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21. Oktober 2017, 09:07 Uhr

Bremen in der Krise

Total entwerdert

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Unter Alexander Nouri verteidigt Werder Bremen so gut wie seit Jahren nicht. Trotzdem steht das Team auf einem Abstiegsplatz, Trainer Alexander Nouri droht das Aus. Was macht er falsch?

Es ist nicht so, als gäbe es gar keine guten Nachrichten für Werder Bremen. Am Freitagnachmittag verkündete der Klub die Rückkehr von Max Kruse ins Mannschaftstraining. Kruse, vergangene Saison Werders Schlüsselspieler, fehlt dem Klub seit dem vierten Spieltag, die Aussicht auf sein Comeback ist der größte Hoffnungsschimmer für die Krisen-Bremer.

Für manchen Werder-Fan ist es auch der einzige.

Bremen steht nach acht Bundesligaspielen ohne Sieg da und muss sich als Vorletzter für eine weitere Saison im Abstiegskampf wappnen. Am Sonntag kommt es zum Sorgenduell mit dem 1. FC Köln (13.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Sollte Werder beim Tabellenletzten verlieren, dürfte es eng werden für Trainer Alexander Nouri.

Wie konnte es so weit kommen? Erfolg ist für Nouri entscheidend mit defensiver Mitarbeit verbunden. Stürmer, die sich im Pressing ungeschickt anstellen oder die Intensität vermissen lassen, wurden aussortiert. Werder-Spiele sind geprägt vom Arbeiten gegen den Ball, und das war eine Zeit lang sehr erfolgreich.

In der Rückrunde der vergangenen Saison konterte sich die Mannschaft aus dem Tabellenkeller in die Nähe der Europacup-Ränge, auch weil im Angriff Kruse und Fin Bartels stürmten. Mit ihrer Geschwindigkeit, ihren Dribblings, ihren Laufwegen und dem Pensum gegen den Ball passten sie optimal zur Konterausrichtung.

Vom blinden Verständnis ist nur noch das Blinde übrig

Mittlerweile ist das blinde Verständnis aus dem Frühjahr dahin. Spötter könnten meinen, geblieben sei allein das Blinde. Drei Tore hat Werder in acht Spielen erzielt, genau wie Gegner Köln. Hochgerechnet auf 34 Spieltage wären das rund 13 Treffer. Zwei weniger als Rekordhalter Tasmania Berlin 1966 schaffte.

Zumindest was die Defensive betrifft, hat Bremen sich nicht verschlechtert. Im Gegenteil: Werder kassiert aktuell im Schnitt so wenige Gegentore wie seit zwölf Jahren nicht mehr, als man hinter dem FC Bayern Vizemeister wurde. Das muss man Nouri lassen: Er hat Werders Defensive stabilisiert.

Für seine Kompaktheit zahlt Werder den Preis

Nouri hat zum Beispiel an der Staffelung gefeilt, wenn das eigene Team in Ballbesitz ist. Dass nicht ausreichend Spieler zum Absichern zurückbleiben, kommt kaum noch vor. Entsprechend gering ist die Zahl an Gegentoren nach eigenen Ballverlusten, einstmals Werders großes Manko.

Auseinandergebrochen ist das Bremer Gebilde in der laufenden Saison auch noch nicht, obwohl es bereits gegen die Schwergewichte Bayern (0:2) und Hoffenheim (0:1) angetreten ist. Die Zeit der Klatschen scheint vorbei.

Doch für seine Kompaktheit zahlt Werder einen Preis: die eigene Torgefahr. Und, wenn man so will: ein Stück weit auch das positive Image. Werder unter Nouri gleicht derzeit einem Gegenentwurf zum Werder unter Thomas Schaaf, Nouris Vor-Vor-Vorgänger. Schaaf war die Chance auf ein Tor wichtiger als die Sorge vor einem Gegentreffer. Nouri hat Werder entwerdert, das Team will im Herbst 2017 vor allem die Null halten. Wie sehr das mit der offensiven Harmlosigkeit zusammenhängt, zeigt die Taktiktafel.

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Werder kontert ins Nichts. Das Problem ist systemimmanent. Sind die hohen Pressingbemühungen erst einmal gescheitert, wechselt die Mannschaft in ein tiefes 5-3-2. Die Abwehrspieler verteidigen dabei ungern nach vorne, wodurch die drei zentralen Mittelfeldspieler viel Laufarbeit verrichten und sich freie Gegenspieler schnappen müssen. Dabei werden sie von den Angreifern unterstützt.

Das resultiert zwar in vielen Balleroberungen, bedeutet aber für den Moment des Ballgewinns auch zweierlei: Der Weg zum Tor ist sehr weit. Und vor dem Ball stehen meist nur zwei Spieler als Passempfänger bereit.

Damit Werder trotzdem Chancen kreiert, muss einiges zusammenkommen: Die beiden Stürmer sollten in der Lage sein, schnell große Distanzen zu überbrücken. Und sie müssen Bälle unter Gegnerdruck behaupten können. Nur so verschaffen sie den tiefer postierten Mitspielern die nötige Zeit, um nachzurücken, damit der Konter Wucht entfaltet.

Ohne Kruse sieht es schlecht aus

Darum ist Kruse so wichtig. Der 29-Jährige war vergangene Saison nicht nur wegen seiner 22 Torbeteiligungen in 23 Einsätzen unverzichtbar, sondern weil er jene Fähigkeiten vereint. Wer die Rückrunde Tor für Tor durchgeht, sieht das überall: Kluger Laufweg samt Traumpass vor einem Treffer in Freiburg, starke Ballbehauptung vor einem Treffer in Ingolstadt, Tiefenlauf vor einem gegen Hamburg. Die Liste ist lang, kein Wunder, dass es ohne Kruse schlecht aussieht für Werder. Und für Nouri.

Doch so leicht ist Werders Krise nicht erklärt. Warum hat der Trainer sein System nach Kruses Ausfall nicht angepasst? Etwa, indem er einen weiteren Spieler im Angriff postiert und es so der Offensive erleichtert, Bälle zu halten. Wie klug ist es überhaupt, seine Taktik so stark auf die Klasse eines einzelnen auszurichten?

Auch wegen seiner Personalwahl darf Nouri kritisiert werden; dafür, dass Zugang Ishak Belfodil und Bartels nicht zueinanderfinden und trotzdem Woche für Woche auflaufen; dafür, dass das Mittelfeld in vielen Partien unklug zusammengestellt war. Und warum ist von den Spielzügen nichts mehr zu sehen, die in der Vorbereitung einstudiert wurden?

Da ist allerdings auch noch eine andere Frage, nämlich die nach den Alternativen auf dem Trainermarkt. Denn Kaliber wie Thomas Tuchel warten vermutlich nicht auf Angebote aus Bremen.

In einer Liga voller Jungtrainer (und Jupp Heynckes) gehört Nouri mit seinen 38 Jahren zu den jüngsten. Gewiss auch zu den talentierteren. Ob er schnell genug die richtigen Erkenntnisse aus der Krise zieht, ist offen.

Das gilt auch für die Frage, ob Kruse rechtzeitig gegen Köln einsatzbereit ist.

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