Werder-Wahnsinn Dank an Oma und Otto

Im Norden gelten sie als Emporkömmlinge, aber nicht als Traditionsverein. Jens Otto entschied sich dennoch oder vielleicht sogar deshalb für Werder Bremen. Eine ganz wichtige Rolle spielten dabei aber auch Großmutter und Coach Otto Rehhagel.


Oft habe ich es verflucht, Werderfan zu sein. In der grün-weißen Diaspora, die das von Dortmund-, Schalke- und natürlich Bayernfans verseuchte Ostwestfalen nun mal ist, leben zu müssen. Keine Chance zu sehen, dass die Zeiten sicher auch mal wieder besser werden würden, als sie es unter Trainern wie Felix Magath, Aad de Mos und Dixie Dörner waren. Dabei ging alles so gut los. 1993 war das Jahr, das meinem Fanleben den entscheidenden Schub bringen sollte. In der Bundesliga stritten sich Bayern München und Werder Bremen um den Platz an der Sonne. Das war mir bis kurz vor Schluss der Saison jedoch nicht einmal bewusst, denn Fußball fand ich damals noch eher langweilig.

Werder-Coach Rehhagel (r.) und Spieler Basler (1995): Großartige Arbeit, etliche Erfolge
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Werder-Coach Rehhagel (r.) und Spieler Basler (1995): Großartige Arbeit, etliche Erfolge

Eines aber wusste ich von Oma. Wenn ein Mensch im deutschen Fußball Sympathie und Daumendrücken verdient hatte, dann Otto Rehhagel. Zu behaupten, dass Oma in ihn verliebt war, wäre wohl zu viel des Guten und unfair gegenüber Opa, aber ganz toll fand sie ihn mindestens. Rehhagel war also ein Guter und Trainer von Werder, die gerade den Bayern, von denen ich bereits wusste, dass vernünftige Menschen sie nicht mögen dürfen, die Meisterschaft vor der Nase wegschnappten. Zwei Gründe, die reichten, um mich zum Fußball- und unsterblichen Werderfan zu machen. Zugegeben, es klingt schon ein wenig unromantisch, das Entstehen meiner ersten wahren Liebe dergestalt zu entschlüsseln, aber so war es nun mal.

Wie oft habe ich mich danach geärgert, dass es so gekommen war. Otto, den die Bayern, gegen die er bis dahin leidenschaftlich gekämpft hatte, plötzlich gut fanden, ging - und mit ihm auch erst einmal der Erfolg. Das Fundament, auf das meine Werderliebe gebaut war, zog komplett in den Süden der Republik, und Werder gen Süden der Tabelle. Spott gab es zuhauf für den einzigen Fischkopp weit und breit – als Werderfan in NRW aufzuwachsen ist wahrlich kein Spaß. Der einzige Verbündete, den ich im Dorf hatte, hielt dem Druck nicht lange stand und wechselte bald ins Lager der Schalker. Doch dieser Verrat schweißte mich nur noch stärker an meinen Verein, der zwar nicht viel gewann, aber immer sympathisch blieb.

Kaum jemand, ob Fan oder nicht, kann bestreiten, dass dies die Wahrheit ist. An der Weser wird fast immer ruhig und besonnen gearbeitet, große Klappe und große Portemonnaies haben die anderen. So war es seit Anbeginn der Bundesliga, und so wird es hoffentlich noch lange bleiben. Die Manager Willi Lemke und später Klaus Allofs nötigten und nötigen mir mit ihrer Arbeit tiefen Respekt ab und bestärken mich immer wieder in dem Glauben, im Mai 1993 keinen Fehler gemacht zu haben, als ich mein Fanherz lebenslang grün-weiß anstrich.

Anno 2003, nach zehn Jahren Bangen und Jubeln mit meinem und für meinen Verein und der hin und wieder gestellten Sinnfrage, bekam ich dann endlich die Bestätigung, dass ich das Richtige tat und mein Dasein als Werderfan von einer höheren Macht wohlwollend unterstützt wurde. Der Fußballgott erschien mir, zwar nicht persönlich, aber immerhin in Form einer Zulassung fürs Studium an der Hochschule in – bedeutungsschwere Pause – Bremen. Endlich weg von den ganzen blau-weißen und gelb-schwarzen Ahnungslosen, ab in meine persönliche Fußballhauptstadt und in Sichtweite der Werderheimat. Der Umzug die Weser herunter hat uns beiden gutgetan: Ich konnte endlich ins Stadion gehen und meine Mannschaft live spielen sehen. Werder hat seitdem Pokal und Meisterschaft gewonnen und ansonsten in der Bundesliga als schlechteste Platzierung einen dritten Platz vorzuweisen.

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Natürlich muss ich zugeben, dass ich wohl nicht ganz allein für den Erfolg verantwortlich bin. Nach ganz viel Rumpelfußball Mitte bis Ende der neunziger Jahre haben in den letzten Spielzeiten Künstler wie Johan Micoud für Werder gegen den Ball getreten, die endlich einmal die gebührende Anerkennung von denen einbrachten, deren Lieblingsmannschaften man als Werderfan früher nur aus der Froschperspektive in der Tabelle sehen konnte. Natürlich sollte es mir eigentlich egal sein, was andere über meinen Verein denken und sagen. Aber ich kann nicht leugnen, dass sich in den Jahren nach König Otto ein gewisser Minderwertigkeitskomplex breit machte. Der verschwand allerdings spätestens mit dem Gewinn des Doubles wieder tief in der Versenkung, aus der er gekommen war. Ich bin Thomas Schaaf, der in seinen Jahren als Cheftrainer Werder Bremens viel geleistet hat, für diese Erleichterung besonders dankbar.

Einige Pessimisten, denen der Erfolg langsam unheimlich wird, unken nun seit einer Weile, mit dem sympathischen Verein Werder Bremen, der so oft als große, heimelige Familie mit Herz beschrieben wurde, sei es bald vorbei. Kommerz und Größenwahn sollen die Geister sein, die Werder rief und – geht es nach den Nörglern – nicht wieder loswerden wird. Ich hoffe, dass mein Verein es schafft, nicht in diese Falle zu tappen und mir und allen Werderfreunden einmal mehr zu beweisen, warum er so viel besser ist als sämtliche anderen Fußballclubs dieser Welt.

Und auch, wenn mal wieder etwas schiefgehen und Werder nicht mehr in der Lage sein sollte, eine Fußballgala nach der anderen abzuliefern, oder wenn ich diese Stadt eines Tages doch wieder verlassen muss und nicht mehr die Weser zum Stadion heraufblicken kann, werde ich nicht auf die Idee kommen, den SVW weniger liebzuhaben. Oma und Otto sei Dank.



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