Werders Scheitern Harakiri im Hinterraum

Vorne hui, hinten pfui - gegen Valencia scheiterte Bremen schon wieder wegen eklatanter Defensivschwächen. Das Aus in der Europa League bedeutet für Werder: Jetzt muss ein Triumph im DFB-Pokal her, um die verkorkste Saison noch irgendwie zu retten.

dpa

Von , Bremen


Loben oder tadeln? Traurig oder trotzig sein? Stolz empfinden oder Kritik üben? Selten hat ein Europapokalspiel so geteilte Stimmungen ausgelöst, wie das 4:4 (1:3) zwischen Werder Bremen und dem FC Valencia am Donnerstagabend. Ein Achtelfinale in der Europa League, das sich nahtlos in die lange Historie atemberaubender Flutlichtabende im Weserstadion einordnen lässt.

Doch statt einem erneuten Wunder von der Weser endete diese Aufholjagd nicht in einem Triumphmarsch - sondern in Tragik und Trauer. Als Schiedsrichter Kevin Blom aus den Niederlanden das Torfestival abpfiff, sanken die Protagonisten in den grün-weißen Jerseys auf den neuen Rollrasen, das Publikum klatschte im Stehen, doch das nahmen die meisten vor lauter Frust gar nicht wahr.

"Normalerweise reichen vier Tore doch für einen Sieg", stammelte Bremens Bester, der quirlige Marko Marin, "aber Valencia hat eine Top-Mannschaft." Tim Wiese sagte in Anspielung auf das Duo David Villa und David Silva: "Die Truppe, die da vorne rumwirbelt, ist überragend."

Aber eigentlich doch nicht so gut, dass der deutsche Pokalsieger dagegen ausscheiden musste.

Vorstandschef Klaus Allofs widersprach klipp und klar seinen gut bezahlten Angestellten: "Mit Verlaub, gegen diese Mannschaft darf man nicht ausscheiden." Der 53-Jährige gab seinen Spielern, die ja in stattlicher Zahl bei der WM in Südafrika Akzente für das deutsche Nationalteam setzen wollen, mit: "Ich bin richtig verärgert. Zum erfolgreichen Fußball gehört, sich cleverer zu verhalten."

Immer wieder gaben die Bremer zentrale Freiräume preis, ließen sich mit Bällen in die Schnittstellen einer zu langsamen Abwehr düpieren, so dass der Dritte der Primera División aus fünf Torschüssen vier blitzsaubere Tore fabrizierte. Dass dem dritten Streich vom spanischen Torphänomen Villa eine Abseitsstellung vorausging, macht es aus Bremer Sicht nicht besser.

Selbst Trainer Thomas Schaaf kritisierte die Seinen ungewohnt offen: "Wir sind dem Ziel des Fußballs nicht gerecht geworden. Das liegt darin, viele Tore vorne zu schießen, hinten aber auch viele zu verhindern. Man muss sich an den Gegentoren messen lassen." Dass trifft aber auch auf den Chefcoach selbst zu, der es wohl nur punktuell schafft, dass in Bremen die Schotten dicht sind.

Offensive gewinnt zu wenig Zweikämpfe in der Defensive

Wie gegen Valencia befleißigt sich Schaafs Ensemble immer mal wieder eines Harakiri-Stils, der zwar stets hohen Unterhaltungswert und pures Spektakel bedeutet, aber eben nicht zwingend Effizienz und Erfolg beinhaltet. Wortführer Torsten Frings: "Als Mannschaft müssen wir besser verteidigen, so wie wir das in Hoffenheim getan haben."

Valencia auf dieser Bühne sei aber eben ein anderes Kaliber als Hoffenheim auf der nationalen, sagte Allofs.

So steht als Erkenntnis: Die defensive Klasse dieses Teams ist zu weit vom hohen Anspruch entfernt. Was wiederum auch daran liegt, dass die Freigeister Aaron Hunt, Mesut Özil und Marin mit allen Freiheiten hinter der einzigen Spitze Pizarro wirbeln dürfen. Solange dieses Trio aber in erschreckender Regelmäßigkeit weniger Defensivzweikämpfe gewinnt als der fleißige Peruaner zusammen, bleibt Werder ein anfälliges Gebilde.

Dass sich Hunt beim 1:3 austanzen ließ und Özil gar nicht erst zum Ball ging, sagt alles über die Kardinalschwäche der hoch veranlagten Spieler. Oder wie es Abwehrchef Mertesacker analysierte: "Das war einfach kein gutes Defensivverhalten in der ersten Halbzeit. In der zweiten Halbzeit haben wir gezeigt, dass wir es besser können."

Allofs wollte zu gleichen Teilen loben wie tadeln, und vorsorglich wies er darauf hin, dass der eigentliche Charaktertest erst folgt: Keine 45 Stunden nach dem Aus steht am Samstag die Bundesligapartie gegen den VfL Bochum auf dem Programm (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Schon am Dienstag folgt das 44. und wohl wichtigste Pflichtspiel dieser Saison, das DFB-Pokalhalbfinale gegen Zweitligist FC Augsburg.

DFB-Pokalhalbfinale als letzte Chance, die Saison zu retten

Bochum wird eher eine lästige Pflicht - Allofs sprach von einem "grausamen Freitag, alles tut weh, alle haben Muskelkater und Prellungen." Spätestens am Dienstag muss die Mannschaft sich aber den Schock aus den Gliedern geschüttelt und gespielt haben. Denn mit dem Einzug ins DFB-Pokalendspiel nach Berlin kann Werder wie im Vorjahr die Saison retten.

Außerdem hätte der Club das Ticket für die nächste Europa-League-Saison so gut wie in der Tasche, weil der Finalgegner in Berlin (Bayern oder Schalke) mit großer Wahrscheinlichkeit mit der Champions League beschäftigt sein wird.

Die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb ist für den hochpreisigen Kader in jeder Hinsicht Pflicht. Aufsichtsratschef Willi Lemke kündigte andernfalls schon dramatische Einschnitte an. "Wir haben ein gut besetztes und damit teuer zu bezahlendes Mannschaftsgefüge. Das ist eine Hausnummer, und diese Hausnummer kann man nur bezahlen, wenn man die entsprechenden Einnahmen erzielt."

Ausgerechnet der eher wortkarge Özil brachte die neue Ausgangslage treffend auf den Punkt. "Wir haben die Meisterschaft verpatzt, sind in der Europa League rausgeflogen", sagte er. "Jetzt müssen wir gegen Augsburg gewinnen und den Pott holen, dann ist alles wieder gut."

insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
K-Mann 19.03.2010
1. Die Bremer Krankheit
Zitat von sysopVorne hui, hinten pfui - gegen Valencia scheiterte Bremen schon wieder wegen eklatanter Defensivschwächen. Das Aus in der Europa League bedeutet für Werder: Jetzt muss ein Triumph im DFB-Pokal her, um die verkorkste Saison noch irgendwie zu retten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,684468,00.html
Es ist das alte Leiden der Bremer: es reicht zwar, wenn man vorne ein Tor mehr erzielt, als man hinten zulässt, aber ein 5:4 ist halt nicht alle Tage drin. Es fehlt, nicht erst seit gestern, der Mann, der die Abwehr hinten zusammenhalten kann. Das unterscheidet die Bremer von den Teams, die in der Ligatabelle vor ihnen stehen. Es fehlt ein van Bommel, ein Hyppiä, vielleicht sogar ein Westermann. Stattdessen Mertesacker, der zwischen grandiosen Spielen immer mal wieder den Bruder Leichtfuß gibt, oder Fritz, der auch nur selten wirklich überzeugt. Wenn ich dran denke, dass die beiden im Sommer Ambitionen in Südafrika hegen, zusammen mit Arne Friedrich, der bis dahin sang- und klanglos aus der Liga abgestiegen sein wird, wird mir ganz blümerant. Mein Wunsch an Klaus Allofs: bemühen Sie sich bitte für die nächste Saison um eine wirkliche Verstärkung für die Abwehr. Dann muss auch Pizarro vorne nicht immer 'nen Glanztag erwischen.
gehlhajo, 19.03.2010
2. Abwehr
Zitat von K-MannEs ist das alte Leiden der Bremer: es reicht zwar, wenn man vorne ein Tor mehr erzielt, als man hinten zulässt, aber ein 5:4 ist halt nicht alle Tage drin. Es fehlt, nicht erst seit gestern, der Mann, der die Abwehr hinten zusammenhalten kann. Das unterscheidet die Bremer von den Teams, die in der Ligatabelle vor ihnen stehen. Es fehlt ein van Bommel, ein Hyppiä, vielleicht sogar ein Westermann. Stattdessen Mertesacker, der zwischen grandiosen Spielen immer mal wieder den Bruder Leichtfuß gibt, oder Fritz, der auch nur selten wirklich überzeugt. Wenn ich dran denke, dass die beiden im Sommer Ambitionen in Südafrika hegen, zusammen mit Arne Friedrich, der bis dahin sang- und klanglos aus der Liga abgestiegen sein wird, wird mir ganz blümerant. Mein Wunsch an Klaus Allofs: bemühen Sie sich bitte für die nächste Saison um eine wirkliche Verstärkung für die Abwehr. Dann muss auch Pizarro vorne nicht immer 'nen Glanztag erwischen.
Schließ mich diesem Wunsch an. Zumal es die Baustelle in Abwehr ja nicht erst seit gestern gibt...
narovon 19.03.2010
3. --
Zitat von sysopVorne hui, hinten pfui - gegen Valencia scheiterte Bremen schon wieder wegen eklatanter Defensivschwächen. Das Aus in der Europa League bedeutet für Werder: Jetzt muss ein Triumph im DFB-Pokal her, um die verkorkste Saison noch irgendwie zu retten. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,684468,00.html
Naja aber schön war's doch. Viele andere hätten da ein trostloses 0:0 oder ein tristes 1:1 erzittert, Werder spielt 4:4 und legt einen Fußballabend hin. Man kann sagen was man will, die Mannschaft ist und bleibt eine Bereicherung sowohl der Bundesliga als auch international.
EineStimme, 19.03.2010
4. Kritik nicht nachvollziehbar
Ich finde es besser, wenn 2 Mannschaften mit offenen Visier kämpfen udne s auf und ab geht, als wenn es nur ein Geschiebe im MIttelfeld gibt. Alos Werder, habt toll gespielt und unglücklich verloren.
mika-amw 19.03.2010
5. .
Zitat von EineStimmeIch finde es besser, wenn 2 Mannschaften mit offenen Visier kämpfen udne s auf und ab geht, als wenn es nur ein Geschiebe im MIttelfeld gibt. Alos Werder, habt toll gespielt und unglücklich verloren.
man sieht ja, was dann dabei rauskommt... es kann doch bitteschön nicht, mit 4 geschossenen toren auszuscheiden. das ist mir unbegreiflich, wie ein profi-club solche ein abwehrverhalten seit bestimmt 6 jahren an den tag legt. warum rennen beide innenverteidiger bei jeder ecke mit nach vorne? klar, beide groß gewachsen und kopfballstark, doch in vielen fällen wird dann keine chance draus und hinten ist alles offen. die beiden höchstens mittelklassigen außenverteidiger stehen dann dumm da. man sollte mal die kopfballtore von naldo und merte den kontertoren nach ecken vergleich, dann sieht man ja, ob es sinn ergibt, das loch in der mitte klaffen zu lassen. warum deckt der LV den villa nicht? der ist ja nicht erst gestern ein bekannter name. wenn man eben keine raumdeckung kann, sollte sie vielleicht wieder am angreifer kleben. bremen sollte mal ein bisschen geld in die hand nehmen, denn es gibt sehr wohl bessere alternativen auf dem markt als diesen prödl, fritz oder boenisch.
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