Werder-Sieg gegen Real Triumph des dezimierten Kollektivs
Thomas Schaaf hielt sich nicht lange mit Förmlichkeiten auf. Sofort nach dem Abpfiff umarmte Werder Bremens Trainer Physiotherapeut Holger Berger derart innig, dass es fast schien, Berger habe selbst auf dem Platz gestanden. Dabei war Schaafs ungewohnter Gefühlsausbruch nur das Spiegelbild der bewegenden 90 Minuten auf dem Rasen zuvor. Wieder einmal hatten die Bremer, beim 3:2-Sieg in der Champions League über Real Madrid, in dieser Saison einen vermeintlich größeren Gegner bezwungen arg gehandicapt durch den Ausfall von insgesamt acht Stammspielern. Das Fehlen von Tim Wiese, Pierre Womé, Diego, Leon Andreasen, Torsten Frings und Hugo Almeida stand schon am Dienstag fest. Am Spieltag kam noch die kurzfristige Absage von Nationalspieler Tim Borowski wegen Leistenproblemen hinzu und im Spiel musste Clemens Fritz schon nach sechs Minuten wegen einer Oberschenkelzerrung ausgewechselt werden.
Trotzdem schlugen die Bremer den spanischen Meister verdient. Markus Rosenberg (4.), Boubacar Sanogo (40.) und Aaron Hunt (58.) trafen für Werder, das mit permanentem Pressing die Madrilenen überraschte. Dem Team von Trainer Bernd Schuster gelang nur der zwischenzeitliche Ausgleich durch Robinho (14.) und der Anschlusstreffer von Ruud van Nistelrooy (71.). Nach zuvor drei Niederlagen in vier Spielen der Champions League besitzen die Bremer nun wieder alle Chancen, doch noch das Achtelfinale zu erreichen. Dazu ist allerdings in zwei Wochen auch beim griechischen Meister Olympiakos Piräus ein Sieg nötig.
Berauscht durch die Fähigkeit seines Teams, den Verletzungssorgen sowie Umstellungen im Kader mit kombinationssicherem Offensivfußball zu trotzen, verkündete Schaaf nach dem Madrid-Spiel voller Stolz und Optimismus: "Ich hoffe, alle haben gemerkt, was meine Mannschaft leistet." Schuster setzte die Aufforderung sofort um und zollte auf derbe Art Respekt: "Hier bei Werder habe ich schon als Spieler immer auf den Sack bekommen."
Bremens Sportdirektor Klaus Allofs strahlte ebenfalls. "In solchen Spielen rückt unsere Mannschaft zusammen und wir haben uns aufgebäumt. Vor dem Spiel waren wir praktisch schon ausgeschieden, jetzt ist wieder alles drin." Zum Glück hätten die Skeptiker unrecht gehabt, so Allofs: "Im Umfeld war niemand überzeugt, dass wir Madrid schlagen können. Und jetzt haben wir ein Ausrufezeichen in Europa gesetzt."
Den 36.350 Zuschauern im Weserstadion war das Erstaunen über den nicht erwarteten Leistungsschub ihres Teams anzumerken, erst ab der 40. Minute schwappte Europapokal-Atmosphäre durchs Rund. Zuvor ließen sich die eh stets immer ein wenig unterkühlt wirkenden Norddeutschen von der begeisternden Partie ihrer Schützlinge nicht von den Sitzen reißen, sondern begleiteten die Partie relativ emotionslos. "Wir mussten unsere Fans erst mitreißen, aber dann war es fantastisch", brüllte der schwedische Nationalstürmer Rosenberg nach dem Abpfiff in die Mikrofone.
Dessen Kollege im Sturm, Aaron Hunt, avancierte hinterher zur Symbolfigur des Bremer Aufschwungs. Der 21-Jährige hatte wegen Knie- und Leistenbeschwerden ein halbes Jahr kein Spiel bestritten und befindet sich erst seit zehn Tagen wieder im Mannschaftstraining. Hunt vertrat den gesperrten brasilianischen Spielmacher Diego als zentraler Ballverteiler im Mittelfeld.
"Ich habe diese Position noch nie gespielt, aber darüber habe ich einfach nicht nachgedacht", sagte Hunt. Der Deutsch-Engländer hatte noch vor zwei Monaten über sein Karriereende nachgedacht, weil immer wieder auftretende Schmerzen seine Rückkehr auf den Platz verzögerten. Beim Triumph gegen Real krönte Hunt seine engagierte Leistung durch das entscheidende 3:1 und war anschließend nur froh, "endlich wieder mal als Spieler ins Weserstadion zu fahren und nicht bloß als Zuschauer".
Für Abwehrchef Per Merstesacker ist es genau dieser Teamgeist, der die in der Bundesliga seit neun Spielen unbesiegten Bremer auszeichnet. "Wir verkraften alle Hiobsbotschaften", sagte der Nationalverteidiger. Denn seit der Vorbereitung muss Werder immer wieder etliche Akteure ersetzen, darunter Langzeitverletzte wie Frings, Womé oder Patrick Owomoyela. "Der Sieg gegen Madrid war nicht nur lebensnotwendig für unser Weiterkommen in der Champions League, sondern auch für das Image der Bundesliga. Diese Pflicht hatten wir", wurde Mertesacker fast staatstragend.
Viel Zeit den Erfolg zu genießen, haben die Bremer allerdings nicht. Am Samstag steht für den ersten Bayern-Jäger (nur ein Punkt Rückstand) die nächste Bewährungsprobe an. Dann gastiert der Hamburger SV. Zweiter gegen Dritter, die Bremer Fans hoffen auf ein erneutes Festspiel.
Werder Bremen - Real Madrid 3:2 (2:1)
1:0 Rosenberg (4.)
1:1 Robinho (14.)
2:1 Sanogo (40.)
3:1 Hunt (58.)
3:2 van Nistelrooy (71.)
Bremen: Vander - Fritz (6. Tosic), Mertesacker, Naldo, Pasanen - Baumann - Vranjes, Hunt (76. Harnik) - Jensen - Sanogo (87. Carlos Alberto), Rosenberg
Madrid: Casillas - Sergio Ramos, Metzelder, Pepe, Marcelo - Robinho (75. Robben), Diarra, Gago (61. Higuain), Guti - van Nistelrooy, Raúl
Schiedsrichter: Vink (Niederlande)
Zuschauer: 36.350
Gelbe Karten: Hunt / Pepe, Sergio Ramos, Diarra