Wettmanipulation Déjà-vu mit dem Zockerkönig

Vor rund fünf Jahren wurde Ante Sapina wegen Wettmanipulationen im Fußball verurteilt. Nun steht er mit fünf weiteren Angeklagten erneut vor Gericht. Es geht um 47 vermeintlich manipulierte Spiele, Beträge in Millionenhöhe und die Frage, wer mit den Angeklagten zusammengearbeitet hat.

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Die Berliner Rankestraße ist völlig versunken im tiefen Rot und Weiß. Einzelne Quadrate tanzen feiernd umher. Die vielen kroatischen Fußballtrikots lassen die Menschenmasse zu einem großen Ganzen werden. Die Euphorie rund um die Fußballweltmeisterschaft 2006 führt viele Menschen zueinander. Auch Menschen wie Ante Sapina und Marijo Cvrtak. Die beiden Hauptbeschuldigten im am Montag beginnenden Fußball-Wettskandal sind mitten unter den kroatischen Fans. Ganz in der Nähe des berühmten Café King schmieden sie einen Plan, der die Fußballwelt erschüttern wird.

Sapina ist zu diesem Zeitpunkt ein verurteilter Wettbetrüger. Knapp drei Jahre soll er ins Gefängnis, weil er im Jahr 2004 die Bundesliga-Schiedsrichter Robert Hoyzer und Dominik Marks bestochen hat. Er verbringt seine Inhaftierung als Freigänger in Berlin. Er muss zwar zum Schlafen in die Zelle, tagsüber allerdings darf er einem Beruf außerhalb der Gefängnismauern nachgehen. Er arbeitet als Aushilfe im "King", der Sportsbar seines Bruders Milan. Und er wettet wieder.

Ganz ohne große zeitliche Trennung oder moralischem Moratorium frönt der Kroate seiner Leidenschaft, die ihn schon seit seiner Pubertät begleitet. Der "Profizocker", wie ihn sein Bruder Milan bezeichnet, macht sich in der Branche schnell wieder einen Namen. Er gilt mittlerweile als ein Messias der Zockerwelt. Als einer, der das widerlich inkonstante Glück und die stets unfairen Wahrscheinlichkeiten auszutricksen versteht.

"Natürlich wollte ich den kennenlernen. Alle haben Ante angepriesen", sagt Cvrtak bei seiner Zeugenaussage vor dem Bochumer Landgericht im Dezember des vergangenen Jahres. Cvrtak, dessen Biografie ein einziges Zerwürfnis voller Ausbildungsabbrüche und Vorstrafen ist, arbeitet zu dieser Zeit in einem Wettbüro in Nürnberg. Er kennt viele Profifußballer, die bei ihm wetten oder die er über Mittelsmänner kennengelernt hat. Kontaktschwierigkeiten hat der charmante und gewitzte Kroate nicht. Auch nicht, als er vor seinem großen Idol steht. "Ich habe Ante einfach angesprochen. Er hat mir zugehört, wir haben uns gut verstanden", sagt Cvrtak.

Tausende abgehörte Telefonate

Gleich und gleich gesellt sich gern - tatsächliche und vermeintliche Wettmanipulateure widerlegen das Sprichwort nicht. Im Gegenteil. Sapina steht 2006 weiterhin im Fokus der Ermittler, darf offiziell keine eigenen Wettkonten haben. Cvrtak ist unbeleckt, hofft auf Sapinas Kontakte. Es entsteht ein Geschäftsmodell, das lange Zeit sehr gut funktioniert.

Bis zum 19. November 2009 und dem Zugriff der Sonderkommission "Flankengott". Diese hatte Tausende Telefonate zwischen Sapina, Cvrtak, Ivan P., Deniz C., Dragan M. und Ramazan K. abgehört. Alle sechs werden heute erstmals auf der Strafbank Platz nehmen. 47 manipulierte Spiele werden ihnen zu Lasten gelegt. Sapina soll laut der 287-seitigen Anklageschrift an 43 Fällen beteiligt sein, Cvrtak an 46. Insgesamt sollen im Zeitraum von 2008 bis 2009 32 Millionen Euro umgesetzt und ein vermeintlicher Profit von 3,5 Millionen Euro erzockt worden sein.

"Das ist die Champions League der Wettmanipulation", sagt Staatsanwalt Andreas Bachmann. Die SPIEGEL-ONLINE-Anfrage, warum lediglich 47 Spiele in der Anklageschrift thematisiert werden, obwohl die Staatsanwaltschaft ursprünglich von weit mehr als 200 Manipulationen ausgegangen war, bleibt von der Staatsanwaltschaft hingegen unbeantwortet.

Wann ist eine Manipulation eine Manipulation?

Dabei wird diese Frage wie ein Damoklesschwert über dem Prozess hängen. Rein rechtlich ist nämlich - und das zeigt auch der erste und sich seit Oktober vergangenen Jahres unermüdlich in die Länge ziehende Prozess gegen die vermeintlichen Wettmanipulateure Nürettin G., Tuna A., Stevan R. und Kristian S. - völlig unklar, wann eine Manipulation tatsächlich eine Manipulation ist. Erfolgt sie bereits dann, wenn einem Spieler etwas für eine bestimmte Spielhandlung versprochen wurde? Oder erst, sobald der Spieler das Geld angenommen hat? Aber wie wird dann die Situation bewertet, wenn der Spieler sich seine Absicht auf dem Spielfeld anders überlegt? Und wer ist eigentlich bei einer Spielmanipulation der Geschädigte?

Die Staatsanwaltschaft beantwortet zumindest die letzte Frage: Als Geschädigte nennt sie alle Wettanbieter, da diese einen Quotenschaden davontragen. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hat bislang jedoch noch kein Wettbetreiber, Buchmacher oder Quotendealer gegen die Gebaren der Wettmanipulateure geklagt.

Dies führt zum wahrscheinlich schwierigsten Aufklärungsunterfangen: Wie eng sind die Quotenmacher mit den Quotenbrechern verbündet? Wer arbeitete mit Wettmanipulateuren wie Sapina und Cvrtak zusammen und lässt sie Monatswettumsätze von bis zu einer Million Euro spielen? Auf einige dieser Fragen wird der Prozess wohl Antworten geben. Zumal die Ermittlungen mittlerweile größtenteils abschlossen sind.

Andere Fragen werden hingegen wieder versanden, da der Wettmarkt mittlerweile eine globale und äußerst chiffrierte Angelegenheit ist. Auf eines kann man sich jedoch trotz der Geständnisse von Sapina und Cvrtak einstellen: Wer auf ein schnelles Ende des Prozess wetten möchte, wird wohl eine sehr hohe Quote erhalten.



insgesamt 2 Beiträge
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renee gelduin 21.03.2011
1. ...
Der oder die Geschaedigten sind weniger Buchmacher und mehr andere Sportwetter. Es kommt sehr auf die Spiele an aber bei nichtasiatischen Buchmachern kann man eher wenig setzen. Zumal da noch das Problem von Limits usw. ist. Da nach allgemeiner Auffassung Buchmacher davon leben auf ein Spiel ausgeglichene Einsätze liegen zu haben (also auf allen möglichen Ausgängen dasselbe Verlustrisiko), ist es hierbei eo epso egal welchen Ausgang das Spiel am Ende nimmt. geschädigte sind daher direkt andere Sportwetter. Bei einer Wettbörse wie zB betfair spielt man gegen andere Sportwetter. Die Börsenbetreiber werden maximal indirekt geschädigt, nämlich wenn im Zuge von negativer publicity ein Einsatzrückgang zu verzeichnen ist. Warum Ante jedoch nur 10% Gewinn rausholen konnte ist wesentlich interessanter. Worauf welche Einsätze lagen und wo gespielt wurde ebenso. Aber da versagt der Möchtegerninvestigativjournalismus. 90% der Artikel in der Presselandschaft sind Müll und größtenteils derart fehlerhaft ...
Karotte335 21.03.2011
2. Hammer
Der eigentliche Hammer bei dieser Geschichte ist ja, dass Ivan P. weiterhin als Profi-Basketballer in Deutschland spielen darf, als sei nichts passiert. Der hat alle Spiele der diesjährigen Hauptrunde in der Pro B bei Breitengüßbach bestritten.
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