Werder-Trainer Skripnik Wer suchet, der verschwindet

Viktor Skripnik ist in Bremen vom Retter zur Reizfigur geworden. Beim Versuch, seine Philosophie in den Profifußball zu übertragen, droht der Trainer sich zu verirren.

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Wer an Werder Bremen denkt, denkt an Offensive, an Spektakel, an schönen Fußball. Oder besser: dachte. Jahrelang schoss das Team unter Trainer Thomas Schaaf lieber selbst Tore als die des Gegners zu verhindern. Werder, das war ein Synonym für Kurzweil. Und heute?

Wofür steht das Werder von Viktor Skripnik?

Skripnik, 46, ist vom Retter zur Reizfigur geworden. Der Trainer bewahrte Werder erst vor dem drohenden Abstieg, um den Klub dann beinahe doch in Liga zwei zu führen. Der Klassenerhalt gelang mit Mühe, und Skripniks Vertrag wurde verlängert. Bei Wettanbietern aber ist Skripnik Favorit auf die erste Trainerentlassung der Saison, mit Abstand. Und wenn Werder am Abend beim FC Bayern antritt (20.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE), wäre eine knappe Niederlage gefühlt bereits ein Erfolg für die Bremer.

Werder befindet sich auf einem lange andauernden Selbstfindungstrip, das gilt insbesondere für Viktor Skripnik. Was zur Frage führt: Wie viel Zeit benötigt ein guter Trainer, um eine Mannschaft seinen Fußball spielen zu lassen? Und: Ist Skripnik ein guter Trainer?

Zweikampf als Mantra

Der Ukrainer durchlief im Verein sämtliche Jugendmannschaften, früh war klar, dass er einmal die Profis übernehmen sollte. Wer sich Spiele von Skripniks Nachwuchsteams ansah, verstand, warum. Damals zelebrierten seine Mannschaften Fußball, die Abstände zwischen den Spielern blieben kurz, statt langer Bälle gab es One-Touch-Football, so wie einst die Profis unter Schaaf, Skripniks Vorbild.

"Meine Mannschaft soll attraktiv spielen. Werders Meistermannschaft von 2004 hat die Leute begeistert. Da wollen wir wieder hin", sagte Skripnik bei seiner Vorstellung, doch bis heute ist er dort nicht angekommen. Auf dem Weg, seine Philosophie in den Profifußball zu übertragen, droht Skripnik sich zu verirren.

Als er im Oktober 2014 Cheftrainer wurde, führte er das Team mit Konterfußball aus dem Keller. Danach sollte der Schwerpunkt hin zu Ballbesitzfußball verlegt werden, es ging nun darum, Werder wieder als Marke zu etablieren, die von Zuschauern bewundert wird. Darum, guten Fußball zu spielen.

Doch das gelingt Bremen seither nur in Ansätzen. Spieler, die entsprechende Fähigkeiten besitzen, wurden aussortiert, weil sie für nicht zweikampfstark befunden wurden, und Zweikämpfe sind bei Skripnik immer wichtiger geworden. Vielleicht zu wichtig.

Dass Skripnik ein guter Trainer werden kann, hat er nicht nur im Jugendbereich angedeutet. In der vergangenen Saison blitzten Spielzüge auf wie der, bei dem Werders defensive Mittelfeldspieler aufrücken und ihre Gegenspieler mit sich ziehen. Im freigewordenen Raum holen sich ihre Offensivkollegen den Ball ab. Das ist ein kluger Ansatz, denn Bremen verfügt kaum über spielstarke Akteure in der Mittelfeldzentrale, wohl aber im Angriff. Sie übernahmen kurzerhand die Kreativaufgaben.

Doch Skripnik schaffte es nicht, sein Team dazu zu bringen, solche Ansätze konsequent zu verfolgen. Zusätzlich mäanderte er, was die Grundidee des Bremer Spiels betrifft. Auf das missglückte Ballbesitz-Experiment folgte der Schritt zurück zum Konterstil, Skripnik probierte alles aus, und wenn etwas zu funktionieren schien, behielt er es bis zum ersten Rückschlag bei, dann folgte der nächste Ansatz. So entfernte er sich Stück für Stück von der eigenen Philosophie, ohne dass sein Team dabei erfolgreich gewesen wäre. Je mehr er gesucht hat, desto weniger war zu erkennen, wofür der Trainer steht.

Im Kader steckt Potenzial für guten Fußball

Gleichzeitig plagt sich Skripniks Mannschaft oft mit denselben Problemen herum. Im Spielaufbau besetzt sie die Flügel mit jeweils zwei Leuten. Wenn über eine Seite aufbaut wird, sind auf der gegenüberliegenden zwei Akteure aus dem Spiel genommen, im Zentrum bleibt Werder in Unterzahl.

Auch die Abwehrprobleme kriegt das Trainerteam nicht in den Griff. Das liegt auch an der Zusammenstellung der Startelf. Beim Erstrundenaus im DFB-Pokal am vergangenen Sonntag liefen Fritz und Junuzovic im defensiven Mittelfeld auf, zwei Spieler, die sich im Raum unwohl fühlen und sich deshalb Gegenspieler suchen. Wenn einer der beiden in den Zweikampf ging, versäumte es der andere, seinen Kollegen abzusichern. Zu beobachten war das bereits während der Saisonvorbereitung, Skripnik vertraute dem Duo trotzdem. Am Ende hatte Bremen im Pokal 22 Torschüsse zugelassen. Gegen Sportfreunde Lotte, einen Drittligisten.

Dabei besitzt der Kader das Potenzial für erfolgreichen Fußball. Die Abwehr ist zwar nicht besonders resistent, wenn man sie unter Druck setzt, qualitativ liegt sie aber nicht unter dem Ligadurchschnitt. In der Offensive tummeln sich spielstarke Stürmer wie Pizarro, Kruse und Jóhannsson sowie dynamische Akteure mit Zug zum Tor wie Bartels, Kainz und Junuzovic. Eine vielversprechende Mischung. Wenn dann auch noch die Absicherung stimmen würde, könnte sich Bremen sogar auf eine entspannte Saison freuen.

Das war auch in der vergangenen Spielzeit das Ziel. Jetzt nimmt Viktor Skripnik in Bremen einen neuen Anlauf. Es könnte sein letzter sein.

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spitzaufknoof 26.08.2016
1. Werder
ist eine große Familie. Sie hält zusammen und schleppt aber schon zu lange ein "schwarzes Schaf " mit sich herum. Daran ändern auch namhafte Verpflichtungen leider nichts. Passiert nichts droht schon wieder eine Zittersaison. Heute bereits droht ein fürchterliches Debakel.
doktor_schreyne-mayr 26.08.2016
2. Guter Artikel
Werder wird wieder gegen den Abstieg spielen, da bin ich mir sicher. Ich hoffe, dass Skripnik Erfolg haben wird, die Zweifel aber sind groß, besonders nach dem gottserbärmlichen Pokalaus.
johannesraabe 26.08.2016
3.
Das Problem in Bremen ist, dass der Niedergang unter Schaaf am Ende sehr wehtat und dass dann ein Eishockey Fachmann übernahm. Es gab/gibt als erstes keine Lösung für Bremens Tor. Herthas Zweiter Torwart ist besser als alle seit Wiese, der wäre auch noch preiswert gewesen. Des weiteren hält man keine Spieler oder verkauft sie an die Konkurrenz. Wie kann man Vestergaard oder di Santo so billig an Konkurrenten abgeben. Wie viel Millionen wurden in Obraniak versenkt. In Bremen gab es kein Konzept. Anscheinend ist der neue Manager vielversprechender.
sonntag500 26.08.2016
4. Jetzt beginnt die Zeit der Glaskugel, ...
... Kaffeesatzleser und Bayern-Fans. Plätze werden besetzt, Wunschträume geäußert, Unsinn geredet. Unterm Strich bleibt nur sich die BL nicht anzuschauen und darauf zu wetten, das Bayern München im CL-Vergleich in der Gruppenphase scheitert und die gekaufte österreichische Brause-Truppe absteigt. Zu letzterem verwette ich 10EUR.
songoku 26.08.2016
5. @johannesraabe
@johannesraabe das ist kompletter quatsch. Eichin hat Werder auf die richtige Spur gebracht, er holte viele Mehrwertspieler ohne viel Geld ausgeben zu dürfen. Ohne ihn hätte man diese Transferperiode nicht so viel ausgeben können. Di Santo hatte eine Ausstiegsklausel, Vestergaard wollte weg und ist ersetzbar und brachte viel Geld rein, Obraniak war zwar ein Flop, aber hat "nur" 1,5 mio gekostet. Baumann gibt quasi das Geld aus, das Eichin eingenommen hat. Da gab es größere Flops. Werder schreibt das erste mal seit langer Zeit wieder schwarze Zahlen, dank Eichin. Das nächste mal bitte mehr recherchieren ;-)
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