Werder-Debakel auf Schalke Krise? Na und!

Schon wieder eine Klatsche gegen eine Top-Mannschaft: Werder Bremen ging auch auf Schalke unter, hat sich wohl endgültig aus dem Titelrennen verabschiedet. Für die Clubleitung ist das kein Problem. An der Weser hat man sich mit dem Absturz ins Mittelmaß abgefunden.

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Von , Gelsenkirchen


Zumindest ein Bremer erreichte Hochform an diesem düsteren Wintertag, der für Werder mit einer fürchterlichen 0:5-Demütigung beim FC Schalke 04 zu Ende gegangen war. Klaus Allofs ist ein Meister der Mäßigung, wenn es gilt, die Wut der Fans und die Kritik der Experten abzumildern, dann blüht der Geschäftsführer auf. Nein, sprachlos sei er nach diesem Debakel keineswegs, im Gegenteil, "die Sache ist doch recht klar", sagte Allofs mit einer erstaunlichen Portion Zuversicht in der Stimme: "Scheinbar sind wir für die Begegnungen mit den Top-Mannschaften nicht gut genug, das muss man einfach so akzeptieren."

Mit der typischen Bremer Nüchternheit begegnete Allofs einem Desaster, das Verteidiger Naldo nur "peinlich" nannte. Auch Allofs redete nichts schön, aber aus dem Mund des 55-Jährigen hören sich selbst härteste Urteile an wie konstruktive Beiträge auf dem Weg in eine bessere Zeit. "Da sind einige da, die von Großem träumen, aber noch nicht wissen, dass sie eine Menge dafür tun müssen", so Allofs und klang dabei besonnen, vernünftig, ja fast schon optimistisch.

Hätte Uli Hoeneß einen solchen Satz über seine Münchner gesagt, hätten wahrscheinlich die Alpen gebebt, Bremen funktioniert anders. "Wir sind noch kein Team, das nach der Erfahrung aus dem Vorjahr schon wieder um die Champions-League-Plätze mitspielen kann", stellte Allofs fest. Dieser These kann nach dieser Hinrunde niemand widersprechen. Denn im direkten Vergleich mit den anderen Spitzenteams war Werder ganz und gar chancenlos. In den Partien gegen Bayern (1:4), Dortmund (0:2), Leverkusen (0:1), Mönchengladbach (0:5) und nun Schalke hat die Mannschaft in der ersten Saisonhälfte keinen einzigen Punkt erspielt, bei einer Tordifferenz von 1:17. So lässt sich natürlich nicht mithalten, und diese Fakten spiegeln eine ganz grundsätzliche Entwicklung an der Weser.

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Grafische Analyse: Schalker Passkönige und Bremer Laufwunder
Nachdem der Club erstmals seit vielen Jahren auf die Einnahmen aus der Champions League verzichten muss, fehlt dem Kader an einigen Stellen einfach die Substanz. Auf Schalke musste Sebastian Prödl den gesperrten Sokratis rechts in der Viererkette ersetzen, wirkte völlig überfordert und wurde zur Halbzeit ausgewechselt. Aber auch Florian Trinks, Philipp Bargfrede oder Aleksandar Ignjovski waren noch nie Fußballprofis von internationalem Format. Und in den Heimspielen war das Team zuletzt ähnlich abhängig von den Leistungen Claudio Pizarros wie die Kölner von Lukas Podolski. Das ist wahrlich kein gutes Zeichen.

Denn wenn ein Gegner Pizarro unter Kontrolle bringt, dann bleibt Werder meist harmlos, vor allen Dingen auswärts. Auf Schalke trabte die halbe Bremer Mannschaft erschreckend lustlos über den Platz, einige wirkten völlig unmotiviert. "Schalke hat uns sehr gut vorgemacht, mit welcher Aggressivität die Zweikämpfe geführt werden", sagte Allofs, "da war kein Weg zu weit, immer war jemand zur Unterstützung da, das war bei uns nicht zu sehen."

Die große Frage, warum sich dieser Mangel an Einstellung immer wieder auswärts zeigt, konnte aber niemand beantworten. "Wir müssen die richtige Balance finden, können nicht in der einen Woche 4:1 gewinnen und dann 0:5 verlieren", so Pizarro, dessen Team sich zuletzt schon in Mönchengladbach und München hatte demütigen lassen. Kapitän Clemens Fritz dachte über "eine Blockade im Kopf" nach und Allofs scherzte finster: "Vielleicht sollten wir eine neue Auswärtsmannschaft verpflichten."

Das wird er natürlich nicht tun, dazu fehlt den Bremern schlicht das Geld, der Kader werde in diesem Winter nicht entscheidend verändert, kündigte der Geschäftsführer daher an. Die zweifelhafte Mentalität der Mannschaft lässt sich ohnehin nicht durch zwei, drei Neuverpflichtungen verändern. Und zuletzt waren die Bremer auch eher glücklos auf dem Transfermarkt, das ist wohl die Hauptursache für die Probleme der Gegenwart. Einen Spieler, der wirklich begeistert, hat Allofs schon länger nicht mehr entdeckt, auch deshalb kann Werder spätestens nach dieser Niederlage nicht mehr als Meisterschaftskandidat gelten. Aber in dieser Rolle haben sie sich ohnehin nicht gesehen. Dazu sind sie viel zu nüchtern an der Weser.

Schalke 04 - Werder Bremen 5:0 (2:0)
1:0 Raúl (16.)
2:0 Raúl (20.)
3:0 Raúl (63.)
4:0 Papadopoulos (67.)
5:0 Huntelaar (70.)
Schalke: Unnerstall - Höwedes, Papadopoulos, Matip, Christian Fuchs - Jones - Höger, Jurado (74. Baumjohann) - Raúl - Huntelaar (77. Marica), Pukki (57. Draxler)
Bremen: Wiese - Prödl (46. Arnautovic), Wolf, Naldo, Schmitz - Bargfrede - Fritz, Ignjovski - Trinks (71. Wesley) - Pizarro, Rosenberg
Schiedsrichter: Gräfe
Zuschauer: 61.673 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Raúl (2), Höwedes (4) - Ignjovski (3), Fritz (3)

insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
john_adams 18.12.2011
1. Richtig...
Zitat von sysopSchon wieder eine Klatsche gegen eine Top-Mannschaft: Werder Bremen ging auch auf Schalke unter, hat sich wohl endgültig aus dem Titelrennen verabschiedet. Für die Clubleitung ist das kein Problem. An der Weser hat man sich mit dem Absturz in Mittelmaß abgefunden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,804444,00.html
die teilweise gezeigte Lustlosigkeit war wirklich erschreckend. Man spielte zwar im Mittelfeld technisch versierter als die Schalker, war aber nicht bereit, die Laufarbeit zu inverstieren, die die Bremer Mittelfeldraute erfordert, und ließ so immensen Platz auf den Außen. Die mangelnde Motivation war schon letzte Saison der Anfang allen Übels. Die Frage nach den Ursachen hierfür muss geklärt werden.
rufer-in-der-wüste 18.12.2011
2. Bornout
So ist das nun mal, das man an seinem Arbeitsplatz auch depressive Phasen hat. Da kommt einem das Tageswerk schon mal müselig vor und man ist weit entfernt von seiner normalen Tagesform. Das Gehalt läuft weiter und das Stadion ist ausverkauft. Kriese? Na und!
blra 18.12.2011
3.
Vier Punkte: Erstens befindet sich Werder nicht im Mittelmaß, sondern auf Platz fünf. Das hat doch nichts mit Mittelmaß zu tun. Fragt mal in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder Wolfsburg nach der Definition von Mittelmaß. Zweitens ist die Aussage "Einen Spieler, der wirklich begeistert, hat Allofs schon länger nicht mehr entdeckt" totaler Schwachsinn. Bezogen auf diese Saison hat Allofs zwei Spieler verpflichtet, die die Werder-Fans über weite Strecken vollkommen überzeugt hat: Ignjovski und Sokratis. Drittens vergisst dieser Artikel, dass Werder letzte Saison im Abstiegskampf steckte und in der Sommerpause einen Umbruch gemacht hat. Da kann man doch nicht erwarten, dass Werder um die Meisterschaft mitspielt! Der Spiegel anscheinend schon. Viertens hat Werder komischerweise 29 Punkte und dabei fast alle Teams aus der zweiten Tabellenhälfte geschlagen. Wenn Werder eine ähnliche Konstanz gegen solche Teams in der Jahren 2005-2008 gehabt hätte, wäre Werder dreimal Meister geworden. Das ist doch schon ein positiver Aspekt.
Zero Thrust 18.12.2011
4.
Zitat von sysopSchon wieder eine Klatsche gegen eine Top-Mannschaft: Werder Bremen ging auch auf Schalke unter, hat sich wohl endgültig aus dem Titelrennen verabschiedet. Für die Clubleitung ist das kein Problem. An der Weser hat man sich mit dem Absturz in Mittelmaß abgefunden. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,804444,00.html
Absturz ins Mittelmaß ist die negative Sichtweise. Und damit sicherlich nicht die, die man in Bremen selbst bevorzugt, jedenfalls ist das nicht mein Eindruck. In Bremen besinnt man sich wohl eher darauf (zurück), auch mal kleinere, oder zumindest nicht immer die größten Brötchen zu backen, geschweige denn, dies zu können. Genau das und nur das wäre auch typisch hanseatisch, erst recht typisch für Bremen. Was heißt das denn, Absturz ins Mittelmaß? Man sollte nicht vergessen, dass das, was Werder in den letzten Jahren bisweilen zu leisten im Stande war, im Grunde so was gewesen ist, wie ein Wunder im Dauerlauf. Hier: Hätte, hätten, wenn und aber. Aber Werder Bremen ist eben nicht Bayern München, Werder ist, landesweite Beliebtheit hin oder her - zumindest was Einzugsgebiet betrifft - auch nicht Schalke 04 oder Borussia Dortmund! Nicht zuletzt was internationale Erfolgserlebnisse betrifft, müsste man gerade von letztgenannten eigentlich wesentlich mehr erwarten. Während andererseits Bremen eine Stadt ist, wie z. B. der Heimatort eines anderen Nordclubs, Hannover, mit in etwa vergleichbarem Einzugsgebiet - nur, dass man in Hannover ein Jahrtausendereignis feiert, wenn man "mal" Europa League spielt und bei Bremen einen Absturz ins Mittelmaß wähnt, wenn sie denn "mal" nicht um die Meisterschaft spielen (können). Diesen Absturz ins Mittelmaß sehen nur die Medien, für die wohl alles zur dauerhaft garantierten Topmannschaft avanciert, was auch nur 2-3 Mal CL spielt. In Bremen selbst sind sie derweil nie in den Himmel geschossen, sondern immer schön auf dem realistischen Boden der Tatsachen geblieben - und was ist es wohl, was sie u. a. so beliebt macht? Es ist nicht nur der zeitweise mitreißende Fußball, sondern eben auch die Attitüde, die dahinter steht. Jetzt gab es ein (wirklich) mieses Resultat auf Schalke, da spricht man dann natürlich direkt (mal wieder) von der (nächsten) Bremer "Krise". Meine Güte, Werder ist auf Tabellenplatz *_5_*! Und damit, was?! Tatsache, immer noch der beste Nordclub! Was wollt ihr eigentlich? Ein Glück. Auf welchem Platz stehen eigentlich die Hamburger? So ein Blödsinn, noch zuletzt gab es ein 4:1 gegen Wolfsburg und Sie ziehen hier mal eben Parallelen bis zurück zur letzten Saison. Die Probleme in Sachen Motivation sind letztlich spielspezifisch, das könnt' in einer Woche schon wieder ganz anders aussehen, ist doch wohl klar. Das Ding ist doch schon viel eher dass, selbst wenn, dabei immer noch nichts Unerhörtes herauskommen wird. Denn dafür fehlt es ganz einfach am Personal. Wenn, dann liegt hier das Problem. So wie's im Moment ausschaut, gibt dieser Kader nicht viel mehr her, als den 5. Platz. Kann er gar nicht. Ich sag ja, in Bremen stapeln sie tief. Und das ist das Resultat. Und das ist meine Meinung.
Andr.e 18.12.2011
5. .
---Zitat--- Nachdem der Club erstmals seit vielen Jahren auf die Einnahmen aus der Champions League verzichten muss, fehlt dem Kader an einigen Stellen einfach die Substanz. ---Zitatende--- *Hust*. Vielleicht sollte die versammelte Medienlandschaft damit aufhören, diesen Blödsinn ständig wiederzukäuen. Man hat die letzten Jahre fast immer Champion's League gespielt und es dann geschafft, gemessen am Gehalt, so Graupen wie Hunt Millionenverträge hinterherzuschmeißen oder völlig über den Zenit hinausgehenden Spielern wie Frings noch mal ein schönes Jahressalär zu verpassen. Von den millionenteuren Flops möchte ich nicht anfangen. Das kann ja passieren - in Bremen sogar in schöner Regelmäßigkeit. Das dann angeblich kein Geld mehr da sei, geht wohl auch auf mehr zurück, als auf den überteuerten Spielerkader, aber das mögen bitte andere beurteilen. In Bremen hat man vor 4 Jahren den Abstieg bereits begonnen, da man aber vor allem aufs schnöde Ergebnis schaut, konnte das mit DFB-Pokalsieg und EL-Finale noch überspielt werden. Trotzdem kommt man so langsam dort an, wo man hingehört. Und zu meinem Vorredner noch ein Wort: Macht Werder so weiter, wovon auszugehen ist, dann werden solche Spiele wie gegen Lautern, Berlin, Köln oder Freiburg nicht mehr gewonnen. Und siehe da: Willkommen im Mittelmaß. Für weniger wird es diese Saison nicht mehr reichen.
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