorletzten Spieltag brauchten wir einen Sieg, um sicher die Klasse zu halten. In der Nacht vor dem Spiel haben wir auf jede Straße, die zum Weserstadion führt, Botschaften für Fans und das Team auf den Asphalt geschrieben. Bremen war grün-weiß, fast jedes Haus hatte ein Poster, ein Plakat, eine Fahne im Fenster oder auf dem Dach. Die Sparkasse, die Hotels, alle haben mitgemacht, sogar der Weser-Tower erstrahlte grün. Ich hatte Gänsehaut.

Im Spiel lief es erst nicht so gut, ich hatte eigentlich schon damit gerechnet, dass wir in die Relegation müssen. Doch in der 88. traf Papy Djilobodji zum 1:0. Alles guckte kollektiv zum Linienrichter, uns war im vorangegangenen Spiel schon ein Tor zu Unrecht aberkannt worden. Doch diemal zählte der Treffer.

Und der Jubel brach los.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
widower+2 18.04.2017
1. Tolle Sache!
Und das war ja nicht das erste Mal, dass die Fans maßgeblich zum Klassenerhalt beigetragen haben. Davor gab es zum Beispiel die Aktion "AlleZ Grün", die eine ähnliche Resonanz hatte. Im Weserstadion ist aber sowieso bei jedem Heimspiel Gänsehaut angesagt. Und zwar als familienfreundliches Vergnügen ohne jede Sicherheitsbedenken.
sunstroke 18.04.2017
2. Unfaire Mittel leisten auch ihren Beitrag.
Zitat von widower+2Und das war ja nicht das erste Mal, dass die Fans maßgeblich zum Klassenerhalt beigetragen haben. Davor gab es zum Beispiel die Aktion "AlleZ Grün", die eine ähnliche Resonanz hatte. Im Weserstadion ist aber sowieso bei jedem Heimspiel Gänsehaut angesagt. Und zwar als familienfreundliches Vergnügen ohne jede Sicherheitsbedenken.
Den Bus der Gastmannschaft mit Flaschen zu bewerfen, wie im letztjährigen Abstiegsendspiel gegen Eintracht Frankfurt ist aber nicht sonderlich "familienfreundlich". Gegen den HSV am letzten Spieltag waren es ja immerhin nur Farbbeutel.
charlybird 18.04.2017
3. Ich bin zwar auch Werder Fan,
aber Bremen hat durchaus auch noch anderes von Bedeutung zu bieten als ein paar Profikicker, die von Ausnahmen abgesehen eher als Mittelmaß zu bezeichnen sind und denen auch der Fußballgott endlich mal zur Seite gestanden hat. Aber wenn man aus dem weitgehend ereignislosen Sauerland nur mit einer grünweißen Brille ins freie Leben rollt, kann man leicht schon ein paar andere Dinge von Bedeutung übersehen. :-)
joe.micoud 18.04.2017
4.
Als letztes Jahr beim lebensnotwendigen 6-2 gegen Stuttgart alle 90 Minuten gestanden haben, war es die beste Stimmung, die ich dort je erlebt habe. Und ich habe auch alle Wunder von der Weser gesehen, viele Siege gegen Bayern oder diverse Derby-Siege und auch Real und Chelsea haben schon bei uns verloren, aber dieses Ding an einem Montag (!) und ohne Ultras, vergesse ich nie.
hicki 18.04.2017
5.
Ganz tolle Aktion! Friedliche Unterstützung dieser Art und auch dieser Größenordnung sind etwas ganz Besonderes! Gerne mehr davon :)
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