Werders Verletzungssorgen Der Fluch der Weser

Die Bremer Verletztenmisere ist außergewöhnlich. Das Spiel gegen Leipzig zeigte Werders Personalnot besonders - und auch die Defizite des Teams. Doch es gibt Hoffnung.

David Hecker/EPA-EFE/REX

Aus Bremen berichtet


In der 83. Minute erhoben sich die Zuschauer im Weserstadion von ihren Plätzen. Sie sangen, klatschten in die Hände. Dabei hatte Werder Bremen gerade das 0:3 kassiert, die Niederlage gegen RB Leipzig war besiegelt. Aber die Anhänger bedankten sich für den kämpferischen Versuch einer Aufholjagd. Denn sie wissen ganz genau, wie schwer es ihre Mannschaft derzeit hat.

Werder ist geplagt von einer unglaublichen Verletztenmisere. Erst vor vier Monaten, am letzten Spieltag der vergangenen Saison, hatten die Bremer zuletzt gegen Leipzig gespielt. Aus der damaligen Startelf standen nun sieben Spieler nicht auf dem Platz - ohne dass ein einziger von ihnen den Klub im Sommer verlassen hätte.

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Stellenausschreibung: Spieler gesucht, möglichst unverletzt

Neun Akteure fehlten verletzt. Milot Rashica war zwar wieder im Kader, aber wegen kleinerer Beschwerden war das Risiko eines Einsatzes doch noch zu groß. Nuri Sahin war gesperrt.

Erst am Freitag, unmittelbar vor Ende des Abschlusstrainings, riss sich Niclas Füllkrug das Kreuzband, er fällt monatelang aus. So ergeben sich in Bremen in diesen Tagen zwei Fragen: Sind so viele Verletzungen noch Zufall? Und kann eine Mannschaft mit so vielen Ausfällen in der Bundesliga bestehen?

Ihorst wird aus dem Teambus der U23 geholt

Der Verein habe intensiv geprüft, ob die Verletzungen zusammenhingen, erzählte Florian Kohfeldt nach der Niederlage gegen RB. Man habe sich den Trainingsplatz angesehen, die Ernährung der Spieler, die Art der Verletzungen. Aber eine gemeinsame Ursache sei nicht greifbar.

Wie groß die Personalnot ist, zeigt die Geschichte von Luc Ihorst. Am Freitag war er mit der U23 schon auf dem Weg zum Auswärtsspiel in Havelse, erzählte Kohfeldt. Aber nach der Füllkrug-Verletzung wurde der Mannschaftsbus unterwegs gestoppt, Verantwortliche holten Ihorst zurück nach Bremen. In der Schlussphase gegen Leipzig gab der Angreifer sein Bundesligadebüt. In einem Spiel, das die Defizite des ersatzgeschwächten Werders aufzeigte.

Da war zum einen die Dreierkette: Der 30 Jahre alte Christian Groß machte erst sein drittes Bundesligaspiel, sein zweites von Beginn an. Er verteidigte ordentlich, aber war noch sehr vorsichtig. Auch vor dem 0:3 durch Marcelo Saracchi verteidigte Groß gegen Timo Werner zu zaghaft. Der 21 Jahre alte Marco Friedl ist durch die Ausfälle plötzlich konkurrenzlos, er spielte fahrig. Innenverteidiger Nummer drei, Theodor Gebre Selassie, hat seine Stärken eigentlich außen.

Dennoch ließ eine gegen den Ball tief stehende Bremer Fünferkette in der ersten Hälfte wenig zu, war dann aber wieder bei Standards anfällig. Beim Kopfballtor durch Willi Orban nach einer Ecke passte die Raumaufteilung am kurzen Pfosten nicht. Vor dem Freistoßtor durch Marcel Sabitzer foulte Michael Lang den späteren Schützen leichtfertig.

20 Minuten Bremer Hoffnung

Offensiv fehlte fast jegliche Torgefahr. Keine Überraschung: Osako und Füllkrug erzielten fünf der bisherigen acht Bremer Treffer. Die größte Bremer Chance vergab Davy Klaassen kurz vor der Pause. Benjamin Goller deutete bei seinem Bundesliga-Startelf-Debüt an, dass er technisch stark ist, ein guter Dribbler. Aber genau wie Johannes Eggestein und Josh Sargent fehlte ihm gegen Leipzigs starke Innenverteidiger Orban, Ibrahima Konaté und Dayot Upamecano die Durchschlagskraft. So blieb Werder nach 19 Bundesliga-Heimspielen erstmals wieder ohne eigenen Treffer.

Das Gefühl, dass der Gastgeber noch mal zurück ins Spiel finden könnte, kam erst nach etwa einer Stunde auf. Rund um die Einwechslungen von Claudio Pizarro (63.) und Philipp Bargfrede (65.) sowie den fragwürdigen Platzverweis gegen Konrad Laimer (64.) entstand eine Art Aufbruchstimmung im Stadion. So hatte das konterstarke Leipzig aber mehr Platz und entschied die Partie mit dem 3:0.

Nun hat Werder bisher also nur bei den holprigen Siegen gegen Augsburg und Union gepunktet, gegen zwei Abstiegskandidaten. Muss Werder das Saisonziel Europa schon jetzt an die Situation anpassen und korrigieren?

"Jetzt-erst-recht-Mentalität"

Sportchef Frank Baumann wollte das Ziel nicht in Frage stellen. Kohfeldt sagte: "Es ist viel zu früh, irgendetwas zu korrigieren." Er sprach genau wie Bargfrede von einer "Jetzt-erst-recht-Mentalität." Trainer und Sportchef verwiesen besonders auf den starken Charakter der Mannschaft. Das allein dürfte in den kommenden Spielen gegen Dortmund und Frankfurt aber nicht reichen. Werder braucht jeden Rückkehrer. Jetzt.

Tatsächlich wird die Situation besser. Bargfrede machte sein erstes Spiel seit sechs Monaten. Maximilian Eggestein spielte nach überstandenen Rückenproblemen eine gute Stunde, Rashica war zurück im Kader. Sahin hat seine Sperre abgesessen. Anfang der Woche sollen Milos Veljkovic und Sebastian Langkamp ins Mannschaftstraining einsteigen, Ömer Toprak möglicherweise auch, Niklas Moisander soll bald folgen.

Aber gerade die schwere Verletzung von Füllkrug, der in seiner Karriere immer wieder lange ausgefallen war, hat das Team erschüttert. "Wahnsinn", sagten Kohfeldt und Bargfrede. Lang und Baumann sprachen von einem Schock.

Während der Interviews liefen auf mehreren Fernsehern in den Katakomben Videos in Dauerschleife. Historische Bilder waren zu sehen: Mesut Özil, Diego, eine Bierdusche für Thomas Schaaf, der DFB-Pokal. Und dann noch Szenen aus einem Testspiel gegen den spanischen Erstligisten SD Eibar von Ende Juli. Beim 4:0-Sieg traf Osako einmal, Füllkrug zweimal. Aktuell sind es diese Bilder, die sie in Bremen am meisten vermissen.



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wilbury 22.09.2019
1. Es ging auch gegen Leipzig
Es wäre auch mit einem gesunden Kader möglich gewesen ohne Punkte dazustehen. Leipzig möchte Meister werden, hat einen ebenso cleveren Coach und eine sehr guten Kader. Ich finde Werder hat seine Haut teuer verkauft unter den miserablen Bedingungen. Lebenslang Grün Weiß!!
jonashelmke.gl 22.09.2019
2. Laimer
Gelb-Rot für Laimer war nicht ein Stück fragwürdig. Dass es nach der aktuellen Regel ein strafbares Handspiel ist wenn der Arm so weit ausgefahren ist, weiss wohl scheinbar plötzlich niemand mehr. Ich persönlich würde auch sagen dass der Arm da durchaus nicht zufällig ist, denn wenn Bittencourt den Ball da annehmen kann ist Laimer einen ganzen Schritt zu spät und holt den nie wieder ein. Allein schon deshalb ist Gelb hier richtig: Laimer unterbindet einen schnellen Gegenstoß mittels Foulspiel. Wenn Stieler das pfeift muss er im Grunde Gelb geben und pfeifen muss er es diese Saison mit Sicherheit, letztes Jahr hätte man das aber genau so gut und gerne pfeifen können. Wer jetzt mit "normale Körperhaltung im Zweikampf" kommt sei an letzten Spieltag und Christian Groß im speziellen erinnert. Im Zweifelsfall muss der Spieler einen ernsthaften Versuch unternehmen, das Handspiel zu vermeiden, ansonsten ist das bei so einer Armhaltung einfach ein sehr, sehr leichter Pfiff. Und auf Gnade durfte Laimer ja wohl nicht mehr hoffen bei der persönlichen Strafe nachdem er Bittencourt in der ersten Hälfte schon beinahe in die Notaufnahme getreten hatte. Zusammenfassend sehe ich nichts, aber auch gar nichts an der gelb-roten Karte das man irgendwie als fragwürdig bezeichnen könnte.
Waahrer 22.09.2019
3. Mit Kohfeldt hat Werder wieder einen guten Trainer.
Wie einst mit Rehhagel/Lemke und -mit Abstrichen- Schaaf/Klaus Allofs. Leider hat Klaus Allofs keine Anstrengung unternommen, die Ausbildung von jungen Spielern, die unter Rehhaargel so grossartig war, weiterzuführen. Trotzdem ist Werder Bremen ein sehr erfolgreicher -wenn auch nicht reicher- Verein: "Der Klub ist Gründungsmitglied der Bundesliga und gehörte dieser mit Ausnahme der Spielzeit 1980/81 durchgehend an und ist seit der Saison 2019/20 mit 56 Spielzeiten alleiniger Bundesliga-Rekordteilnehmer." Es werden schon weder bessere Zeiten kommen. Wenn die ihre Spieler selbst heranzieht - wie es Otto der Übervater konnte. Der Kohfeldt wird´s machen. Mit der 2. Garnitur verliert er gegen den Spitzenreiter der Bundesliga nur 0:3. Die auf jeder Position einen überlegenen Spieler hatte. Ein 500 Mio.-Kader in Bestbesetzung spielte gegen einen 170 Mio. Kader in Schlechtbesetzung. Kohfeldt schonte seine besten Spieler für Spiele, die die Werder-Mannschaft gewinnen kann. Verlieren können ist auch manchmal die halbe Miete. Siehe Sepp Herberger und das 1. Spiel gegen Ungarn. Keine Chance. Er musste warten, bis deren Mannschaft durch die anderen Spiele zerschlissen war (Ferenc Puskás* -der damalige Pelé- humpelte zum Endspiel verletzt auf den Platz). Nur so hatten die 11 gedopten Freunde eine Chance. *Puskás war übrigens deutschstämmig und hiess, als er 1927 geboren wurde, noch Franz Purkzeld.
w.weiter 22.09.2019
4. Weiter, "Werder".
"Werder" ist ein Wert. Nicht nur was Spieler u. Trainer angeht. An der Küste gehen die Wellen rauf u. runter. Abwarten. Geduldig sein, dann geht es weiter. Womöglich aufwärts. Nur nicht unterkriegen lassen.
widower+2 22.09.2019
5. Stimmt schon
Zitat von w.weiter"Werder" ist ein Wert. Nicht nur was Spieler u. Trainer angeht. An der Küste gehen die Wellen rauf u. runter. Abwarten. Geduldig sein, dann geht es weiter. Womöglich aufwärts. Nur nicht unterkriegen lassen.
Nur muss man jetzt realistisch sein. Angesichts der Verletztenmisere kann es nur heißen, den Abstieg und wenn es geht auch den Abstiegskampf vermeiden (wäre besser für mein schwaches Herz). Ich möchte an dieser Stelle aber auch den anscheinend weit verbreiteten Irrtum korrigieren, dass Bremen an der Küste liegt. Von der ist man ca. 60 Kilometer Luftlinie entfernt.
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