Bremen vor dem Endspiel Hier ist man einfach liebenswerder

Platzsturm? Wut auf Spieler oder Klubbosse? Nicht in Bremen. Im Abstiegskampf rückt die Stadt zusammen. Kann man ein Fußballteam mit Liebe retten?

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Aus Bremen berichtet


Jonny Otten empfängt im ersten Stock seiner Firma im Bremer Osten. Er macht einen entspannten Eindruck. Adidas-Schuhe, kurze Hose, blaues Poloshirt. Der Abstieg? Ein schlechtes Thema für den Einstieg. "Darüber können wir immer noch reden, wenn es soweit ist", sagt Otten.

Und soweit ist es ja noch nicht.

Otten, 55 Jahre alt, war lange Linksverteidiger beim SV Werder, eine Legende. 1988 wurde er mit dem Verein Deutscher Meister, 1991 Pokalsieger, 1992 Europapokalsieger. Sein Start war allerdings schwierig. Er debütierte in der Saison 1979/1980, zusammen mit dem jungen Thomas Schaaf, machte fast alle Spiele, doch die Bremer stiegen ab. Es war der erste und bisher einzige Abstiegs des Klubs, und Otten ist überzeugt, dass am Samstag kein zweiter Abstieg dazukommt.

Werder-Legende Otten
Hendrik Buchheister

Werder-Legende Otten

Werder steht auf dem Relegationsplatz, empfängt den Tabellen-15. Eintracht Frankfurt (15.30 Uhr, High-Liveticker SPIEGEL ONLINE). Ein Endspiel um die Erstklassigkeit. Der Sieger bleibt in der Bundesliga, der Verlierer steigt direkt ab, wenn es ganz blöd läuft.

Die jüngsten Spiele haben Otten optimistisch gestimmt. Beim 0:0 am vergangenen Wochenende gegen Köln blieb Werder zum ersten Mal in dieser Saison ohne Gegentor. Darauf lässt sich aufbauen gegen Frankfurt. "Ich hoffe wieder auf ein zu Null. 2:0 oder 3:0. Es kann auch ein 3:1 sein. Hauptsache, wir gewinnen", sagt Otten. Er ist zuversichtlich, und das liegt nicht nur daran, dass er wohl grundsätzlich ein zuversichtlicher Mensch ist.

Zuversicht ist ein weit verbreitetes Gefühl in Bremen in diesen Tagen.

Abstiegskampf mit freundlichem Gesicht

Der Abstiegskampf kann hässliche Dinge auslösen. Frust, Resignation, Wut. Und er kann hässliche Bilder produzieren. Als der 1. FC Köln vor vier Jahren abstieg, hüllten Fans das Kölner Stadion in schwarzen Rauch. Anhänger von Dynamo Dresden drohten den Spielern beim Abstieg aus der zweiten Liga vor zwei Jahren per Spruchband, dass sie ein Stunde hätten, um die Stadt zu verlassen. Am vergangenen Wochenende rannten Fans des VfB Stuttgart auf den Platz, zum Teil vermummt, um die Spieler nach der 1:3-Niederlage gegen Mainz zur Rede zu stellen. Bittere Abstiegsfolklore.

Im Bremen hat der Kampf ums Überleben ein freundliches Gesicht. Das von Johanna Göddecke zum Beispiel, einer 23 Jahre alten Zahntechnikerin. Sie sitzt im Eisen, einer Kneipe, die sie eigentlich nur verqualmt und im Dunkeln kennt, weil sie nach den Spielen immer hier ist. Vor einem Jahr hat sie mit Freunden einen Fanklub gegründet, der sich bei Twitter organisiert. Mehr als 180 Mitglieder, zwei davon in Australien. Nach der Niederlage gegen Augsburg vor fünf Wochen fand sie, dass die Fans irgendeine Aktion starten müssten, um Zusammenhalt zu zeigen und der Mannschaft Kraft zu schenken.

Hendrik Buchheister

Als Werder vor drei Jahren gegen den Abstieg spielte, versammelte sich die Stadt hinter dem Motto" ALLEz GRÜN". Diesmal heißt der Slogan #greenwhitewonderwall. Erfunden hat ihn einer der Leute aus dem Fanklub auf der Toilette, angelehnt an das Lied "Wonderwall" von Oasis, das bei den Bremer Fans beliebt ist seit einem Freundschaftsspiel bei West Ham United vor der Saison. Erst war der Slogan nur im Internet zu lesen, doch die Kampagne ist schnell auf die Straße gewandert und ins Stadion. Bei den vergangenen beiden Heimspielen hat der Fanklub einen Empfang für den Mannschaftsbus organisiert, Tausende Menschen waren da. Beide Spiele wurden gewonnen, 3:2 gegen Wolfsburg,6:2 gegen Stuttgart.

"Dann fahren wir eben nach Sandhausen"

Beim Spiel gegen Stuttgart stand das ganze Stadion, weil der Fanklub dazu aufgerufen hatte, und es war laut wie lange nicht. Das lag auch an den sogenannten Klatschpappen, die Werder verteilt hatte, vor allem aber daran, dass das Publikum merkte, wie dringend die Mannschaft Unterstützung von den Rängen brauchte. Gegen Frankfurt soll das alles noch einmal getoppt werden. "Klar macht einen das stolz, wenn es funktioniert. Aber es hätte auch in die Hose gehen können", sagt Göddecke über ihre Initiative. Sie hofft, dass am Samstag um 17.20 Uhr alles vorbei ist, dass Werder nicht in die Relegation muss oder dass es noch schlimmer kommt.

Und falls die Mannschaft doch absteigt? "Dann fahren wir eben nach Sandhausen", sagt Göddecke.

Anti-Abstiegsfront: die #greenwhitewonderwall

Anti-Abstiegsfront: die #greenwhitewonderwall

Auch Clemens Fritz macht einen entspannten Eindruck, als er in schwarzen Badelatschen und kurzer Sporthose in den Katakomben des Weserstadions vor die Presse tritt. "Schön, dass ihr alle da seid", ruft er, als er die Menge der Reporter sieht. Dabei sind viele Reporter immer ein Zeichen, dass die Lage ernst ist. Fritz, der Bremer Kapitän, spricht davon, dass er nicht um das Spiel gegen Frankfurt herum komme, wenn er morgens zum Bäcker geht oder zum Supermarkt. Werder ist das wichtigste Thema in diesen Tagen. "Die ganze Stadt steht hinter uns, die Stimmung ist positiv", sagt Fritz.

Das merkt man, wenn man das Training der Bremer besucht. Die Sonne scheint, mehr als hundert Menschen sind da, viele junge Leute. Im Abstiegskampf wird viel gemeckert. Über die Vereinsführung, die nichts von ihrer Arbeit versteht. Über den Trainer, der die Mannschaft nicht erreicht. Über die Millionarios auf dem Rasen, die in Gedanken schon bei einem anderen Verein sind. In Bremen sind solche Klagen nicht zu hören. Die Fans haben sich damit arrangiert, dass nach den fetten Jahren des Europapokals gespart werden muss, dass öfter verloren wird als gewonnen.

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Welche Mannschaft steigt direkt aus der 1. Liga ab?

In seiner Firma spricht Linksverteidiger-Legende Otten jetzt doch über den Abstieg. Er hat immer noch seine Finger im Spiel bei Werder, lange nach dem Ende seiner Karriere. Er beflockt die Trikots, mit denen die Bremer in der Bundesliga auflaufen, druckt Namen und Nummer auf den Rücken, das Sponsorenlogo auf die Brust, das Wappen der Liga auf den Ärmel. Wenn es sein müsste, würde er das auch in der zweiten Liga machen. Ein Abstieg muss kein Weltuntergang sein, das weiß er aus eigener Erfahrung. "Wir haben uns damals schnell mit der zweiten Liga abgefunden und hatten einen erfolgreiche Saison", sagt Otten.

Nach dem ersten und bisher einzigen Abstieg sind die Bremer gleich wieder aufgestiegen.

insgesamt 51 Beiträge
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grand finale 12.05.2016
1. das wird ein Kracher...
definitiv das spannendste Spiel der ganzen Saison ;)
dr.gamander 12.05.2016
2. Sorry, liebe Werderaner....
.....aber der VfB wird sich gegen den VW den Allerwertesten aufreißen und knapp gewinnen, während die Frankfurter den Rückenwind aus dem BVB-Spiel nutzen und auch bei euch gewinnen werden. In zwei Jahren ist dann wieder Derbytime. Hoffentlich!
herminator_der_1. 12.05.2016
3. Werder unabsteigbar !!!!
werder steigt nicht ab. Wir gewinnen 3:2 nach 0:2 Rückstand. Entscheidendes Tor in der 95 min. durch Phantomtor per Kopf von Wiedwald. SVW ALLEZ ALLEZ
karlsoost 12.05.2016
4. @dr.gamander
Mag sein. Aber dann müssten wir wohl eine Ehrenrunde drehen ?? Spätestens am Ende der kommenden Saison könnt ihr dann auch Abstieg - schaut einfach zu. Gruß dem Dino
Sal.Paradies 12.05.2016
5. Falsch zitiert
Zitat von dr.gamander.....aber der VfB wird sich gegen den VW den Allerwertesten aufreißen und knapp gewinnen, während die Frankfurter den Rückenwind aus dem BVB-Spiel nutzen und auch bei euch gewinnen werden. In zwei Jahren ist dann wieder Derbytime. Hoffentlich!
Da musst Du etwas falsch verstanden haben. Wenn hier jemadem der Hintern "aufgerissen" wird, dann ganz bestimmt den Schwaben! Und die SGE wird "verlieren", damit die BuLi auch nächste Saison die Grünen auflaufen sieht. Frankfurt geht in die Relegation, wo sie die Clubberer besiegen. Alles klar soweit.... ;-)
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