Bremen bleibt Bundesligist Das glimpfliche Ende einer missratenen Saison

Nach dem knappen Klassenerhalt herrschte bei Werder mehr Erleichterung denn Ekstase. Das Schlimmste wurde abgewendet, mehr nicht. Nach dem Abpfiff applaudierten die Bremer dem Zweitligisten Heidenheim.
Von Christoph Ruf, Heidenheim
"Das hat gezehrt. Jetzt merke ich, wie Druck abfällt, aber das wird dauern, weil da war eine Menge auf den Schultern", sagte Werder-Coach Florian Kohfeldt nach dem Spiel

"Das hat gezehrt. Jetzt merke ich, wie Druck abfällt, aber das wird dauern, weil da war eine Menge auf den Schultern", sagte Werder-Coach Florian Kohfeldt nach dem Spiel

Foto: RONALD WITTEK/ EPA-EFE/ Shutterstock

Die letzten Sekunden des Relegationsrückspiels zwischen dem 1. FC Heidenheim und Werder Bremen fanden auf der mit gut 50 Personen besetzten Haupttribüne nur gedämpften Widerhall. Als Tim Kleindienst den Heidenheimer Elfer zum 2:2 verwandelt hatte (90.+4.), ließen sich selbst die Einheimischen, die sich zuvor die Seele aus dem Leib gebrüllt hatten, nur zu einem etwas energischeren Klatschen hinreißen. Sie wussten, dass der Schiedsrichter ihrem Verein keinen weiteren Angriff mehr erlauben würde. Und das tat Felix Brych auch nicht, ein paar Sekunden später war Schluss.

Doch statt freudiger Ekstase sah man beim kleinen Werder-Tross um Präsident Hubertus Hess-Grunewald und Aufsichtsratschef Marco Bode nur, wie sich eingefrorene Gesichtszüge entspannten und verkrampfte Brustkörbe wieder etwas tiefer durchatmeten.

Das vorherrschende Gefühl bei Werders Last-minute-Klassenerhalt war nicht losgelöste Freude. Sondern es schien pure Erleichterung darüber gewesen zu sein, eine gründlich missratene Saison doch noch irgendwie zu einem glimpflichen Ende gebracht zu haben. Eine Saison, in der Bremen sich erst am letzten Bundesligaspieltag auf den Relegationsplatz rettete. Um dann im ersten Relegationsspiel keine eigene Torchance zu haben. Und um dann am Ende doch noch gegen einen kampfstarken Zweitligisten zu triumphieren, obwohl der keine der beiden Relegationspartien verloren hat.

"Es darf jetzt nicht dazu führen, dass wir uns als Verlierer fühlen", sagte ein völlig frustrierter Heidenheimer Trainer Frank Schmidt nach dem Spiel dann auch zu Recht; offensichtlich zu gut erzogen, um offensiver zu betonen, dass sein Team über 180 Relegations-Minuten nicht die schlechtere Mannschaft war. Man darf gespannt sein, was Schmidt 2020/2021 aus seiner Elf herauskitzelt. Bisher hat er seinen Verein jedenfalls noch in jedem Jahr besser gemacht, seit er ihn 2007 in der Oberliga übernahm.

Heidenheims Coach Frank Schmidt: "Es darf jetzt nicht dazu führen, dass wir uns als Verlierer fühlen"

Heidenheims Coach Frank Schmidt: "Es darf jetzt nicht dazu führen, dass wir uns als Verlierer fühlen"

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Das Spiel in Heidenheim war umgekehrt aus Werder-Sicht der logische Endpunkt der gesamten Coronaseuchen-Saison, in der sich zwar immer mal wieder ein paar vielversprechende Ansätze zeigten, es aber so gut wie nie gelang, so etwas wie Dominanz oder Souveränität auszustrahlen.

Mehr Offensivaktionen in zehn Minuten als im gesamten Hinspiel

Am Montag hatte Bremen zwei stärkere Phasen in der Partie: Die eine in der Heidenheimer Schockstarre nach dem frühen Eigentor, als Werder tatsächlich in den ersten zehn Minuten des Rückspiels schon mehr vielversprechende Offensivaktionen als im Hinspiel hatte. Und die zweite nach gut einer Stunde, als Milos Veljkovic und Joshua Sargent den Puls beim starken FCH-Keeper Kevin Müller hochtrieben. Der Rest war oft Sicherheitsfußball mit simpelsten fußballerischen Mitteln. Letztlich bleibt Werder nun seit 1981 ununterbrochen Erstligist, weil ein 2:2 dank der auswärts erzielten Tore nach einem 0:0 im Hinspiel reicht, um gegen einen Zweitligisten die Klasse zu halten.

Doch um Glamour ging es am Montag auch nicht. Den Bremer Funktionären auf der Haupttribüne sah man an, dass sie genau wussten, was ihnen mit dem Dusel-Klassenerhalt erspart geblieben ist. Nicht zuletzt hätte den Hanseaten die Reduzierung des Anteils an den TV-Geldern von rund 55 auf knapp über 25 Millionen Euro gedroht, Spieler wie Davy Klaassen, Ludwig Augustinsson oder Veljkovic wären bei einem Abstieg ohnehin wohl kaum zu halten gewesen.

Jetzt können sie an der Weser die nächste Bundesligasaison planen. Es wird dennoch einiges aufzuarbeiten geben im Rückblick auf die misslungenste Bremer Saison der vergangenen 30 Jahre. Man habe sich in den vergangenen Wochen "viel berechtigte Kritik" anhören müssen, sagte Trainer Florian Kohfeldt nach dem Spiel. "Das hat gezehrt. Jetzt merke ich, wie Druck abfällt, aber das wird dauern, weil da war eine Menge auf den Schultern."

Worauf der Verein allerdings fernab aller sportlichen Konjunkturen stolz sein kann, ist, dass sich selbst in Heidenheim ein deutlich frustrierter FCH-Fan ein wenig damit tröstete, dass man gegen "einen der wenigen sympathischen Erstligavereinen" verloren habe. Seine Sicht der Dinge hatte er kurz zuvor bestätigt gesehen: Nachdem er ein wenig gefeiert hatte, wandte sich der 30-Mann-Pulk aus Bremer Spielern und Funktionären den am Boden zerstörten Heidenheimer Kollegen zu. Und applaudierte minutenlang in Richtung der Spieler und der Sympathisanten auf der Tribüne.

Wahre Größe zeigt sich eben nicht nur in der Niederlage.

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